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 - Wundversorgung 11. BVMed-Wunddialog: Chancen für bessere Versorgung jetzt nutzen

Die Versorgung chronischer Wunden ist in Deutschland oft unzureichend bis mangelhaft. Gründe dafür sind unter anderem unzureichende Verfahren bei den Evidenznachweisen von Wundversorgungsprodukten und Probleme in der Pflegepraxis. Das führt teilweise zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität von Patient:innen mit chronischen oder schwer heilenden Wunden. Über mögliche Lösungen diskutierten Expert:innen auf dem 11. Wunddialog des Bundesverbands Medizintechnologie (BVMed) am 27. Februar 2026 in Berlin. Als Grundlage für dringend nötige Veränderungen im Bereich der Wundversorgung wurden von der Expert:innen die umfassenden Empfehlungen zur Nationalen Wundstrategie gesehen.

PressemeldungBerlin, 04.03.2026, 16/26

Bild herunterladen Die 2025 vom BVMed vorgestellte Nationale Wundstrategie (www.bvmed.de/wundstrategieExterner Link. Öffnet im neuen Fenster/Tab.) reicht unter anderem von einem zu entwickelnden Leitbild über den Ausbau der standardisierten und digitalisierten Wunddokumentation, die Sicherstellung des Zugangs zu qualitätssicheren Wundprodukten, der Förderung einer evidenzbasierten Bewertung von Wundprodukten, der Sicherstellung einer phasengerechten Wundversorgung bis zur Verbesserung der Patient:innenaufklärung.

Spannung zwischen Evidenzanforderungen und Praxis

Auf die Spannung zwischen wissenschaftlicher Evidenz und den Anforderungen sowie der Gebrauchspraxis von modernen Wundauflagen in der alltäglichen Praxis der Wundversorgung wies Prof. Dr. Martin Storck, Direktor der Gefäßchirurgie am Städtischen Klinikum Karlsruhe und Präsident des Deutschen Wundrats, zur Einführung in den BVMed-Wunddialog hin. Die wissenschaftlichen Wirk- und Nutzennachweise (Evidenz) in randomisierten Studien als höchstes Evidenzlevel seien natürlich notwendig, allerdings seien sie durchaus schwierig zu erbringen und benötigten eine hohe Fallzahl zum statistischen Nachweis. Viele moderne Wundauflagen hätten dadurch nur eine schwache Evidenz, da als Endpunkt der Studien ausschließlich der Wundverschluss vorgesehen war.

An randomisierten Studien-Beispielen mit dem Endpunkt kompletter Wundverschluss verdeutlichte Storck, dass darin zum Teil Produkte untersucht worden seien, die gar nicht für die gesamte Therapiedauer bis zum Wundverschluss vorgesehen seien. Er wies zudem darauf hin, dass die Anforderungen an randomisierte Studien in der Praxis im Studiendesign nicht eins zu eins umgesetzt werden könnten, da beispielsweise Verblindungen vorgeschrieben sind oder weil Patient:innen mit kürzlich revaskularisierter peripherer arterieller Verschlusskrankheit (pAVK) ausgeschlossen wurden. Außerdem würden Einschlusskriterien für die Studien gewählt, die in der Realität nicht die häufigsten und in der klinischen Routine mit anderer Häufigkeit auftreten. Zudem betonte er, dass viele bisher untersuchte Endpunkte in Studien nach Meinung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) und einer Expert:innenengruppe für die Patient:innen gar nicht relevant seien, dies sei in einer Publikation festgehalten worden. Storck sprach sich dafür aus, die Zulassung und Erstattungsfähigkeit von Wundversorgungsprodukten darauf auszurichten, dass sie bei positivem Wirknachweis breiter auf andere Wundsituationen angewendet – und erstattet – werden können sollten. Es gehe bei der Evidenzgewinnung somit auch um die grundsätzliche Frage, ob immer in die richtige Richtung geforscht werde.

„Es fehlt der Blick auf die Versorgungsqualität“

Enes-Batuhan Baskal, URGO und stellvertretender Sprecher des Fachbereichs Wunde im BVMed, hob in seinem Impuls hervor: „Die Evidenz in der modernen Wundversorgung ist besser als ihr Ruf!“ Es fehle der Blick auf die Versorgungsrealität. Die randomisierten, kontrollierten Studien würden die klinische Expertise von Ärzt:innen und die Erwartungen von Patient:innen nicht ausreichend abbilden. Es sei aber dennoch eine breite Evidenz in Metastudien, Kohortenstudien und dokumentierten Patient:innenfällen vorhanden. Dies betreffe auch den Bereich der chronischen Wunden. Es fehle aber weiterhin der Blick auf das Gesamtbild.

Baskal erläuterte an Beispiel eines Wundverbandes den aufwändigen Prozess für die Erstattungsfähigkeit. So müssten für alle Bestandteile einer Wundauflage, beispielsweise die enthaltene Vaseline oder den Superabsorber, Studien zur Wirkung durchgeführt werden – allein für das Beispiel seien das 24 Studien. Dadurch entstünden Millionen-Kosten für Hersteller, die für ein mittelständisches Unternehmen nicht zu stemmen seien. Letztlich werde damit verhindert, dass eine wirksame Wundversorgung die Heilung von Wunden beschleunige und das Leid von Menschen verringere.

