Adipositas-Chirurgie

Mortalität gesenkt: Wem nutzen bariatrische Operationen am meisten?

ÄrzteZeitung Online vom 25.08.2020

Von einem bariatrischen Eingriff profitierten in einer kanadischen Studie insbesondere Männer und – unabhängig vom Geschlecht – Patienten über 55. Der Mortalitätsvorteil war vor allem auf eine Reduktion des kardiovaskulären Risikos und der Krebssterblichkeit zurückzuführen.

Einen signifikanten Mortalitätsrückgang innerhalb von fünf Jahren fand ein Chirurgenteam aus Kanada bei Patienten, die sich zwischen 2010 und 2016 in der Provinz Ontario einer bariatrischen Op unterzogen hatten (Ann Int Med 2020; online 18. August). Im Vergleich mit einer nach Alter, Geschlecht, BMI und Diabetesstatus angepassten Kohorte hatten die operierten Patienten ein insgesamt um 32 Prozent geringeres Sterberisiko im entsprechenden Zeitraum.

In Ontario können Hausärzte ihre adipösen Patienten über ein öffentlich finanziertes zentralisiertes Netzwerk (Ontario Bariatric Network) einer Op zuweisen; dabei handelt es sich in der Regel um einen Magenbypass. 13.679 Patienten, die dieses Angebot wahrgenommen hatten, wurden retrospektiv einer gleichgroßen Zahl von Hausarztpatienten gegenübergestellt, die darauf verzichtet hatten.

Über 55-Jährige profitierten am meisten

Nach im Mittel 4,9 Jahren lag die Mortalitätsrate bei den operierten Patienten bei 1,4 Prozent, in der Vergleichsgruppe dagegen bei 2,5 Prozent. Patienten im Alter von 55 Jahren oder darüber profitierten am meisten, bei ihnen ging die Mortalität von 6,1 Prozent (ohne Op) auf 2,8 Prozent (mit Op) zurück.

Männer hatten insgesamt einen deutlicheren absoluten Effekt als Frauen, mit einer ARR (Absolute Risikoreduktion) von 2,3 Prozent gegenüber 0,8 Prozent. Dabei war der Männeranteil in beiden Gruppen mit jeweils weniger als 20 Prozent bemerkenswert niedrig.

Den Forschern zufolge war der Mortalitätsvorteil vor allem auf die niedrigere Krebssterblichkeit und das geringere Risiko einer tödlich verlaufenden kardiovaskulären Erkrankung in der Op-Gruppe zurückzuführen. Erstere war in den knapp fünf Jahren nach dem bariatrischen Eingriff um relative 46 Prozent zurückgegangen, Letzteres um relative 47 Prozent.

Überraschenderweise sorgte die Op auch noch bei Patienten über 60 Jahren für eine deutliche Reduktion der 5-Jahres-Sterblichkeit. Das Team um Dr. Aristithes Doumouras vom Klinikverband St. Joseph’s Healthcare in Hamilton rät daher explizit, auch ältere Patienten und vor allem Männer zur bariatrischen Chirurgie zu ermutigen.

Vielzahl von Patientenfaktoren berücksichtigt

Wie die Autoren betonen, hat bislang keine vergleichbare Arbeit so viele Patientenfaktoren einbezogen: So wurden nicht nur Begleiterkrankungen wie COPD, Schlafapnoe, ein früherer Schlaganfall und schwere Nierenschäden berücksichtigt, sondern beispielsweise auch Rauchstatus, Substanzmissbrauch, frühere chirurgische Eingriffe, die Teilnahme an Screeningmaßnahmen und die psychiatrische Vorgeschichte.

In der Auswertung nach BMI-Gruppen profitierten die Patienten am meisten, bei denen der BMI vor der Op zwischen 40 und 50 kg/m2 betragen hatte. Aber auch Patienten, die darüber lagen, zeigten einen immer noch signifikanten Rückgang der Mortalität. Bei Werten unter 40 war dies dagegen nicht der Fall. Im Mittel hatte der BMI vor dem bariatrischen Eingriff bei 47 kg/m2 gelegen. In der Op-Gruppe waren innerhalb von 30 Tagen nach dem Eingriff neun Todesfälle aufgetreten, das entspricht laut Doumouras und Kollegen einer Quote von 0,07 Prozent.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Wie hoch ist die Mortalität nach bariatrischer Op unter Berücksichtigung zahlreicher klinischer Faktoren?
Antwort: Innerhalb von fünf Jahren starben in der Op-Gruppe 1,4 Prozent, in einer Kontrollgruppe 2,5 Prozent. Die kardiovaskuläre Mortalität sank um relative 47 Prozent, die Krebssterblichkeit um 46 Prozent. Männer über 55 profitierten am meisten.
Bedeutung: Die Prozedur sollte gerade auch älteren Patienten empfohlen werden.
Einschränkung: Retrospektive Kohortenstudie, kein Kausalitätsnachweis möglich; Informationen zu medikamentösen Therapien nicht verfügbar; relativ kurze Nachbeobachtung.

Quelle: ÄrzteZeitung Online vom 25. August 2020
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