Nachhaltigkeit in der Medizin

Forschung kann zu mehr Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen verhelfen

Interview Prof. Dr. Wirtz mit medizin&technik

Wie stehen Mediziner zu Energieverbrauch und CO2-Fußabdruck? Auf dem letzten Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) in Berlin sprach Prof. Dr. Dieter Christian Wirtz von einem „Mülltsunami“ im OP. im Inerview mit medizin&technik beschreibt er, wo er die Ursachen der Probleme und mögliche Lösungsansätze sieht. Er ist seit 2006 Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Universitätsklinikum Bonn. Das Interview führte Dr. Birgit Oppermann.

Herr Prof. Wirtz, wo fällt Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen ins Auge?

Da etwa 20 bis 30 Prozent des Mülls, den ein Krankenhaus produziert, im OP-Umfeld und damit auch in meinem Arbeitsbereich entstehen, fällt mir das natürlich als allererstes auf. Zahlreiche Einwegkittel, Einweg-Abdecktücher und –Instrumente – da reden wir über Tonnen an Abfall, die täglich anfallen. Wenn wir über Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen sprechen, geht es aber nicht nur um den Müll, sondern auch um den Energieverbrauch. Hier ist der OP ebenfalls ein gutes Beispiel mit seinen vielen Geräten und Lampen, die Strom verbrauchen. Und was einem im Detail auffällt, wirkt sich natürlich auch in der Fläche aus. Studien haben gezeigt, dass der Gesundheitsbereich insgesamt einen beachtlichen Anteil am CO2-Fußabdruck eines Landes ausmacht. In den USA sind es beispielsweise 10 Prozent, in Deutschland rund 5 Prozent. Darüber muss man reden, und daran müssen wir etwas ändern.

Wie stehen Mediziner dazu?

Das Thema Nachhaltigkeit ist unter den Medizinern noch nicht auf der großen Bühne angekommen. Derzeit geht es mehr um die Pandemie, auch wenn es da jetzt gerade ruhiger wird, um die Finanzierung des Gesundheitswesens und den Personalmangel. Dennoch laufen Überlegungen zu Umweltfragen jetzt an. Das ist es auch, was ich mir wünsche, Nachhaltigkeit sollte Kongressthema sein, Sitzungen sollten dazu stattfinden. Grundsätzliches Interesse ist bei Medizinern schon erkennbar.

Was ließe sich konkret verbessern?

Vieles. Es gibt Ansatzpunkte bei den Produkten, bei den Prozessen und bei den Vorschriften. Wir haben heute viel mehr Einwegprodukte als früher. Diese werden sehr günstig eingekauft. Daher ist der Bedarf für eine eigene Sterilisationsanlage geringer. Also wird dieser Bereich ausgelagert. Die Instrumente, die wieder verwendet werden, transportieren wir dann 20 oder 30 Kilometer bis zum Dienstleister und wieder zurück – was sich natürlich im CO2-Fußabdruck bemerkbar macht.

Der Standard-Sterilisationsprozess mit Heißdampf verbraucht sehr viel Wasser, das auch ein kostbares Gut ist. Da ließen sich mit Verfahren wie der Plasmasterilisation bestimmt Verbesserungen erreichen. Und wenn ich mir anschaue, wie viel Verpackungsmaterial anfällt – weil es in der Hygieneverordnung so steht und weil für jede Knochenschraube eine Rückverfolgbarkeit bis zum Titanhersteller gegeben sein muss –, dann denke ich, auch im regulatorischen Bereich sind wir vom Optimum weit entfernt. Am Ende landet der gesamte Müll einer OP im selben Eimer, weil es keine Trennung gibt, und der komplette Inhalt wird als Sondermüll teuer entsorgt. Also gibt es schon allein bei den genannten Beispielen mehr als genug Ansatzpunkte, um etwas zu ändern. Die Liste ließe sich übrigens problemlos verlängern.

