Innovationsfonds

"Krankenkassen müssen vom Verwalter zum Gestalter der Versorgungsprozesse werden"

BVMed-Innovationskonferenz

Krankenkassen können einen aktiven Beitrag zur Förderung des medizintechnischen Fortschritts für Patienten leisten, wenn sie "vom Verwalter zum Gestalter der Versorgungsprozesse werden". So fasste Thom Rasche vom Venture Kapitalgeber Earlybird die zehnte BVMed-Innovationskonferenz mit dem Titel "Inkubator Krankenkasse" am 2. Juni 2015 in Hamburg zusammen. Die rund 80 Teilnehmer von überwiegend kleinen und mittelständischen MedTech-Unternehmen regten an, gemeinsam einen Prozess und Kriterien zu entwickeln, wie ein Einstieg in das Gespräch mit den Krankenkassen aussehen sollte. Ziel eines solchen Prozesses sollte es sein, sinnvolle Innovationen schneller in die Regelversorgung einzuführen. Dr. Hinrich Habeck von Life Science Nord plädierte für einen Kommunikationsprozess, "der die Krankenkassen früher einbezieht und eine größere Verbindlichkeit herstellt." Die Krankenkassenvertreter Dr. Jan Helfrich von der DAK, Michael Hübner von der Barmer GEK und Dr. Susanne Klein von der Techniker Krankenkasse (TK) halten "einen Standardprozess" allerdings für kaum machbar, da die Krankenkassen zu unterschiedlich sind. Aber: "Wenn der Nutzen für den Patienten groß und die Finanzierung darstellbar ist, wird sich eine Innovation auch durchsetzen", so Helfrich.

Neuen Gestaltungsspielraum für innovative Versorgungsmodelle sehen die Krankenkassen in dem neuen Innovationsfonds, der mit 300 Millionen Euro ausgestattet sein wird. "Der Wettbewerb um die bessere Versorgung kann durch den Innovationsfonds vorangetrieben werden", so DAK-Experte Helfrich. TK-Vertreterin Klein nannte es als Selbstverständnis der Krankenkasse, "den Versicherten gut zu versorgen". Hier lasse sich in der Versorgung auch mit der Unterstützung von digitalen Medien vieles gestalten. "Krankenkassen müssen sich pro‐aktiv in die Versorgungsprozesse einbringen. Nur dann wird der Versorgungsauftrag mit hoher Behandlungsqualität sichergestellt werden", fasst Rasche die Erwartungen an die künftige Rolle der Krankenkassen zusammen.


Panel 1: Einführung neuer Therapieformen

Neue Wege zur Einführung innovativer Therapieformen mit Medizintechnologien diskutierte das erste Panel aus Vertretern von Industrie, Krankenkassen, Krankenhaus und Dienstleistern.

Prof. Dr. Manfred Dreyer, Chefarzt am Asklepios Westklinikum Hamburg, bezeichnete es als große Herausforderung zu beurteilen, ob Technik dem Patienten hilft. Sein Negativbeispiel: Ein Produkt zur nicht-invasiven Blutzuckermessung führte zwar zu einem großen Patienteninteresse, scheiterte aber wegen der schlechten Messqualität an der CE-Kennzeichnung und kam somit nicht auf den Markt. Als positives Beispiel nannte Dreyer die kontinuierliche subkutane Messung mit hoher Messgenauigkeit. Es gebe aber noch keine Studien zur Wirksamkeit. Die höheren Kosten gegenüber dem Standard liegen bei rund 70 Euro monatlich.

