- Neurostimulation Neuromodulation bei Herzinsuffizienz: Ein neuer Ansatz in der Behandlung Gastbeitrag von Prof. Dr. Karl-Philipp Rommel
Die Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Moderne Medikamente und etablierte Gerätetherapien können das Herz entlasten, Beschwerden verringern und die Prognose verbessern. Dennoch bleiben einige Patientinnen und Patienten trotz ausgeschöpfter Standardtherapie deutlich eingeschränkt. Einen neuen Neuromodulation-Ansatz zur Baroreflex-Aktivierungstherapie beschreibt Prof. Dr. Karl-Philipp Rommel in einem Gastbeitrag für bvmed.de.
ArtikelMainz, 02.09.2026
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Die Behandlung der chronischen Herzinsuffizienz hat in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Moderne Medikamente und etablierte Gerätetherapien können das Herz entlasten, Beschwerden verringern und die Prognose verbessern. Dennoch bleiben einige Patientinnen und Patienten trotz ausgeschöpfter Standardtherapie deutlich eingeschränkt.
Ein neuerer Ansatz ist die Baroreflex-Aktivierungstherapie. Diese Neuromodulationstherapie setzt bei diesen Betroffenen an einem Regulationssystem an, das in der öffentlichen Wahrnehmung bislang wenig bekannt ist: der Verbindung zwischen Herz, Gehirn und autonomem Nervensystem. Ein minimalinvasiv implantierbares System setzt dabei nicht direkt am Herzen an, sondern nutzt das körpereigene Regulationssystem.
Herzinsuffizienz ist mehr als eine schwache Pumpe
Das Herz ist im physiologischen sowie im philosophischen Sinne der Taktgeber des Lebens. Seine zentrale Aufgabe besteht darin, sauerstoffreiches Blut in den Körper zu transportieren. Bei einer Herzinsuffizienz gelingt dies nicht mehr ausreichend. Typische Folgen sind Atemnot bei Belastung, Erschöpfung, sowie Gewichtszunahme durch Wassereinlagerung.
Die Ursachen sind vielfältig: Ein Herzinfarkt kann Herzmuskelgewebe dauerhaft schädigen, hinzu kommen Herzmuskelentzündungen, genetische Faktoren, langjähriger Bluthochdruck oder Diabetes.
Wenn der körpereigene Notfallmodus nicht mehr abschaltet
Das Herz arbeitet nicht isoliert. Es ist Teil eines komplexen Regulationssystems und steht in ständigem Austausch mit dem Gehirn, den Nieren und dem autonomen Nervensystem – dem „Autopiloten“ des Körpers. Es steuert unter anderem Herzschlag, Blutdruck und Atmung. Dabei wirken zwei Systeme als Gegenspieler: Der Sympathikus aktiviert den Körper in Belastungs- und Gefahrensituationen, er sorgt z.B. dafür, dass das Herz schneller und kräftiger schlägt. Der Parasympathikus hingegen steht für Erholung und Regeneration. Wenn die Gefahr vorbei ist, bremst er das Herz und hilft dem Körper, wieder einen ausgeglichenen Zustand herzustellen.
Problematisch wird es, wenn der Notfallmodus dauerhaft eingeschaltet bleibt. Bei vielen Menschen mit Herzinsuffizienz ist dieses Gleichgewicht zugunsten des Sympathikus verschoben. Das geschwächte Herz muss gegen einen höheren Widerstand arbeiten und wird zusätzlich durch Stresshormone belastet.
Herzinsuffizienz ist in der Regel eine chronische und unbehandelt gefährliche Erkrankung. Gleichzeitig gilt: Wir sind heute an einem Punkt, an dem wir Herzinsuffizienz gut behandeln können. Wir kennen ihre unterschiedlichen Formen und Stadien besser und verfügen über Therapien, mit denen die Patientinnen und Patienten langfristig stabil und aktiv bleiben können.
Wenn die Standardtherapie nicht ausreicht
Die Basis der Herzinsuffizienzbehandlung ist eine moderne medikamentöse Therapie aus mehreren Wirkstoffklassen. Ziel ist es, das Herz zu entlasten, schädliche Anpassungsreaktionen zu bremsen und die Prognose der Patientinnen und Patienten zu verbessern. Je nach Erkrankungsbild kommen etablierte Gerätetherapien hinzu, wie etwa implantierbare Defibrillatoren oder Herzschrittmacher.
Dennoch bleiben einige Patientinnen und Patienten trotz leitliniengerechter Therapie stark symptomatisch. Für diese Menschen steht heute ein breites Spektrum zusätzlicher und spezialisierter Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Dazu gehören bei ausgewählten Betroffenen Verfahren, die gezielt an der Regulation des autonomen Nervensystems ansetzen, wie die Neuromodulationstherapie. Bei weit fortgeschrittener Herzinsuffizienz können darüber hinaus mechanische Herzunterstützungssysteme, sogenannte LVADs, oder eine Herztransplantation infrage kommen.
