Kostenexplosion

BVMed-Factsheet: Steigender Kostendruck auf die Herstellung von Medizinprodukten

Die Bewältigung der COVID-19-Pandemie und der Ukraine-Krieg haben die globalen Lieferketten und die Herstellungskosten stark beeinträchtigt. Die Medizintechnik-Branche kämpft mit steigenden Kosten und ist gleichzeitig im streng regulierten Markt tätig. Es gibt oft gesetzliche Regelungen und langfristige vertragliche Bindungen, die das Handeln der Unternehmen noch erschweren.

Die folgenden Faktoren üben einen zunehmenden Druck auf die Herstellung von Medizinprodukten aus:

Download des Papiers

Steigende Energie- und Rohstoffpreise

Die Medizintechnik-Branche ist energie- und rohstoffintensiv. Der steile Anstieg der internationalen Öl- und Gaspreise hat zu höheren Energiekosten geführt, die sich auf die Herstellungskosten auswirken. Darüber hinaus sind die weltweiten Rohstoffpreise in die Höhe geschossen, was dazu führt, dass alle Produkte und Waren, die auf diese Materialien angewiesen sind, teurer werden. Zudem hat die weltweite Knappheit bei wichtigen Rohstoffen wie Halbleitern, Verpackungsmaterialien, Harzen, Kunststoffen und chirurgischen Legierungen, die alle für die Herstellung von Medizintechnik wichtig sind, zu erheblichen Preissteigerungen beigetragen.

87 Prozent der MedTech-Unternehmen spüren diese Belastungen nach einer DIHK-Umfrage verhältnismäßig stark. Der Anteil der Unternehmen, der Energie- und Rohstoffpreise als Risiko angibt, liegt in der Medizintechnikindustrie mit 72 Prozent auf einem neuen Allzeithoch (1). Die Lage im Gesundheitssektor stellt sich dabei schlechter als in der Gesamtwirtschaft dar. Die hohen Energie- und Rohstoffpreise haben in der Gesundheitswirtschaft den Fachkräftemangel vom Platz eins der Risikofaktoren verdrängt. (2)

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stiegen die Energiepreise im April 2022 zum Vorjahresmonat um 87,1 Prozent an (3). Betroffen sind sowohl die Herstellung als auch die Sterilisation von Medizinprodukten, die für die Versorgung und insbesondere für Operationen benötigt werden. Die Gesundheitsversorgung in Deutschland ist nur mit den notwendigen Medizinprodukten möglich. Medizintechnikunternehmen sind systemrelevant und auch im Krisenfall mit Gas und Strom prioritär zu versorgen.

Die Preise der für die Branche wichtigen Metalle wie Platin (plus 33 Prozent) oder Kobalt-Chrom (plus 119 Prozent, 4) sind ebenfalls erheblich gestiegen. Beispielhaft seien hier auch die Preissteigerungen von Polyacrylat (Superabsorber) mit 67 Prozent (Propylene Europe Index, 5), Polyethylene (Folien) mit 80 Prozent (LDPE EU Index, 6) und Polypropylene (Vliesstoffe) mit 60 Prozent (PP Europe Homo Index, 7) als Hauptbestandsteile für die Fertigung von Inkontinenzprodukten genannt.

42 Prozent der Betriebe aus der Medizintechnik leiden unter Lieferengpässen. Wichtige Vorstufenprodukte wie zum Beispiel Halbleiter/Chips, aber auch Stahl, Aluminium und Kunststoffe sind rar. Für die Hersteller handelt es sich um mehr als nur um vorübergehende Unterbrechungen der Lieferketten. Durch die Knappheit ergeben sich enorme Preissteigerungen oder im Fall der Nichtverfügbarkeit von Komponenten hohe Kosten, die durch das Re-Design der Produkte anfallen.

All dies erhöht drastisch die Kosten für die Hersteller – insbesondere bei Vorleistungen. So stiegen die Kosten für Vorleistungsgüter branchenübergreifend im Mai 2022 um 25,1 Prozent (8) im Vergleich zum Vorjahr.

