Körperstolz

Patientengeschichte Michael Schmidt

Michael Schmidt (39) ist als Software-Trainer im Baustoffhandel in Leipzig tätig. Dabei plant und organisiert er Schulungen für zahlreiche Standorte in Deutschland. Im Winter fährt er gerne Ski, im Sommer liegt er am liebsten mit seiner Partnerin am Strand. Seit drei Jahren ist Michael täglich auf die Dialyse angewiesen, da seine Nieren Gifte nur unzureichend abbauen. Sein Leben hat sich seitdem verändert, dennoch fühlt er sich frei und mobil. „Durch die Diagnose ‚Niereninsuffizienz’ gehe ich bewusster mit meinem Leben um und empfinde mehr Wertschätzung. Ich habe erkannt, dass das Leben nicht nur aus Arbeiten besteht, sondern Familie und Freunde wichtiger sind.“

Downloads: Motiv Bauchfelldialyse
Motiv und Interview als Broschüre (pdf-Download)

Wie haben Sie von Ihrer Niereninsuffizienz erfahren?

Es fing mit harmlosen Kopfschmerzen an, die immer stärker wurden und öfter auftraten. Meine Hausärztin stellte dann fest, dass ich einen zu hohen Blutdruck hatte. Außerdem war mein Kreatininwert deutlich erhöht. Alles deutete auf Nierenversagen hin. Eine Nierenspezialistin bestätigte die Diagnose und machte mir schnell klar, dass ich zum Überleben täglich eine Dialyse brauche. Meine Nieren reinigen mein Blut nicht richtig.

Warum können Ihre Nieren das nicht?

Die genauen Ursachen für Niereninsuffizienz lassen sich bis heute nicht feststellen. Nierenversagen ist eine sogenannte Autoimmunerkrankung. Die Ärzte vermuten, dass ich irgendwann mal eine Erkältung oder Angina hatte, die ich nicht richtig auskuriert habe und dabei meine Nieren nachhaltigen Schaden genommen haben.

Wie sind Sie mit der Diagnose umgegangen?

Zuerst hat es sich angefühlt, als würde eine Welt zusammenbrechen. Ich arbeite als Software-Trainer im Baustoffhandel. Vor der Diagnose war ich fast jede Woche unterwegs und führte Schulungen an verschiedenen Standorten in Deutschland durch. Mein Job war ein großer Teil meines Lebens, und ich hatte Angst, ihn durch die Krankheit zu verlieren. Deswegen verdrängte ich die Diagnose zunächst und wollte mich nicht mit der Krankheit auseinandersetzen. Wäre da nicht meine Freundin gewesen.

Wie hat Sie Ihre Freundin unterstützt?

Sie hat sich gleich zu Anfang im Internet und auf anderen Kanälen umfangreich über Niereninsuffizienz und Dialyse informiert. Dabei entdeckte sie auch die Bauchfelldialyse, eine innovative Alternative zur Hämodialyse. Ich war nicht gleich überzeugt, doch nachdem mir auch meine Nephrologin diese moderne Technik empfahl, probierte ich es aus.


Wie funktioniert die Bauchfelldialyse?

Bei der Bauchfelldialyse wird das Bauchfell als Filter genutzt. Dafür wurde mir ein Schlauch in die Bauchhöhle implantiert. Über den Schlauch wird eine reinigende Glukoselösung in mein Blut geleitet. Das Einführen und Ablassen der Lösung übernimmt ein mobiler Cycler, den ich über Nacht an den Schlauch anschließe. Das ist der große Vorteil gegenüber der Hämodialyse, die stationär stattfindet und Patienten drei Tage in der Woche für mehrere Stunden an ein Dialysezentrum bindet. Durch den Cycler bin ich mobil und kann ein unabhängiges Leben führen.

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Sie konnten die Welt, die nach der Diagnose zusammengebrochen ist, also wieder aufbauen?

Das kann man so sagen. Gleichzeitig hat sich natürlich auch einiges verändert. Die Dialyse ist ein fester Teil meines täglichen Lebens geworden. Ich erkenne sie als lebensnotwendige Maßnahme an. Auch habe ich seit der Dialyse viel nachgedacht und dabei gelernt, mein Leben mehr wertzuschätzen. Ich sehe es nicht mehr nur als Arbeit, sondern als Zeit, die ich mit Familie und Freunden verbringen möchte. Wenn man so will, habe ich aus der ganzen Erfahrung also auch etwas Positives ziehen können.

Welche Rolle hat Ihr Arbeitgeber in diesem Prozess gespielt?