BVMed-Vorstandsmitglied und Biotronik-Geschäftsführer Dr. Manfred W. Elff betonte die große Bedeutung der interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Medizinern und Ingenieuren. Ein weiteres typisches Merkmal der Medizintechnikbranche seien Schrittinnovationen, beispielsweise Weiterentwicklungen eines Herzschrittmachers. Als Beispiel für erfolgreiche Kooperationen mit Krankenkassen nannte Elff das Home Monitoring von Schrittmacherpatienten. Diese telekardiologische Fernüberwachung führe zu 60 Prozent geringeren Krankenhausaufenthalten und 70 Prozent weniger Sterblichkeit. Die Gespräche mit der DAK und der TK seien schnell zu Ergebnissen gekommen, da die Innovation "eng am Patienten" war und der Nutzen für den Patienten und die Krankenkasse aufgezeigt werden konnte. Elffs Fazit: "Unternehmen und Krankenkassen haben unterschiedliche Interessen. Man muss ins Gespräch kommen, sich besser kennenlernen und Wege einer guten Kommunikation etablieren."

Dr. Hinrich Habeck, Geschäftsführer von Life Science Nord, bezeichnete das Cluster als einen wertvollen "Beschleunigungspartner" von Innovationen. Ziel sei es, Kompetenzen zu bündeln und damit Innovationen besser und schneller voranzutreiben. Das Life Science Nord-Cluster umfasst beispielsweise Kliniken, Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Start-ups, Groß- und Kleinunternehmen sowie Krankenkassen. "Wir haben es aber noch nicht geschafft, die Kostenträger mit einer größeren Verbindlichkeit einzubeziehen", so Habeck. Sein Anliegen: "Wir müssen einen Kommunikationsprozess entwickeln, der die Krankenkassen früher einbezieht und eine größere Verbindlichkeit herstellt." Ein Problem der Ideenfinanzierung sei zudem, das nicht ausreichend Geld für die Entwicklung medizintechnischer Ideen zur Verfügung stehe. Schwerpunktthema von Life Science Nord sei derzeit das Thema Knochenheilung.

Nach Ansicht von Dr. Susanne Klein, Leiterin des Fachreferates Versorgungsangebote bei der TK, komme die Krankenkasse bei MedTech-Innovationen normalerweise erst ins Spiel, wenn die Innovation die Marktzulassung habe. Die CE-Kennzeichnung sei Voraussetzung für Gespräche, da dann ein Nachweis der Sicherheit vorliege. Hinzukommen müsse ein patientenrelevanter Nutzen. Beispiel kontinuierliche Glukosemessung: Die Krankenkasse erstattet bei dieser Innovation den Betrag des bisherigen Standards. Den Rest müsse der Patient aufzahlen. Evidenz und Wirtschaftlichkeit müssten nicht von Anfang an vorliegen, "aber es muss Ansätze geben, die Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit aufzuzeigen", so Klein. Die Abwägung von Nutzen und Risiken sei immer dann eine Gradwanderung, wenn keine klinischen Studien vorliegen würden. Für die Krankenkasse sei dann bei Versorgungsprojekten eine begleitende Studie unabdingbar. Neuen Gestaltungsspielraum für moderne Versorgungsprozesse sieht Klein durch den Innovationsfonds, der mit 300 Millionen Euro ausgestattet sein wird. Die TK-Expertin plädierte dafür, mehr in Netzwerkstrukturen zu arbeiten. Ein Beispiel sei die Frage: Wie können wir ältere Menschen möglichst lange und gut zuhause versorgen?

Dr. Patrick Pfeffer, Geschäftsführer vom Berater aescuvest, betonte die Bedeutung des Bereichs der digitalen Gesundheitsleistungen. Hier gebe es eine Revolution, "die das Gesundheitssystem komplett verändern wird". Pfeffer plädierte dafür, in einer frühen Phase gemeinsam an Ideen zu glauben und sie auf dem Weg in den Markt gemeinsam zu begleiten.

Panel 2: Einführung neuer Prozessinnovationen

Das zweite Panel mit Vertretern von Krankenkassen und Dienstleistern drehte sich um Prozessinnovationen, die ihren Ursprung im Versorgungsalltag und nicht in Laboren haben. Die Besonderheit von digitalen Prozessinnovationen ist dabei der sektorenübergreifende Versorgungsansatz.