In der Medizintechnik sind 96 Prozent der Betriebe von höheren Einkaufspreisen für bezogene Waren und Dienstleistungen betroffen. (9)

Steigende Logistik- und Frachtkosten

Die globalen Logistikprozesse wurden durch die COVID-19-Pandemie erheblich beeinträchtigt, was zu Unterbrechungen der Lieferketten und eine Instabilität der weltweiten Produktion geführt hat. Die See- und Luftfrachttarife sowie Containerfrachtkosten sind stark gestiegen. Ein Beispiel: Der World Container Index (10) beziffert die Buchung eines 40-Fuß-Containers auf derzeit 7.032 US-Dollar, also 340 Prozent mehr als im November 2019 (1.598 US-Dollar). Im Oktober 2021 stand der Preis auf dem Höchststand mit 14.807 US-Dollar/Container, das ergab im Vergleich zum Preis von November 2019 einen Anstieg von 826%.

Aufgrund der hohen Treibstoffpreise und dem anhaltenden Fahrermangel steigen die Kosten im Güterverkehr weiter an. Während die Anzahl der Frachteingaben bisher noch hoch ist, sinken die Laderaumangebote.

Aufgrund der global organisierten Produktions- und Lieferkettennetze der MedTech-Branche wirken sich all diese Faktoren negativ aus. Viele MedTech-Produkte und -komponenten benötigen zudem sehr spezifische Transportbedingungen, um ihre Sicherheit und Leistungsfähigkeit zu gewährleisten, beispielsweise die Sicherstellung der richtigen Temperatur (für diagnostische Tests), Sterilisationsbedingungen (für medizinische PSA, chirurgisches Material, Implantate) oder garantierte Haltbarkeitsdaten. Da die Betriebsrouten und das Frachtaufkommen weltweit zurückgehen, sind die Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit der Fracht und die damit verbundenen Frachtkosten zu einem wachsenden Kostenfaktor für Medizinprodukte-Hersteller geworden.

Steigende regulatorische Kosten

Lieferketten- oder systembedingte logistische Herausforderungen zwingen die Hersteller zur Neuentwicklung und Neukonzeption von Produkten und/oder Komponenten. Bei medizinischen Technologien erfordert dies häufig eine Neuzertifizierung, um das gleiche Sicherheits- und Leistungsniveau des Produkts nachzuweisen, zumal die neue EU-Medizinprodukte-Verordnung (MDR) die gesetzlichen Anforderungen verschärft und erweitert haben und die Branche damit zusätzlich von einem höheren Zertifizierungs- und Bürokratieaufwand betroffen ist. Pro Zertifizierungs-File fallen für die Unternehmen Kosten in Höhe von 300.000 - 500.000 € an.

Hinzu kommen Verzögerungen aufgrund fehlender Umsetzungsvorschriften und zu geringer Kapazitäten bei den Benannten Stellen.
Diese Faktoren stellen für viele kleine und mittelständische Unternehmen eine Extremsituation dar, die dazu führt, die Versorgungssicherheit mit Medizinprodukten zu gefährden.

Steigende Arbeitskosten

Die MedTech-Branche steht im starken Wettbewerb mit anderen Branchen um hochqualifizierte Arbeitskräfte in Bereichen wie Technik, IT und Regulatory-Spezialisten. Außerdem betrifft die Lohninflation Bereiche wie Lagerhaltung, Logistik und Vertrieb. So sind die Arbeitskosten in den letzten Monaten erheblich gestiegen.

Fazit

Die MedTech-Branche hat sich auch in den letzten Monaten und Jahren als innovative Branche und in der Pandemie als verlässliche Partnerin gezeigt, die wesentlich zur Bekämpfung der Pandemie beitragen konnte. Zudem ist die Branche mit über 235.000 Beschäftigen und einem Gesamtumsatz von jährlich 36,4 Milliarden Euro in Deutschland ein wichtiger Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor. Die Mitgliedsunternehmen des BVMed sind sich ihrer Verantwortung in diesen gesamtwirtschaftlich und geopolitisch angespannten Zeiten bewusst. Es ist ihr Bestreben, eine zuverlässige Versorgung mit Medizintechnik in Deutschland auch in Zukunft zu gewährleisten.

Angesichts der inflationären Kostensteigerungen und des systemischen Kostendrucks auf die MedTech-Branche benötigen wir kurz-, mittel und langfristige Maßnahmen und Mechanismen zur Bewältigung der Herausforderungen, um die Versorgungssicherheit der Menschen mit unentbehrlichen Medizinprodukten sicherzustellen.