Hoher Leidensdruck durch chronische Wunden

Prof. Dr. Matthias Augustin, Direktor des Instituts für Versorgungsforschung (IVDP) und des universitären Wundzentrums am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), sagte, dass es mit Blick auf die Versorgungsprodukte noch immer „nicht ausreichend klar“ sei, dass chronische Wunden etwas anderes seien als akute Wunden. Grundlegende neue Erkenntnisse kämen nicht in der Praxis an, obwohl der Leidensdruck der Betroffenen hoch sei. Er verwies auf deren eingeschränkte Lebensqualität sowie die Häufigkeit chronischer Wunden, die dadurch entstehenden Kosten und eine erhöhte Mortalitätsrate – obwohl chronische Wunden vermeidbar und behandelbar seien. Es müsse „das Leitlinienwissen in der Praxis ankommen“, so Augustin. Er betonte, wie wichtig es sei, in einer strukturierten Versorgung interdisziplinär zusammenzuarbeiten und Wissen zu vermitteln und zu teilen.

Aufgrund eines anstehenden „fundamentalen Systemwechsels“ in der Versorgung werde die digitale Unterstützung in Zukunft maßgeblich sein. Augustin erläuterte die gezielte Steuerung von Patient:innen am UKE mit Hilfe digitaler Tools, etwa indem diese vor einem Termin schon zu Hause ihre Patientenakte verbindlich ausfüllen müssten. „Dadurch sparen wir schon 20 Minuten beim ersten Termin und behandeln schneller und effektiver“, sagte Augustin. Die erhobenen Daten könnten dann nach dem Ersttermin in der Behandlung auch weiter für ein Wundregister genutzt werden. Durch diese digitale Transformation könne dann auch eine digitale Nachsorge und Prävention erfolgen.

Therapien an das Leben anpassen

Einen „absoluten Paradigmenwechsel“ forderte Veronika Gerber, Vorsitzende der Initiative Chronische Wunden (ICW), mit Blick auf den Umgang mit Patient:innen. Kriterien wie die Evidenz von Versorgungsprodukten oder eine gute Studienlage würden allein nicht helfen, wenn Patient:innen in der Therapie nicht mitmachten. Es sei daher sehr wichtig sich die Frage zu stellen, wie Patient:innen in die Mitverantwortung zu bekommen seien. Dazu müsse betrachtet werden, wie die Menschen lebten. „Wir müssen die Therapien an das Leben anpassen“, so Gerber. Patient:innen sollten nicht als „Gegenspieler“, sondern als Co-Therapeuten angesehen werden, die ihre Expertise mit einbringen. Dazu gehöre beispielsweise, Patient:innen in Zielvorgaben und Therapiegestaltung einzubeziehen, was auch deutlich die Therapietreue und Heilungschancen erhöhe. Sie betonte, dass die Autonomie der Patient:innen ein hohes und strikt zu beachtendes Gut sei. Werde diese nicht gewahrt, verliere man die Zustimmung der Patient:innen. Gerber sprach sich für eine Stärkung spezialisierter Pflegdienste aus und plädierte für die Umsetzung der vom BVMed erarbeiteten Nationalen Wundstrategie.

Bestätigt wurde die Sichtweise Gerbers durch Michael Salzig von der Selbsthilfe Zuckersüß, die sich für Patient:innen mit diabetischen Folgeerkrankungen wie dem Charcot-Fuß einsetzt. Der Charcot-Fuß (diabetisch-neuropathische Osteoarthropathie, kurz: DNOAP) ist eine Folgeerkrankung von Diabetes, bei der Knochen und Gelenke zerstört werden. Bei Salzig führte die Erkrankung zur Amputation des Fußes. Er berichtete von (auch professioneller) Unkenntnis über die Erkrankung und Problemen mit der Krankenkasse. „Niemand hat mir geholfen“, sagte Salzig, weshalb er letztlich die Selbsthilfegruppe gründete. Mit der Gruppe gehe es ihm um Information und Austausch. Die Betroffenen sollten sich selbst mit der Krankheit beschäftigen. Außerdem biete er Betroffenen in Krankenhäusern an, ihnen zu erklären, was auf sie zukomme.

Ebenfalls aus Sicht der Patient:innen sagte Dr. Siiri Doka von der Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe von Menschen mit Behinderung, chronischer Erkrankung und ihren Angehörigen (BAG Selbsthilfe), dass die Versorgungsstruktur „nicht auf die Bedürfnisse“ der Patient:innen zugeschnitten sei. Sie führte das unter anderem auf die sektoral sehr unterschiedliche Qualität von Versorgungseinrichtungen und eine teilweise geringe Versorgungsdichte zurück. Auch die sehr unterschiedlichen Qualifikationen in der Pflege könnten zu „Über-, Unter- und Fehlversorgungen“ von Patient:innen führen. Es gebe aber „derzeit auch Chancen im System“. So könne etwa die Digitalisierung zu Verbesserungen zwingen. Auch die Kommunen könnten aus Sicht der BAG Selbsthilfe stärker an der Pflege beteiligt werden, etwa mit einem Pflegeamt. Auch zwinge der Fachkräftemangel in der Pflege zu einer stärkeren Zusammenarbeit.