Dr. Jan Helfrich, Abteilungsleiter ambulante Versorgung und Vertragsmanagement bei der DAK, sieht die Krankenkassen durchaus in der Pflicht, den Weg einer sinnhaften Innovation in die Regelversorgung zu unterstützen. Neue Chancen sieht er dabei in dem mit 300 Millionen Euro ausgestatteten Innovationsfonds, der 75 Millionen Euro für Versorgungsforschungsprojekte enthält. Der Wettbewerb um die bessere Versorgung könne durch den Innovationsfonds vorangetrieben werden. Ansonsten sei der Krankenkassen-Wettbewerb derzeit eher ein Wettbewerb um den gesunden Versicherten. Die Krankenkasse könne Behandlungsabläufe organisieren und verbessern. Für medizinische Inhalte seien aber die Ärzte verantwortlich. "Wenn ein Nutzen eines Produkts oder einer App nachgewiesen ist, dann wird es auch zur Anwendung kommen", so Helfrich. Wichtig hält er bei neuen Produkten kleine Pilotprojekte nach dem Credo: "machen, messen, bewerten".

Michael Hübner, Hauptabteilungsleiter Versorgungsmanagement bei der Barmer GEK, verweist bei dem Weg des technischen Fortschritts in der Versorgung auf die Bedeutung von Prozessintegration. Digitale Medien wie Apps bräuchten einen Versorgungsbezug gemeinsam mit den Leistungserbringern. "Man braucht eine ganzheitliche Versorgungssicht, es geht nicht ohne die ärztlichen Versorger", so Hübner. Auch die Barmer GEK sei bereit, über Alternativen zu den herkömmlichen Wegen in die Erstattung zu reden und neue Modelle auszuprobieren. Dazu gehöre vor allem eine bessere Vernetzung der Versorgungsstrukturen. Hier spiele die neue Telematik-Infrastruktur künftig eine große Rolle.

Dr. Jörg Grüber von medi-part stellte ein Managed Care-Konzept zur aktiven und IT-gestützten Heilverfahrenssteuerung in komplexen Versorgungen vor. So würden Berufsgenossenschaften und Haftpflichtversicherer bei Abweichungen von regulären Behandlungen aktiv in die Heilverfahrenssteuerung eingreifen. Aus den Behandlungsdiagnosen wird maschinell ein Meilensteinplan erstellt. Bei Abweichungen wird die Behandlung durch Case-Manager gesteuert. "Ein Managed Care-Ansatz im Versorgungsalltag ermöglicht eine erhebliche Verbesserung der Versorgungsqualität. Eine zeitnahe Intervention verkürzt Behandlungszeiten und den Behandlungsaufwand", so Grüber. IT-Ansätze sind seiner Ansicht nach alltagstauglich, finden aber außerhalb der Unfallversicherer wenig Beachtung.

Thom Rasche von Earlybird Venture Capital finanziert Start-up-Unternehmen im medizintechnischen Bereich. Er sieht grundsätzlich eine erhebliche Unterfinanzierung von MedTech-Innovationen in Deutschland: "Es ist zu wenig Geld für Ideen aus der Medizin da." Den Bereich "Digital Health" bewertet Rasche als "extrem spannend". Die Hälfte der Patienten in den USA sei bereit, für Gesundheits-Apps zu bezahlen. Auch auf der ärztlichen Seite wachse die Bereitschaft, mit mobilen Gesundheitsdaten der Patienten zu arbeiten. "Auf dieses wachsende Thema 'Mobile Health' müssen wir uns auch in Deutschland einstellen. Wir müssen die Chancen der digitalen Angebote nutzen, um Diagnostik und Behandlung zu verbessern."

Moderiert wurde die Konferenz von der Medizinjournalistin Renate Harrington.

Hinweis an die Medien: Druckfähige Bilder zur Konferenz können unter www.bvmed.de/bildergalerien heruntergeladen werden.
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