Die Neuromodulationstherapie kann für einen ausgewählten Teil der Patientinnen und Patienten eine Ergänzung der optimierten Standardtherapie darstellen.
Die Sprache des Körpers nutzen
Die kardiale Neuromodulation setzt an den Barorezeptoren an – natürlichen Drucksensoren an der Halsschlagader. Das System besteht aus einem unter der Haut implantierten Impulsgeber und einer Elektrode, die im Bereich der Halsschlagader positioniert wird. Über gezielte elektrische Impulse werden dort die Barorezeptoren aktiviert, die Signale an das Gehirn weiterleiten. Ziel ist es, die übermäßige sympathische Aktivität zu reduzieren und das Gleichgewicht des autonomen Nervensystems wieder herzustellen.
Das Besondere an diesem Ansatz ist, dass dem Körper nicht direkt vorgeschrieben wird, was er tun soll. Vielmehr wird der natürliche Regelkreis genutzt.
Damit unterscheidet sich die Therapie von Verfahren, die direkt den Herzrhythmus steuern oder die Kontraktion der Herzkammern koordinieren. Dieses System adressiert die übergeordnete neurovegetative Regulation und wird zusätzlich zur optimierten medizinischen Behandlung eingesetzt – nicht an deren Stelle.
„Die Baroreflex-Aktivierungstherapie steht exemplarisch für eine Entwicklung, die über die Herzinsuffizienz hinausgeht. Medizintechnik greift zunehmend nicht nur mechanisch oder pharmakologisch in Organfunktionen ein. Sie nutzt neuronale Signale und körpereigene Regelkreise, um gestörte physiologische Prozesse zu modulieren.“Prof. Dr. Karl-Philipp RommelOberarzt am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz

Die richtige Therapie für die richtige Patientengruppe
Die kardiale Neuromodulation ist keine Therapie für jeden Menschen mit Herzinsuffizienz. Es handelt sich um eine spezielle Therapie für eine klar definierte Patientengruppe. Voraussetzung ist eine sorgfältige Diagnostik und Patientenselektion in einem spezialisierten Zentrum.
In Betracht kommen Patientinnen und Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz und reduzierter Pumpfunktion, die trotz optimierter medikamentöser Behandlung deutlich symptomatisch sind, eine hohe Einschränkung ihrer Lebensqualität aufweisen.
Medizintechnik als Baustein personalisierter Therapie
Die Baroreflex-Aktivierungstherapie steht exemplarisch für eine Entwicklung, die über die Herzinsuffizienz hinausgeht. Medizintechnik greift zunehmend nicht nur mechanisch oder pharmakologisch in Organfunktionen ein. Sie nutzt neuronale Signale und körpereigene Regelkreise, um gestörte physiologische Prozesse zu modulieren.
Gerade bei komplexen chronischen Erkrankungen ist dieser Perspektivwechsel relevant. Herzinsuffizienz betrifft nicht nur den Herzmuskel, sondern auch Gefäße, Nieren, Nervensystem, körperliche Leistungsfähigkeit und psychisches Wohlbefinden.
Die Baroreflex-Aktivierungstherapie ersetzt weder Medikamente noch Bewegung, Rehabilitation oder eine konsequente Kontrolle der Risikofaktoren. Sie ergänzt diese Maßnahmen bei sorgfältig ausgewählten Betroffenen. Darin zeigt sich personalisierte Medizin: Nicht jede Innovation muss für jeden Betroffenen geeignet sein. Entscheidend ist, für eine klar definierte Gruppe einen klinisch relevanten zusätzlichen Nutzen zu schaffen.
Die Aufgabe der kommenden Jahre wird darin bestehen, geeignete Patientinnen und Patienten früher zu erkennen, Zuweisungswege zu verbessern und die Zusammenarbeit zwischen spezialisierten Zentren und niedergelassenen Kardiologinnen und Kardiologen auszubauen.
Quelle / weitere Infos:
Podcast „Auf Herz und Nieren“Externer Link. Öffnet im neuen Fenster/Tab.: „Herz über Kopf – wie Stress und Herzschwäche zusammenhängen“ von FOCUS Gesundheit, Gespräch mit Prof. Dr. Karl Philipp Rommel.
Zum Autor
Prof. Dr. Karl-Philipp Rommel ist leitender Oberarzt am Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz und Professor für Kardiologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zu seinen klinischen und wissenschaftlichen Schwerpunkten gehören die Diagnostik und Behandlung der Herzinsuffizienz sowie interventionelle