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Interview mit Start-up „eye2you“ | Mit KI das Augenlicht schützen

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Die BVMed-Akademie veranstaltet jährlich die „Innovation Hall“ und gibt mit einer Start-up-Challenge den Unternehmen die Chance, ihre Ideen vor der Industrie, Investor:innen und auch der Politik vorzustellen. Dieses Jahr gewann eye2you den Wettbewerb – mit der innovativen Idee, das Augenlicht durch eine mobile, KI-gestützte Netzhautscreening-Lösung zu schützen. Denn: Viele akut von Netzhauterkrankungen bedrohte Menschen in Deutschland sind unterversorgt. Warum eye2you mit seiner Lösung in der Primärversorgung ansetzt und wie genau das funktioniert, verriet uns Daria Weichand, Director Marketing & Business Development sowie Mitgründerin von eye2you in Tübingen im Interview. Dabei zeigt sie, was alles mit innovativer MedTech erreicht werden kann und wie sinnvoll es ist, neue Wege zu gehen.

BVMed: Herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Start-up-Challenge der BVMed-Innovation Hall. Wie wurden Sie Teil von eye2you?

Daria Weichand: Das war ein schöner Zufall. Mit Dr. Jörn-Philipp Lies, Geschäftsführer und Mitgründer von eye2you, bin ich seit längerem gut befreundet. Er erzählte mir regelmäßig von dieser tollen Technologie und ihren Fortschritten. Da dachte ich mir: „Die Idee hat so unglaublich viel Potenzial: Sie kann das Gesundheitssystem effizienter gestalten und so viele Menschen vor vermeidbaren Sehstörungen und Erblindungen schützen. Allerdings fehlt da noch eine Person, die diese Technologie an den Arzt oder die Ärztin bringt. Und da habe ich meine Stärke gesehen, die ich durch meine siebenjährige Außendienst-Erfahrung im großen MedTech-Unternehmen Abbott gewonnen habe.

Wie kam es denn zur Gründung von eye2you?

eye2you entstand im Jahr 2018 aus einem Entwicklungshilfeprojekt. Zwei der Co-Founder wollten in Äthiopien durch eine mobile KI-Lösung mehr Menschen eine erste Augenuntersuchung ermöglichen. Durch Corona war 2020 Reisen allerdings unmöglich. Da die Idee sehr viel Potenzial hatte, haben wir mit Ärzt:innen in Deutschland gesprochen und gemerkt: Auch hier könnte Augenvorsorge effizienter ablaufen.

Ihre KI-Lösung für Netzhautscreenings soll insbesondere in der Primärversorgung genutzt werden. Warum setzen Sie bereits beim Hausarzt oder auch beim Betriebsarzt an?

Jährlich erblinden in Deutschland 10.000 Menschen. Zusätzlich sind 30 Millionen akut bedroht von Netzhauterkrankungen. Risikofaktoren sind Alter und Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht. Und viele Betroffene bekommen nicht die Vorsorge, die sie benötigen. Hinzu kommt, dass Menschen älter und somit multimorbider werden. Die Konsequenz: Spezialist:innen sind überlastet, die Wartezeiten auf Termine lang, die Kosten hoch. Da müsste man viel früher ansetzen. Eine Untersuchung der Retina erlaubt, das individuelle Risiko besser einzuschätzen. Warum schaut man sich also bei den regulären hausärztlichen Vorsorgeuntersuchungen nicht auch die Augen an?

Haben Sie Hausärzt:innen gefragt, ob das für sie infrage käme?

Natürlich. Unsere repräsentative Umfrage ergab: Über 70 Prozent der von uns befragten Hausärzt:innen würden eine Netzhautuntersuchung in
ihrer Praxis durchführen und halten diese auch bei etwa 500 Patient:innen pro Jahr für sinnvoll. Sie machen es aktuell vor allem nicht, weil sie nicht über die Expertise und die Hardware verfügen. Wir haben aber auch Augenärzt:innen befragt: Ungefähr die Hälfte findet vorgelagerte Netzhautuntersuchungen interessant und würde einer KI-gestützten Befundung grundsätzlich vertrauen.

Und wie funktioniert das eye2you Netzhautscreening konkret?

Unser Produkt, der Retinacorder, setzt sich aus einer mobilen Hardware und einer intelligenten Software zusammen. Der Augenhintergrund wird mit einem sogenannten Funduskop untersucht, einem handelsüblichen Gerät mit Ähnlichkeit zu einem Föhn. Für das daran befestigte Smartphone haben wir eine Steuerungssoftware entwickelt, speziell für Personen ohne augenmedizinisches Vorwissen.