Vorteile spezialisierter Leistungserbringer

Inga Hoffmann-Tischer, Wundmanagement Köln und Aachen und Vizepräsidentin des Deutschen Wundrats, stellte die Möglichkeiten der Wundversorgung durch einen spezialisierten Leistungserbringer vor. Wie dabei die Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann, erläuterte sie anhand einer eigenen einjährigen Studie für ihre Bachelor-Arbeit. Dafür untersuchte sie die Anwendung des scharfen Débridements, also die Entfernung von abgestorbenem Gewebe, was die Wundheilung fördert. Hoffmann-Tischer berichtete, dass Blutungen zu 100 Prozent beherrschbar gewesen und keine Komplikationen aufgetreten sind. Sie bezeichnete das scharfe Débridement durch einen spezialisierten Pflegedienst bzw. pflegerische Wundzentren als ressourcenschonende Methode. Diese könne ohne Nachteile und mit Erfolg für die Patient:innen von spezialisierten Pflegefachpersonen autonom durchgeführt werden. Angesichts der zu erwartenden steigenden Patient:innenzahlen sprach sich Hoffmann-Tischer für mehr Kompetenzen für die Pflege aus. Die Heilkundeübertragungen kann für den Bereich der Wundbehandlung etwas für das scharfe Débridement, die Feststellung des Bedarfs an Häuslicher Krankenpflege sowie die Rezeptierung notwendiger Verbandstoffe und Hilfsmittel durch spezialisierte Leistungserbringer gelten.

Dr. Lorenz Grünerbel, SoreAlert, präsentierte zwei Möglichkeiten der frühen Intervention zur Vermeidung von chronischen Wunden. So sei die Idee des Telekonsils im Fußnetz Bayern, alle Beteiligten einfach zu vernetzen, um bei einer Wunde schnell interdisziplinäre Expertise von Fach:ärztinnen zu erlangen, damit Amputationszahlen reduziert werden können. Denn „Zeit ist Fuß“, sagte Grünerbel. Dabei würden die Daten aus der digitalen Dokumentation via Telekonsil geteilt, um eine schnelle medizinische Einschätzung zu erhalten und gefährliche Wundentstehungen frühzeitig zu erkennen. Grünerbel wies darauf hin, dass die Verhandlungen für das Pilotprojekt im Rahmen eines Selektivvertrages über drei Jahre gedauert hätten. Zudem stellte Grünerbel ein weiteres Projekt vor: das Sensorpflaster von SoreAlert als Möglichkeit zur Dekubitusprophylaxe. Mit dem darin integrierten Sensor sei ein kontinuierliches Gewebemonitoring möglich. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz könne eine Wundentstehung erkannt werden, lange bevor sie sichtbar sei. Dadurch sei auch eine optimierte und personalisierte Pflege aufgrund des individuellen Bedarfs möglich. Neben einer Kostenersparnis erhöhe dies die Lebensqualität der Patient:innen, weil diese beispielsweise nachts nicht mehr zur Überprüfung des Dekubitusrisikos geweckt werden müssten.

Derzeit große Chance für Veränderungen

„Die chronische Wunde ist da, sie verursacht Leid, deshalb müssen wir jetzt etwas tun“, formulierte ein Teilnehmer des BVMed-Wunddialogs die zentrale Forderung in der anschließenden Diskussion. Verschiedene Teilnehmende wiesen noch einmal auf die eklatante Unterversorgung chronischer Wunden in Deutschland hin, zudem auf die Hürden einer einheitlichen Ausbildung für die Pflegeberufe aufgrund des deutschen Föderalismus sowie auf die fehlende Verbindlichkeit in der Anwendung und in den Strukturen und auf Probleme im Umgang mit Daten der Patient:innen.

Mehrere Teilnehmende sahen derzeit aber auch gute Möglichkeiten zu Veränderungen im Bereich der Wundversorgung, weil das Problem in der Politik angekommen sei. „Es besteht jetzt die Chance, die Strukturen zu verändern“, sagte Torsten Strauß von Essity und stellvertretender Sprecher des Fachbereichs Wundversorgung im BVMed. Als gute Diskussionsgrundlage verwies er auf die vom BVMed erarbeitete Nationale Wundstrategie (siehe Details unter www.bvmed.de/wundstrategie).

Auf dem 11. BVMed-Wunddialog diskutierten gut 50 Teilnehmer:innen aus Ärzteschaft, Pflege, Herstellung, Krankenkassen, Krankenhäusern, Versorgungsmanagement und Patient:inneninitiativen die derzeitigen Herausforderungen und Möglichkeiten in der Wundversorgung. Moderiert wurde die Veranstaltung von Christof Fischoeder, Fischoeder Beratung Berlin.

Mehr zum Thema Wundversorgung auch im BVMed-Themenportal unter bvmed.de/wundversorgung.

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