Gelenkersatz bewegt

Astrid Höricke erhält ihr neues Knie in einer roboterassistierten Operation - und ist endlich wieder schmerzfrei | Ihr Rat: "Nicht zu lange warten"

Seit einem Meniskusriss vor mehr als 20 Jahren lebt Astrid Höricke (62) mit Knieschmerzen. Über die Jahre kommen weitere Beschwerden durch Arthrose hinzu. Als sie kaum noch Treppensteigen kann, entscheidet sie sich Ende 2019 für neue Kniegelenke. Das zweite Knie wird im Sommer 2020 mit einer roboterassistierten Operation eingesetzt, das dem Operateur hilft, die künstlichen Gelenke millimetergenau einzusetzen. Heute lebt sie glücklich und schmerzfrei mit zwei künstlichen Kniegelenken. Ihr Rat an andere Patienten: "Nicht zu lange warten. Ich habe viel zu lange gelitten.“ Sie empfiehlt auch, sich vorab gut über Kliniken und Reha-Einrichtungen zu informieren.

„Es fing 1999 an, als ich in einem Fitnessstudio ein Probetraining machen wollte“, erinnert sich Astrid Höricke. Der Trainer will ihr ein Gerät erklären, bei dem man Gewichte mit den Beinen nach oben stemmt. „Er fragte, ob ich gut Gewichte auf den Knien vertrage“, fährt sie fort. „Ich meinte: Ja, klar.“ Sie macht die erste Übung - und plötzlich knackt es. „Das war der Ausgangspunkt.“

Erst Monate später, als sie zunehmend Schmerzen im Knie hat, geht sie zum Orthopäden. Es stellt sich heraus, dass der Meniskus angerissen ist. Sie lässt eine Arthroskopie machen. „Danach war es erstmal für ein paar Jahre gut“, sagt sie.

Doch 2003 meldet sich das andere Knie. Astrid Höricke erinnert sich: „Ich hatte plötzlich Schmerzen, bei längeren Strecken schwoll das Knie an.“ Sie geht zum Arzt, der eine Arthrose feststellt. „2004 hatte ich also die nächste Arthroskopie.“ Die Schmerzlinderung hält kaum zwei Jahre an. Sie berichtet weiter: „Es fing an, dass ich Schwierigkeiten beim Treppensteigen abwärts hatte oder morgens aus dem tiefen Bett aufzustehen. Wenn ich länger gelaufen bin, schwoll mein Knie auch wieder an.“

Die Knieprobleme werden ihr täglicher Begleiter. „Aber für künstliche Gelenke fühlte ich mich noch zu jung“, erklärt sie. Astrid Höricke ist damals Ende 40.

Leben mit den Schmerzen

Sie versucht es zunächst mit anderen Behandlungsmethoden, macht Akupunktur, lässt sich Hyaluronsäure spritzen. Der Erfolg ist gering. „Ab 2008 waren die Knie jeden Tag ein Thema bei mir“, resümiert sie.

Trotzdem fährt sie 2009 nochmal mit ihren Kindern nach China. „Drei Wochen mit dem Rucksack, das meiste ganz spontan“, schwärmt sie. Das viele Laufen tut den Knien gut. „Aber als ich dann wieder acht Stunden im Büro saß, wurde es erneut schlimmer.“

Die Beschwerden nehmen über die Jahre immer mehr zu. Astrid Hörickes Mobilität ist zunehmend eingeschränkt. Sie erinnert sich: „Ich habe mir genau überlegt, wo ich hinfahre, wie weit der Weg ist. Zum Beispiel der Flughafen Frankfurt hat mich unglaublich genervt wegen den langen Wegen.“

Hinzu kommt: Ihre Beine werden krumm. Arbeitskollegen und Freunde sprechen sie darauf an, dass sie O-Beine bekommt. „Das hat mich natürlich sehr belastet.“

Auch ihr Arzt stellt den zunehmenden Verschleiß fest. Sie nimmt täglich mehrmals Ibuprofen, um durch den Tag zu kommen. Trotzdem hält Astrid Höricke durch, unternimmt noch Städtereisen. „2018 war ich mit einer Freundin in Dublin und Belfast“, erzählt sie. „Da musste ich mich alle 300 Meter hinsetzen.“