Nach der Diagnose habe ich zeitnah das Gespräch gesucht und gemeinsam mit meinem Vorgesetzten eine Lösung gefunden. Wir haben meine Außeneinsätze reduziert, sodass ich jetzt intern für die Planung und Organisation der Schulungen und die Ausbildung der Trainer zuständig bin. Für diese flexible Lösung bin ich dankbar.

Und wie flexibel sind Sie bei der Ernährung? Können Sie alles essen, was Sie möchten?

Im Prinzip ja. Bei kaliumhaltigen Lebensmitteln, wie zum Beispiel Kartoffeln und Bananen, muss ich allerdings aufpassen. Aufgrund meiner schwachen Nieren kann mein Körper das Kalium nur schlecht aufspalten. Wenn ich die Lebensmittel allerdings koche, löst das heiße Wasser das Kalium aus den Lebensmitteln. Was ich auch im Auge behalten muss, ist mein Kalorienhaushalt. Die Glukoselösung, die ich jede Nacht durch die Dialyse aufnehme, entspricht ca. einer halben Tafel Schokolade. Um nicht zuzunehmen, versuche ich dann tagsüber nicht mehr so viel Süßes zu essen. Aber das versuchen wir ja alle, nicht wahr?

Sie führen die Dialyse durch, wenn Sie schlafen. Müssen Sie dabei feste Zeiten einhalten?

Nein, so strikt ist das nicht. Das heißt, ich kann auch mal die Nacht durchfeiern oder früher ins Bett gehen. Ich empfinde also nicht gleich Schmerzen, wenn ich die Dialyse verschiebe. Es ist eher so, dass ich mich nach einer Weile müde und schlapp fühle. Wenn der Cycler dann angeschlossen ist, ist es wichtig, ihn sieben Stunden laufen lassen.

Fahren Sie trotz Ihrer Erkrankung gerne in den Urlaub? Wie funktioniert das mit der täglichen Dialyse?

Ja, sehr gerne sogar. Ich mag jegliche Art von Wintersport und fahre im Sommer gerne an den Strand. Dabei schicke ich mir die Glukoselösungen im Vorfeld an meinen Urlaubsort, da die Menge, die ich bei ein oder zwei Wochen Urlaub benötige, nicht zu transportieren ist.
Vorher muss ich natürlich einen Empfänger recherchieren, der die Lieferung entgegennimmt und lagern kann. Bei meinem letzten Urlaub in Portugal war das ein deutscher Arzt, an anderen Urlaubsorten war es das Hotel. Bei Flugreisen kann ich meinen Cycler als kostenloses Handgepäck mitführen, da er zu meinem Lebenserhalt notwendig ist. Für den Fall, dass der Cycler Schaden nimmt oder verloren geht, habe ich Glukoselösungen für den Handwechsel dabei. Damit kann ich einige Tage ohne Cycler überbrücken. Insofern: Ja, ich habe einen höheren Aufwand bei der Reiseplanung, allerdings wird der durch den anschließenden Urlaub immer wettgemacht!

Ist die Dialyse denn eine langfristige Lösung?

Der momentane technische Stand ermöglicht mir eine Dialyse über das Bauchfell von bis zu zehn Jahren. Danach wird mein Bauchfell zu vernarbt sein, um als Filter zu dienen. Forscher arbeiten jedoch an einer Lösung, die schonender für das Bauchfell ist. Das wäre natürlich super für mich. Als Alternative zur Bauchfelldialyse gibt es die Hämodialyse, die ich jedoch vermeiden möchte. Langfristig wünsche ich mir aber eine Nierentransplantation, damit ich gar keine Dialyse mehr brauche.

Wie denken Sie über das Thema Organspende?

Ein Aspekt, der mir besonders wichtig ist, sind die politischen Rahmenbedingungen für Organspenden in Deutschland. Das hat natürlich einen persönlichen Hintergrund. Momentan gibt es keine zentrale Datenbank, sondern Spender müssen immer einen Organspendeausweis bei sich tragen. Das minimiert die Zahl der Transplantationen erheblich. Ich wünsche mir eine offenere, tabufreie Debatte zum Thema, um erfolgreiche Reformen herbeizuführen.

Warum nehmen Sie an der Kampagne „Körperstolz“ teil?

Ich unterstütze die Kampagne, um andere Betroffene zu ermutigen, sich intensiver mit den verschiedenen Möglichkeiten der Dialyse auseinander zusetzen. Ich bin dankbar, für mich die Bauchfelldialyse als Alternative zur stationären Hämodialyse gefunden zu haben. Doch viele wissen gar nicht, dass es diese gibt.

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Sind Sie stolz auf Ihren Körper?

Ja, sehr! Denn mein Körper ermöglicht mir – trotz Niereninsuffizienz – ein aktives Leben. Ich kann einfach ich selbst sein.

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Hier geht es zum Plakatmotiv mit Michael Schmidt.
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