Welche Rolle spielt dabei die KI?

Die KI führt beispielsweise einen Hausarzt schrittweise dahin, eine gute Netzhautaufnahme zu machen – wie ein Navi. Zusätzlich werden mehrere Aufnahmen optimiert, miteinander kombiniert und so eine besonders gute Bildqualität erzielt. Aktuell arbeiten wir an einer automatisierten Scharfstellung und Auslösefunktion sowie dem Diagnose-Algorithmus. Für Letzteres füttern wir unsere KI mit unterschiedlichsten Netzhautbildern der Erkrankungen, sodass sie diese selbstständig erkennen kann. Die KI soll dann perspektivisch Handlungsempfehlungen geben, die finale Diagnose stellt aber immer noch der Arzt oder die Ärztin.

Gibt es denn weitere Anwendungsbereiche für das KI-Netzhautscreening?

Viele! Denn über die Retina können mehrere Erkrankungen festgestellt werden und das nicht-invasiv! Wir werden unser Analyse-Portfolio schrittweise erweitern. Zuerst fokussieren wir uns auf die Bereiche mit der besten Evidenz. Darunter: Diabetische Retinopathie, Glaukom, altersbedingte Makuladegeneration. Danach möchten wir uns unter anderem systemischen Erkrankungen widmen, wie Demenz, Depression oder Long-COVID. All das kann in den Netzhautgefäßen erkannt werden. Unser Ziel ist es, mit dem eye2you-Retinacorder ein umfassendes Diagnose- und Früherkennungs-Tool zu entwickeln.

In welcher Phase der Evidenzgewinnung seid ihr?

Wir sind aktuell noch in der Pilotphase und testen mit drei Partnern die Praxistauglichkeit: Einem Optometristen, einem Betriebsarzt und einem Diabetologen. Für Oktober planen wir unseren Markteintritt mit unserem Basisprodukt, noch ohne KI. Die Befundung übernimmt in diesem Fall ein kooperierender Augenarzt. Ab 2023 folgt dann die umfangreiche Zertifizierung als Medizinprodukt Klasse IIa und der Markteintritt der Produktvariante inklusive KI-Diagnostik, zunächst für diabetische Retinopathie.

Was ist die größte Hürde für Euch im deutschen Gesundheitssystem?

Es gibt viele Hürden. Vor allem aber ist das System aktuell zu starr. Wir müssen uns trauen, neue Wege zu gehen und Chancen zu nutzen, die uns beispielsweise durch die KI-gestützte Diagnostik entstehen. Dafür sollten wir mehr miteinander sprechen und interdisziplinärer zusammenarbeiten. Denn am Ende geht es um die Gesundheit von uns allen.

Und jetzt zum Ende zusammengefasst, was möchten Sie mit eye2you erreichen?

Wir haben aktuell drei konkrete Ziele. Erstens möchten wir Risikogruppen engmaschiger augenmedizinisch betreuen, zweitens durch Früherkennung von Sehstörungen die Heilungschancen verbessern und drittens den Augenärzt:innen eine effizientere Arbeitsgestaltung ermöglichen, indem ihnen gezielt Patienten mit akutem Behandlungsbedarf überwiesen werden. Und für uns ist dabei ganz wichtig: Unser Screening soll keinesfalls einen Ersatz für eine umfassende augenärztliche Untersuchung darstellen, sondern als Frühwarnsystem dienen.

Sucht Ihr noch Partner:innen?

Ja, das tun wir. Zum einen suchen wir Investor:innen für zukünftige Finanzierungsrunden. Zum anderen wollen wir unser Team um Augenmediziner:innen und medizinische Fachangestellte erweitern. Außerdem können wir uns eine Kooperation mit einem größeren MedTech-Unternehmen vorstellen, das ebenfalls eine bessere Versorgung speziell von Diabetes-Patient:innen anstrebt. Wenn sich mehrere Parteien mit dem gleichen Ziel zusammentun, kommen sie gemeinsam schneller dorthin.

Wir sind gespannt auf die Entwicklung von eye2you. Vielen Dank für die tollen Einblicke!



Kontakt

Daria Weichand | Director Marketing & Business Development, Co-Founder
eye2you GmbH | Am Kleinen Ämmerle 41 | 72070 Tübingen
Mobil +49 162 326 76 16
http://eye2you.ai

Das Interview führte Michelle Klee vom BVMed.
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