Das Schlüsselerlebnis hat sie 2018, als sie ihr Enkelkind besucht. „Dort im Haus gab es eine große Treppe mit 14 Stufen, ohne Handlauf zum Festhalten. Ich stand davor und fragte mich: Wie komme ich da jetzt hoch?“ Sie beschließt, etwas zu tun und informiert sich über Operationsmöglichkeiten und Krankenhäuser, entscheidet sich für das Waldkrankenhaus in Berlin-Spandau. Im November hat sie den Beratungstermin beim Arzt. Sie erinnert sich: „Der sah das Röntgenbild und ist ein bisschen erschrocken. Es war ganz verwachsen und teils zersplittert. Er meinte: Es wäre gut gewesen, das ein paar Jahre früher machen zu lassen.“

Operationen bringen Erleichterung

Astrid Höricke lässt im Februar 2020 zunächst das rechte Knie operieren, bei dem vor 20 Jahren der Meniskus angerissen war. Die OP wird unter örtlicher Betäubung über eine Rückenmarkanästhesie durchgeführt. „Ich habe mich bewusst dafür entschieden, um nach der OP schnell wieder fit zu sein, erklärt sie. „Aber ich habe Kopfhörer mit lauter Musik bekommen, damit ich von den Geräuschen nichts mitbekomme. Das klingt ja wie in einer Werkstatt.“

Das Ergebnis gibt ihr Recht: „Es gibt ein Foto direkt nach der OP, da denkt man nicht, dass ich gerade frisch operiert wurde.“ Schon am ersten Tag kommt der Physiotherapeut und läuft mit ihr durch den Flur, macht erste Übungen. Am dritten Tag geht sie an Krücken, aber selbstständig in die Kantine zum Mittagessen. Und: „Ich bin am ersten Tag aufgewacht und es war mein Knie. Es fühlte sich nicht fremd an.“

Dem einwöchigen Krankenhausaufenthalt schließt sich eine dreiwöchige Reha an. Astrid Höricke recherchiert auch dafür vorher viel und entscheidet sich dann für die Rehaklinik Hoppegarten. Sie lacht: „In den Bewertungen steht zwar, das Essen sei schlecht, aber ich gehe ja nicht in die Reha, um zu essen!“

Sie ist sehr zufrieden mit ihrer Wahl, die physiotherapeutische Behandlung fordert sie, sie hat jeden Tag bis zu acht Behandlungen. „Manchmal habe ich mir meinen Bürojob zurückgewünscht.“ Im Anschluss macht sie noch weiter zweimal die Woche Physiotherapie und Sport, um schneller fit zu werden.

Im Oktober 2020 wäre die nächste Operation am anderen Knie geplant gewesen. Aber Astrid Höricke merkt, dass das Knie inzwischen so schmerzt, dass sie beim Treppensteigen Ausweichbewegungen macht – und auch ihr operiertes Knie dadurch falsch bewegt. „Das wollte ich nicht. Ich hatte Angst, dass dann die Heilung dort nicht richtig verläuft.“ Sie meldet sich in der Klinik und man bietet ihr an, die OP in den Juni vorzuziehen und mithilfe einer Roboterassistenz machen zu lassen. „Ich dachte: Na klar.“

Roboterassistierte Operationen werden für immer mehr Indikationen möglich. Auch bei Endoprothesen werden zunehmend Roboter unterstützend eingesetzt. Denn eine minimale Fehlstellung der Prothese um wenige Millimeter kann unter Umständen zu dauerhaften Beschwerden bei Patienten führen. Roboterunterstützte Operationen helfen dem Operateur, die künstlichen Gelenke millimetergenau einzusetzen. Im Waldkrankenhaus Spandau werden seit März 2020 Roboter zur Unterstützung bei Knie-Operationen genutzt.

So auch bei Astrid Höricke. Eine Woche vor der Operation wird das Kniegelenk genau vermessen, um den Verlauf der Operation zu planen und den Roboter entsprechend zu programmieren.

Auch diese Operation verläuft einwandfrei. Ebenso die Reha, die Astrid Höricke wieder in Hoppegarten macht. „Die Stimmung war wegen Corona diesmal nicht so gut, viele Patienten waren sehr genervt, weil sie keinen Besuch empfangen konnten“, erinnert sie sich. „Aber die Betreuung war wieder ausgezeichnet.“

Heute, drei Monate nach der zweiten OP, geht es ihr gut. Sie hat keine Schmerzen mehr. „Ich gehe Treppen ohne Festhalten hoch und runter.“ Ein paar Rückenprobleme plagen sie noch, da die Muskeln sich durch die künstlichen Gelenke und die dadurch veränderte Körperhaltung neu einstellen müssen. „Und das Schönste ist: Meine Beine sind wieder gerade! Das ist ein neues Lebensgefühl.“ Sie strahlt. Im Nachhinein fragt sie sich, warum sie die OPs nicht früher hat machen lassen.

