Adipositas-OP

Adipositas-Hyper­tonie: Gewichtsreduktion kann Blutdruck senken

Deutsches Ärzteblatt Online vom 28. Oktober 2021

Eine Adipositas gehört für die American Heart Association zu den wichtigsten Ursachen für den Bluthochdruck und eine Gewichtsreduktion zu den effektiven blutdrucksenkenden Therapien. Die beste Wirkung wird laut einer wissenschaftlichen Stellungnahme in Hypertension durch eine bariatrische Operation erzielt, doch auch eine Diät und Medikamente zur Gewichtsreduktion können im Nebeneffekt den Blutdruck senken, berichtet das Deutsche Ärzteblatt.

Nicht nur in den USA sind viele Menschen zu dick. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit mehr als 1 Milliarde Menschen übergewichtig und mehr als 650 Millionen mit einem Body-Mass-Index von 30 oder mehr adipös sind. Epidemiologische Studien zeigen, dass die meisten Menschen mit Adipositas auch einen erhöhten Blutdruck haben. Die Experten der American Heart Association sind davon überzeugt, dass die Gewichtsprobleme mit für den hohen Blutdruck verantwortlich sind.

Das Team um Michael Hall vom University of Mississippi Medical Center in Jackson sieht verschiedene Mechanismen am Werk. Eine Adipositas führe in vielen Geweben zu einer Ausdehnung des extrazellulären Flüssigkeitsvolumens und zu einem erhöhten Blutfluss, was einen Anstieg des venösen Rückflusses und des Herzzeitvolumens zur Folge habe.

Die Volumenexpansion werde durch eine erhöhte renale tubuläre Natriumreabsorption vermittelt. Dies geschehe durch eine vermehrte Aktivierung des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) und des sympathischen Nervensystems. Auch die Nierenkompression durch das umgebende Fettgewebe könnte an der Pathophysiologie der Adipositas-Hypertonie beteiligt sein.

Nach dieser Theorie müsste eine Gewichtsabnahme auch den Blutdruck senken. Eine naheliegende aber für viele Menschen schwer umzusetzende Methode ist eine Diät. Derzeit werden eine mediterrane Ernährung und die DASH-Diät („Dietary Approaches to Stop Hypertension“) empfohlen. Letztere wurde speziell für die Behandlung der Hypertonie entwickelt. Sie senkte in Studien den systolischen Blutdruck um 7,6 mm Hg und den diastolischen Wert um 4,2 mm Hg. Die Wirkung kann durch eine Kombination von Gewichtsreduktion mit Sport auf 16,1/9,9 mm Hg verstärkt werden.

In der DASH-Salz-Studie wurde der systolische Blutdruck durch eine Salzreduktion um 10,4 mm Hg gesenkt (bei Ausgangswerten von über 150 mm Hg). Die mediterrane Kost erreicht laut einer Cochrane-Meta-Analyse nur eine Senkung des Blutdrucks um 3,0/2,0 mm Hg, was auch daran liegen könnte, dass die Gewichtsreduktion bei der mediterranen Küche in der Regel gering ist. Das derzeit moderne intermittierende Fasten ist nach Einschätzung der AHA-Autoren ebenfalls nicht in der Lage, Blutdruck und Körpergewicht deutlich zu senken.

Auch Sport senkt den Blutdruck nur, wenn das Gewicht zurückgeht. Aber nur wenige Menschen können sich zu 200 bis 300 Minuten Sport in der Woche aufraffen, die laut der American Heart Association für eine langfristige Gewichtsreduktion um 5 % bis 10 % und eine Senkung des Blutdrucks um 5/4 mm Hg notwendig wären.

Für viele Patienten wäre die Einnahme von Medikamenten der bequemere Weg. Doch die Wirkung der zugelassenen Medikamente zur Gewichtsreduktion auf Gewicht und Blutdruck ist minimal. Eine bessere Wirkung versprechen GLP-1-Agonisten wie Liraglutid und Semaglutid, die zur Behandlung des Typ-2-Diabetes entwickelt wurden.

