- Ambulante Versorgung 3 Fragen an... Daniela Piossek, Sprecherin des BVMed-Arbeitskreises Ambulante Gesundheitsversorgung (AKA)
Nach der Neuwahl des BVMed-Vorstands im April 2026 wurden auch die sieben BVMed-Arbeitskreise für die nächsten zwei Jahre neu benannt. Daniela Piossek von Paul Hartmann ist auf der konstituierenden Sitzung des BVMed-Arbeitskreises "Ambulante Gesundheitsversorgung" (AKA) am 21. Oktober 2026 zur Sprecherin gewählt worden. Wir haben mit ihr über die Themen und Ziele des AKA gesprochen - und welche Botschaft sie dem neuen Gesundheitsminister mit auf den Weg gibt...
ArtikelBerlin, 26.10.2026
© Hartmann
Was sind die Schwerpunktthemen des Arbeitskreises für die nächsten beiden Jahre – und welche Ziele haben Sie sich dabei gesetzt?
Der AKA wird sich in den kommenden Jahren mit einer zentralen Frage beschäftigen: Wie können wir die Leistungsfähigkeit unseres Gesundheitssystems trotz Fachkräftemangel, demografischem Wandel und steigender Versorgungsbedarfe erhalten? Dafür braucht es eine stärkere sektorenübergreifende Versorgung, moderne ambulante Versorgungskonzepte und einen schnelleren Zugang zu Innovationen.
Gleichzeitig beobachten wir mit Sorge, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für viele Hersteller, Leistungserbringer und den medizinischen Fachhandel zunehmend schwieriger werden. Preismoratorium, Zwangsrabatte, Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich, erschwerte Innovationszugänge sowie steigende Beschaffungs-, Logistik- und Herstellungskosten setzen die bestehenden Versorgungsstrukturen unter erheblichen Druck.
Hinzu kommt die wachsende Konkurrenz aus Asien und Wettbewerbsverzerrungen durch unterschiedliche regulatorische, ökologische und soziale Standards. Dadurch geraten insbesondere europäische Hersteller und etablierte Fachhandelsstrukturen unter zusätzlichen Kostendruck – mit möglichen Folgen für Wertschöpfung, Arbeitsplätze und die wohnortnahe Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa.
Unser Ziel ist es deshalb, deutlich zu machen: MedTech Hersteller, Leistungserbringer und medizinische Fachhändler sind ein entscheidender Hebel, um Versorgung effizienter, patientenorientierter und langfristig finanzierbar zu gestalten. Eine Voraussetzung dafür ist unter anderem erfolgreich aufzuzeigen: Hilfsmittelleistungserbringer sind keine Produktlieferanten. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der häuslichen Versorgung und tragen entscheidend zur Sicherstellung der häuslichen Versorgung, Vermeidung von Krankenhausaufenthalten und zum Verbleib beispielsweise von Pflegebedürftigen in ihrer häuslichen Umgebung bei.
Was sind für Sie die größten Stärken des deutschen Gesundheitssystems und die größten Herausforderungen bei ihren Arbeitskreis-Themen?
Die größte Stärke unseres deutschen Gesundheitssystems ist seine Leistungsfähigkeit. Diese zeigt sich vor allem im breiten Zugang zu medizinischer Versorgung, in der hohen fachlichen Kompetenz und in differenzierten Versorgungsangeboten.
Die Herausforderung besteht darin, diese Leistungsfähigkeit auch künftig zu finanzieren und aufrechtzuerhalten. Dafür bedarf es effiziente Versorgungsstrukturen, ein enges Zusammenspiel aller Akteure. Medizinprodukte, das Homecare-Therapiemanagement, der medizinische Fachhandel, moderne (digitale) Versorgungskonzepte sowie die Innovationskraft der MedTech-Branche sichern dabei eine wohnortnahe, bedarfsgerechte Versorgung, helfen Krankenhausaufenthalte zu vermeiden, Fachkräfte zu entlasten und Menschen länger selbstbestimmt zu versorgen.
Gleichzeitig leisten Hersteller und Leistungserbringer bereits heute erhebliche Beiträge zur Kostendämpfung. Wenn jedoch immer neue Belastungen auf die Branche zukommen, während gleichzeitig mehr Effizienz, mehr Ambulantisierung und mehr Versorgung erwartet werden, geraten genau die Strukturen unter Druck, die wir für die Zukunft dringend brauchen. Das bereitet uns große Sorge.
Sie treffen den neuen Gesundheitsminister Carsten Linnemann zufällig im Aufzug: Welche Botschaft geben Sie ihm in den 30 gemeinsamen Sekunden mit auf den Weg?
Herr Minister, Deutschland hat eines der teuersten, aber auch eines der leistungsfähigsten Gesundheitssysteme der Welt. Wenn wir diese Leistungsfähigkeit trotz Demografie und Fachkräftemangel erhalten wollen, müssen wir Innovationen stärker nutzen, alle verfügbaren Fachpersonen in die Versorgung einbinden und die Versorgungsstrukturen sichern. MedTech, Homecare und Fachhandel sind kein Kostenproblem, sondern Teil der Lösung. Wer von der Branche immer mehr Beitrag zur Kostendämpfung erwartet, darf ihr nicht gleichzeitig die wirtschaftliche Grundlage entziehen.
Daniela Piossek ist Leiterin Gesundheitspolitik und Market Access bei der PAUL HARTMANN AG.
Die Fragen stellte BVMed-Kommunikationsleiter Manfred Beeres.