Mindestmengen

Neues Gutachten: OP-Mindestmengen sorgen für mehr Qualität und Transparenz

ÄrzteZeitung Online vom 22. April 2021

Die Konzentration von Operationen auf weniger Krankenhäuser sorgt vor allem bei komplexeren Eingriffen für mehr Qualität. Zudem ziehen fallzahlstarke Krankenhäuser qualifizierte Ärzte und Pflegekräfte an, was die Versorgung dort insgesamt aufwertet. Das geht aus dem Gutachten „Qualitätsverbesserung durch Leistungskonzentration in der stationären Versorgung“ hervor, das das Berliner IGES-Instituts im Auftrag des Verbands der Ersatzkassen (vdek) erstellt hat.

Die Präferenzen der Patienten in dieser Frage sind eindeutig. Eine Forsa-Umfrage des vdek aus dem vergangenen Jahr hat ergeben, dass 86 Prozent der Befragten für einen Eingriff eher die Spezialklinik aufsuchen würden als das wohnortnahe Krankenhaus. „Es zeigt sich, dass bei den Versicherten durchaus eine Sensibilität für Qualität und Spezialisierung vorhanden ist“, sagte vdek-Vorsitzender Uwe Klemens am Mittwoch bei der Vorstellung der Untersuchung.

Moderate Mindestmengen

Ganz eindeutig ist die Sachlage für die IGES-Autoren allerdings nicht. Die Konzentration von Leistungen könne auch negative Qualitätseffekte auslösen, da bei abnehmendem Wettbewerb und regulierten Preisen die Qualitätsanreize für Krankenhäuser sänken, merken sie an. Gleichwohl kommen sie zum Ergebnis, dass moderate Mindestmengenregeln für deutlich mehr Leistungsbereiche als heute zumindest Messbarkeit und Transparenz von Qualität fördern könnten. Zudem könnten so risikobehaftete „Gelegenheitsoperationen“ vermieden werden.

Im Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung, das der Bundestag voraussichtlich am 6. oder 7. Mai 2021 beschließen wird, ist die Einführung von mehr Mindestmengen als bisher vorgesehen.

Konzentration sogar rückläufig

Das IGES-Institut hat sich beispielhaft drei Leistungsbereiche genauer angesehen, für die es bislang keine Mindestmengen gibt: die im Jahr 2018 rund 22.000 Mal abgerechnete minimalinvasive Transkatheter-Aortenklappenimplantation (TAVI), die anatomische Lungenresektion (15.000) und die Implantation von Hüft-Totalendoprothesen (234.000).

Das Institut geht für TAVI und Lungenresektion von positiven Qualitätseffekten durch Leistungskonzentration aus, da Studien gezeigt haben, dass die Ergebnisqualität bei diesen Indikationen abhängig von der Menge steige. Tatsächlich haben die Studienautoren für den Zeitraum von 2010 bis 2018 festgestellt, dass sich diese Leistungen aber auf immer mehr Standorte verteilen.

Vorgaben nicht erfüllt
  • Knapp ein Drittel der Lungenresektionen wurden demnach sogar an Standorten vorgenommen, die nicht einmal die Mindestfallzahl von 75 Eingriffen im Jahr für die Zertifizierung als Lungenzentrum gemäß den Vorgaben der Deutschen Krebsgesellschaft erreichten.
  • Bei der TAVI liegen zehn Prozent der Standorte, an denen die Leistung im genannten Zeitraum erbracht wurde, unter einer vom IGES aus Studien ermittelten wünschenswerten Mindestfallzahl von 157 im Jahr.
  • Noch einmal gestreuter werden Hüftendoprothesen angeboten. Gleichwohl lassen sich ausweislich der Studie für diesen Leistungsbereich keine relevanten Qualitätsdefizite auf Einrichtungsebene nachweisen.

Potenziale für Zentrenbildung
Die IGES-Autoren ziehen daraus den Schluss, dass für TAVI und Lungenresektion Verbesserungspotenziale bestehen, die zum Beispiel durch regelrechte Zentrenbildung gehoben werden könnten. Bei den Hüftendoprothesen kommen sie zum Ergebnis, dass mehr Konzentration nicht zu substanziellen Qualitätsverbesserungen führen würde. Mindestmengen hätten aber auch für diese Indikation das Potenzial, Gelegenheitseingriffe zu vermeiden.

Grundsätzlich sollen Mindestmengen den Zugang zur Versorgung auch in „fallzahlschwachen Regionen“ nicht erschweren. Dafür schlagen die Wissenschaftler digitale Kooperationen mit Zentren vor. Zudem sollten Mindestmengen nicht den Blick auf brachliegende Qualitätspotenziale verstellen, dort wo es sie bereits gebe.

Quelle: ÄrzteZeitung Online vom 22. April 2021
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