- Europapolitik Wettbewerbsfähiges Europa braucht starke Medizintechnik Ein Beitrag von Anja Siegemund, Leiterin des BVMed-Büros in Brüssel
Europa steht unter wachsendem Druck, seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Für eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung spielt die Medizintechnik dabei eine Schlüsselrolle. Damit Innovationen weiterhin in Europa entwickelt und Patient:innen zugutekommen können, müssen regulatorische Hürden reduziert und Rahmenbedingungen gezielt verbessert werden.
Artikel06.04.2026
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Wettbewerbsfähigkeit und Gesundheitsversorgung gehören zusammen
Eine wettbewerbsfähige Europäische Union braucht einen starken Gesundheitssektor. Patient:innen müssen sich darauf verlassen können, dass sie eine bestmögliche Versorgung erhalten – und dass dieser hohe Standard kontinuierlich weiterentwickelt wird.
Dafür benötigen Unternehmen der Medizintechnik verlässliche und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen. Der BVMed setzt sich deshalb auf europäischer Ebene konsequent dafür ein, regulatorische Belastungen zu reduzieren und Innovationen schneller in die Versorgung zu bringen.
Eine aktuelle OECD-StudieExterner Link. Öffnet im neuen Fenster/Tab. unterstreicht den Handlungsbedarf: Der Anteil der Arbeitsressourcen, die Unternehmen für regulatorische Anforderungen aufwenden müssen, ist in Europa von 3,7 Prozent (2011) auf 3,9 Prozent (2023) gestiegen. In den USA liegt dieser Wert bei 3,2 Prozent – die regulatorische Belastung in Europa ist damit rund 20 Prozent höher.
Auch die Fragmentierung des europäischen Binnenmarkts verursacht zusätzliche Kosten und schwächt die internationale Wettbewerbsfähigkeit.
- 150 Mrd. € jährliche Bürokratiekosten für Unternehmen und Verwaltungen in der EU. Ziel der EU-Kommission: –25 % Verwaltungsaufwand, für KMU –35 % (QuelleExterner Link. Öffnet im neuen Fenster/Tab.)
- 3,9 % der Arbeitsressourcen in EU-Unternehmen werden für Regulierung eingesetzt – in den USA sind es 3,2 % (≈ 20 % geringere Belastung) (QuelleExterner Link. Öffnet im neuen Fenster/Tab.)
- 15 % des EU-BIP (≈ 2,5 Billionen €) entfallen auf öffentliche Beschaffung – eine Reform des Vergaberechts soll Verfahren vereinfachen und Innovation fördern (QuelleExterner Link. Öffnet im neuen Fenster/Tab.)
Bürokratieabbau auf europäischer Agenda
Die Europäische Kommission hat angekündigt, den Verwaltungsaufwand für Unternehmen und Behörden deutlich zu reduzieren. Aktuell wird dieser Aufwand EU-weit auf rund 150 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt.
Bis zum Ende der Legislaturperiode soll er um mindestens 25 Prozent reduziert werden – für kleine und mittlere Unternehmen sogar um 35 Prozent.
Mehrere sogenannte Omnibus-Initiativen sowie weitere Reformvorhaben könnten zu einer Reduzierung der jährlichen Verwaltungslasten um rund 15 Milliarden Euro führen. Der eingeschlagene Weg ist richtig – entscheidend ist nun die konsequente und zügige Umsetzung.
MDR-Revision als zentrales MedTech-Projekt
Die europäische Medizinprodukte-Verordnung (MDR) bleibt eine zentrale Herausforderung für die Branche – und ist zugleich ein entscheidender Hebel für die Wettbewerbsfähigkeit Europas.
In der Praxis zeigt sich, dass viele Verfahren zu komplex, langwierig und schwer planbar sind. Das bindet Ressourcen und bremst Innovationen. Entsprechend fordern Unternehmen vor allem weniger Bürokratie und verlässlichere Zertifizierungsprozesse.
Die Europäische Kommission hat 2025 erste Schritte zur Weiterentwicklung eingeleitet und einen Revisionsvorschlag vorgelegt. Entscheidend ist jetzt, die MDR so weiterzuentwickeln, dass sie Patient:innensicherheit gewährleistet und gleichzeitig Innovation sowie Versorgungssicherheit in Europa stärkt.
Digitale Regulierung besser verzahnen
Eng mit der MDR-Revision verbunden ist der sogenannte Digital Omnibus. Dabei geht es insbesondere um das Zusammenspiel zwischen der MDR und neuen digitalen Rechtsrahmen wie dem AI Act.
Der BVMed begleitet die Beratungen eng und bringt sich aktiv in den Austausch mit Europäischem Parlament, Rat und Kommission ein. Ziel ist es, sicherzustellen, dass neue Regelungen Innovationen unterstützen und nicht behindern.
Vergaberecht modernisieren und Innovation fördern
Auch die Reform des europäischen Vergaberechts steht auf der politischen Agenda. Der aktuelle Rechtsrahmen gilt als komplex und fragmentiert.
Dabei hat die öffentliche Beschaffung eine enorme wirtschaftliche Bedeutung: Rund 15 Prozent des EU-BIP – etwa 2,5 Billionen Euro – entfallen auf öffentliche Aufträge.
Der BVMed setzt sich daher für eine stärkere Ausrichtung der Vergabeverfahren auf Qualität und Innovation ein. Ein zentraler Ansatz ist das Konzept des Value-Based Procurement, bei dem der medizinische Nutzen stärker berücksichtigt wird.
Europa muss Tempo aufnehmen
Der im Februar 2026 veröffentlichte Bericht der EU-Kommission zur Wettbewerbsfähigkeit zeigt deutlich, dass weiterhin großer Handlungsbedarf besteht.
Die aktuellen Initiativen der Europäischen Kommission sind wichtige Schritte in die richtige Richtung. Gleichzeitig bleibt klar: Europa muss beim Bürokratieabbau, bei Innovationen und bei der Regulierung deutlich schneller werden.
Nur so lassen sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen verbessern, Innovationen fördern und eine hochwertige Gesundheitsversorgung langfristig sichern.
„Eine starke Medizintechnik ist ein zentraler Baustein für eine innovative und zukunftsfähige Gesundheitsversorgung in Europa.“Anja Siegemund S.R.L.Leiterin Büro Brüssel