Wer muss den ersten Schritt machen: Gesetzgeber, Hersteller oder Krankenhäuser als Kunden?

Wir brauchen zunächst mehr Forschung, die sich gezielt mit Fragen der Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen beschäftigt. Es gibt meiner Meinung nach zum Beispiel keine belastbaren Beweise dafür, dass Einwegprodukte Infektionen verhindern oder wiederverwendbare Produkte zu mehr Infektionen führen. Es ist sinnvoll, sich evidenzbasiert für die eine oder andere Lösung zu entscheiden. Wenn solche Nachweise vorliegen und der Einkauf im Krankenhaus in die entsprechende Richtung schwenkt, glaube ich, dass die Hersteller sich zügig darauf einstellen. Was mich erstaunt, ist, dass es auf politischer Seite bisher keine einzige Initiative gibt, die sich gezielt damit befasst, wie das Gesundheitssystem nachhaltiger werden kann, auch kein darauf ausgerichtetes Forschungsförderungsprogramm – obwohl unsere Branche nach dem Automobilbereich den größten Einfluss auf den CO2-Fußabdruck hat.

Woran müssten Forschungsprojekte ausgerichtet sein?

Das ist für das Gesundheitswesen nicht anders als für andere Branchen. Es gelten die 5 R: Reuse, Reduce, Recycle leuchtet sofort ein. Rethink beträfe zum Beispiel auch Prozesse im Krankenhaus. Zur Untersuchung muss ein Patient persönlich anwesend sein. Aber die Digitalisierung ermöglicht es, die Ergebnisse gemeinsam vom heimischen Bildschirm aus zu besprechen und damit eine Anreise von -zig Kilometern zu verhindern. Das fünfte R für Research ist das, woran es, wie gesagt, bisher am meisten hapert. Dabei bin ich überzeugt, dass ein Krankenhaus, das Ideen des Green Hospital umsetzt, ein sehr gutes Marketing-Instrument an die Hand bekommt, um das Image bei Patienten und Mitarbeitern zu verbessern.

Wie reagieren Hersteller von Medizinprodukten bisher auf dieses Thema?

Mein Eindruck ist, dass Nachhaltigkeit dort bisher eher ein Randthema ist. Die EU-MDR hat die Medizinprodukte-Industrie schon in den vergangenen Jahren stark belastet und tut es immer noch. Da sind wenig Ressourcen für Innovationen übrig. Die aktuelle Energiekrise macht es nicht besser – und Umsatzeinbußen in Folge abgesagter Behandlungen, die wegen der Pandemie ausfielen, müssen die Hersteller ebenfalls verkraften. Eine größere Nachfrage für nachhaltige Produkte könnte aber Änderungen bewirken.

Wo sehen Sie im internationalen Vergleich mögliche Vorbilder?

Mir ist kein Gesundheitssystem bekannt, das in der Fläche so weit vorangekommen ist, dass man sich daran orientieren könnte. Aber es gibt viele einzelne Projekte zu mehr Nachhaltigkeit.

Wie lange wird es dauern, bis sich der Gedanke der Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen durchsetzt?

Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass heute ein Wurstwarenhersteller mit einem veganen Sortiment so erfolgreich ist? Wer hätte gedacht, dass Glasflaschen für Mineralwasser innerhalb weniger Jahre wieder die Hälfte des Sortiments ausmacht? Die Lebensmittelbranche ist da schnell weit vorangekommen. Vielleicht lassen sich in absehbarer Zeit auch Infusionsbeutel durch Infusionsflaschen aus Glas ersetzen, wer weiß. Und da wir gerade im Alltag ständig mit Nachhaltigkeit und Energiesparen konfrontiert sind, könnte sich das auf das Gesundheitswesen übertragen, vielleicht schneller, als man vermutet. Ich hoffe jedenfalls sehr, dass wir schon bald viel mehr über Nachhaltigkeit in unserem Bereich nachdenken.

Quelle: medizin&technik Online vom 8. August 2022
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