Die synthetischen Hormone, die die Patienten täglich oder wöchentlich selbst subkutan injizieren müssen, hemmen allerdings auch den Appetit, was mit einer deutlichen Gewichts- und Blutdrucksenkung verbunden sein kann. Semaglutid erreichte in einer Studie in Kombination mit einer Lebensstiländerung eine Gewichtsreduktion um 14,9 %, die von einer Senkung des systolischen Blutdrucks um 6,2 mm Hg begleitet wurde.

Die größeren Auswirkungen erzielt eine Adipositas-Operation, der sich pro Jahr (2016) bereits 216.000 US-Amerikaner unterziehen. Die primäre Indikation ist eine morbide Adipositas. Nach der Operation bessern sich häufig auch Blutzucker und Blutdruck – in der Regel bereits vor der Gewichtsabnahme. Dies spricht dafür, dass hormonelle Umstellungen, die durch die Magenverkleinerung oder den Darmbypass erzwungen werden, für die Wirkung verantwortlich sind.

In der GATEWAY-Studie, die als erste gezielt die Auswirkung einer bariatrischen Operation auf den Blutdruck untersucht hat, konnte die Hälfte der Patienten nach Anlage eines „Roux-en-Y“-Bypasses nach 12 Monaten auf die Einnahme von Blutdruckmedikamenten verzichten und jeder Vierte erreichte einen normalen Blutdruck. Die beiden Ziele wurden in der Kontrollgruppe von keinem Patienten erreicht. Auch 3 Jahre nach der Operation kamen die operierten Patienten mit weniger Medikamenten aus. Die gute Wirkung auf den Blutdruck ließ sich auf die deutliche Reduktion des Körpergewichts zurückführen, die durch die Operation erzwungen wurde. Die Studie beweist damit auch die enge Verbindung von Adipositas und Hypertonie.

Quelle: Deutsches Ärzteblatt Online vom 28. Oktober 2021
  • Weitere Artikel zum Thema
  • Renale Denervation verbucht weiteren Erfolg bei der Blutdrucksenkung

    Ergebnisse einer randomisierten Studie bestätigen einmal mehr, dass ein erhöhter Blutdruck durch das interventionelle Verfahren der Renalen Denervation signifikant stärker gesenkt wird als durch eine Scheinintervention als Kontrolle. Darüber berichtet die ÄrzteZeitung Online. Mehr

  • Interview mit Prof. Stefan Huster | Umdenken bei Adipositas-Behandlung

    Prof. Stefan Huster hat ein Rechtsgutachten zur Adipositas-Chirurgie verfasst, das kurz darauf von einer Entscheidung des Bundessozialgerichts „gekrönt“ wurde. Kernaussage: Die Operation ist bei adipösen Menschen keine Ultima Ratio, sondern das evidenzbasierte Mittel der Wahl. Im Interview mit "Gerechte Gesundheit" erläutert der Rechtswissenschaftler von der Ruhr-Universität Bochum Details. Mehr

  • Bei Prävention stehen Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei den Deutschen an erster Stelle

    Wenn es um verstärkte Vorsorgemaßnahmen im Rahmen eines nationalen Präventionsplans geht, stehen bei der deutschen Bevölkerung Herz-Kreislauf-Erkrankungen HKE) klar an erster Stelle: 61 Prozent halten einen nationalen HKE-Präventionsplan mit abgestimmten Maßnahmen für sinnvoll, gefolgt von Prävention für Krebs (58,4 Prozent), Depression (47,3 Prozent), Diabetes (45,5 Prozent) und Adipositas (41,5 Prozent). Am Ende der Liste stehen die Erkrankungen Rückenschmerzen (33,9 Prozent) und Long-COVID (33,3 Prozent). Das ergab eine repräsentative Befragung des Meinungsforschungsunternehmens Civey im Auftrag des BVMed. Mehr


©1999 - 2022 BVMed e.V., Berlin – Portal für Medizintechnik