Quellen;

(1) https://www.dihk.de/resource/blob/73350/4912206cdf7717fd3e770a3927f58537/gesundheitsreport-fruehsommer-2022-data.pdf (letzter Zugriff am 22.6.2022)
(2) https://www.dihk.de/de/themen-und-positionen/wirtschaftspolitik/gesundheitswirtschaft/energie-und-rohstoffkosten-belasten-auch-gesundheitswirtschaft--73246 (letzter Zugriff 22.6.2022)
(3) https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/06/PD22_252_61241.html (letzter Zugriff: 22.06.2022)
(4) https://www.boerse.de/rohstoffe/Platinpreis/XC0009665545 (letzter Zugriff: 22.06.2022)
(5) https://www.chemorbis.com/en/pp/polypropylene-indexprice (letzter Zugriff: 22.06.2022)
(6) https://plasticker.de/preise/preise_myceppi_en.php (letzter Zugriff: 22.06.2022)
(7) https://plasticker.de/preise/preise_myceppi_en.php (letzter Zugriff: 22.06.2022)
(8) https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/06/PD22_252_61241.html (letzter Zugriff: 22.06.2022)
(9) https://www.dihk.de/resource/blob/73350/4912206cdf7717fd3e770a3927f58537/gesundheitsreport-fruehsommer-2022-data.pdf (letzter Zugriff am 22.6.2022)
(10) https://infogram.com/world-container-index-1h17493095xl4zj (letzter Zugriff am 29.6.2022)

Stand: Juni 2022
Download des Papiers
  • Weitere Artikel zum Thema
  • Dr. Meinrad Lugan: Deutschland braucht eine innovative MedTech-Branche

    Deutschland braucht eine forschungsstarke, leistungsfähige, wirtschaftlich gesunde und international wettbewerbsfähige Medizintechnik-Branche. Die Unternehmen der Medizintechnologie im BVMed erwarten von der Bundesregierung entscheidende Weichenstellungen für die im Koalitionsvertrag angekündigte Stärkung des Medizintechnik-Standorts Deutschland und die Entlastung der Unternehmen von starker Bürokratie, schreibt der BVMed-Vorstandsvorsitzende Dr. Meinrad Lugan in einem Gastbeitrag für die WELT-Beilage "Medizintechnologie". Mehr

  • Auswirkungen der Gasknappheit auf die Medizinprodukte-Branche

    Das oberste Ziel der Medtech-Branche ist es, die Gesundheitssysteme auch in Krisenzeiten mit lebensnotwendigen Medizinprodukten versorgen zu können. Die aktuelle Gasknappheit und eine mögliche Beschränkung des Gasbezugs sind dabei eine große Herausforderung. Denn die Produktion von Medizinprodukten und deren Zulieferprodukten ist energie- und rohstoffintensiv. Bei den zahlreichen Produktionsprozessen werden hohe Temperaturen benötigt. Dabei ist die Branche auf Gas als Brennstoff angewiesen – ohne Alternativen. Die Gasversorgung ist primär bei der Produktion in Reinräumen sowie bei Vorprodukten erforderlich. Mehr

  • Branchenbündnis mittelständischer Industrieunternehmen warnt vor Zusammenbruch der industriellen Wertschöpfung in Deutschland

    Die dramatisch hohen Energiepreise können zu einem Zusammenbruch der Industrie in Deutschland führen. Vielen mittelständischen Industrieunternehmen in Deutschland droht das Aus mit irreversiblen Folgen für die Wertschöpfungs- und Lieferketten. Das zeigen beispielhafte Hochrechnungen, die acht mittelständische Industriebranchen mit rund 10.000 Unternehmen und rund einer Million Beschäftigten im Bündnis Faire Energiewende (BfE) zusammengetragen haben. Nach Hochrechnungen aus Mitgliedsunternehmen der im BfE zusammengeschlossenen Branchen bedeutet allein die Gasumlage eine Mehrbelastung der Unternehmen von bis zu 20.000 Euro pro Arbeitsplatz. Das bringt das Fass zum Überlaufen, nachdem sich die Preise am Gasmarkt bereits verzehnfacht haben und auch die Strompreise weiter explodieren. Mehr


©1999 - 2022 BVMed e.V., Berlin – Portal für Medizintechnik