Das ist es auch, was sie anderen Patienten rät: Nicht zu lange warten. „Bei mir war es fast schon zu spät, weil das Knie so kaputt war. Und ich habe viel zu lange gelitten.“ Sie empfiehlt auch, sich vorab gut über Kliniken und Reha-Einrichtungen zu informieren. „Und man sollte nicht auf gutes Essen oder tolle Landschaften achten, sondern wo man die beste Behandlung bekommt“, sagt sie. Auch habe sie am Beginn der Reha klar gesagt, welche Behandlungen sie haben möchte. „Man muss das auch einfordern.“

Zudem sollten Patienten realistische Erwartungen haben. Sie erklärt: „Ich hatte bei manchen Leuten den Eindruck, sie denken, man geht in die Reha und dann ist alles gut.“ Man müsse sich bewusst sein, dass man für die Heilung und die eigene Fitness etwas tun muss. „Man darf nicht nachlassen – aber natürlich auch nicht übertreiben.“

Sobald ihre Knie komplett ausgeheilt sind, will Astrid Höricke wieder reisen gehen – etwa ihre Enkel besuchen. „Leider muss das wegen Corona wohl noch etwas warten“, bedauert sie. Und sie will endlich mal wieder stundenlang durchs Museum schlendern – „das habe ich immer total gerne gemacht.“
  • Weitere Artikel zum Thema
  • Jörg Herklotz lebt seit mehr als drei Jahrzehnten mit Diabetes – dank einer modernen Insulinpumpe hat er immer weniger Einschränkungen

    Jörg Herklotz ist erst Mitte 20, als bei ihm im Vorfeld einer Operation zufällig Diabetes Typ 1 festgestellt wird. Zuvor hatte er nichts von der Krankheit bemerkt. Ab sofort muss er sich mehrmals täglich Insulin spritzen – und versucht dennoch, ein möglichst normales Leben zu führen. Er geht weiterhin arbeiten, pflegt seine Hobbies. Acht Jahre später erhält er die erste Insulinpumpe, mit der er die Krankheit noch besser im Griff hat. Inzwischen hat er bereits die vierte Gerätegeneration, die ihm dank des neuen „Hybrid Closed-Loop“-Systems ermöglicht, seinen Diabetes digital zu managen – und ihm damit noch mehr Freiheiten gibt. Weiterlesen

  • Eckert Baier hat eine Herzmuskelschwäche: Die telemedizinische Fernbetreuung gibt ihm Sicherheit und Lebensqualität

    Mit Mitte 50 hat Eckert Baier eine langwierige Erkältung mit starkem Husten, die er nicht gut auskuriert. Der heute 70-Jährige ahnt nicht, dass die daraus resultierende Lungenentzündung sein Herz angreift und den Herzmuskel dauerhaft schädigt. Nachdem er einige Wochen später ständig müde und schnell erschöpft ist, stellt sein Arzt bei einer Untersuchung eine Herzmuskelschwäche fest. Medikamente helfen ihm über ein Jahrzehnt lang, normal zu leben. Als sich sein Zustand mit Ende 60 aber erneut verschlechtert, rät sein Herzchirurg ihm zur Implantation eines Defibrillators. 2019 findet die Operation statt. Heute fühlt sich Eckert Baier wieder besser – und ist mit seinem Sicherheitsnetz fürs Herz sehr zufrieden. Weiterlesen

  • Endoprothesenregister Deutschland veröffentlicht erstmals „Patienteninformation“

    Das Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) hat erstmals eine „Patienteninformation“ veröffentlicht. Die Publikation enthält zentrale Ergebnisse der Datenauswertung aus dem Jahresbericht 2020 – kurz und patientenverständlich zusammengefasst. Totalendoprothesen stellen die am häufigsten verwendete Prothesenform bei Hüft- und Knieimplantationen dar. Bei künstlichen Kniegelenken wird zunehmend die Rückfläche der Kniescheibe ersetzt. Patientenbezogene Faktoren wie Alter, BMI oder Vorerkrankungen beeinflussen das Risiko für eine Wechseloperation deutlich. Weiterlesen


©1999 - 2021 BVMed e.V., Berlin – Portal für Medizintechnik