Nutzenbewertung

Versorgungsforschung aus Sicht der Industrie

von Joachim M. Schmitt, BVMed-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied

Die Bedeutung der Versorgungsforschung wird durch die zunehmende Vielfalt an Leistungen und den Kostendruck im Gesundheitswesen weiter steigen. Da von den Ergebnissen der Versorgungsforschung alle Akteure im Gesundheitssystem betroffen sind, sollten die Rahmenbedingungen in einem pluralistischen Diskurs von allen interessierten und betroffenen Gruppen bearbeitet werden.

Aus Sicht des BVMed sollte die Bedeutung der Medizintechnologien für das Gesundheitssystem durch die Versorgungsforschung sichtbar gemacht werden und die Leistungsfähigkeit von unterschiedlichen Versorgungsangeboten in der jeweiligen Versorgungssituation und unter den gegebenen Bedingungen dargestellt werden.

Definition Versorgungsforschung

Versorgungsforschung dient als Grundlage für gesundheitsrelevante Entscheidungen und kann damit die Planungssicherheit für alle Beteiligten im Gesundheitssystem erhöhen. Sie analysiert, beschreibt und erklärt die gesundheitliche Versorgung von Einzelnen und der Bevölkerung unter Alltagsbedingungen, stellt Rahmenbedingungen, Defizite und Fehlentwicklungen fest, erarbeitet Konzepte, setzt diese um und evaluiert sie.

Im Gegensatz zur Klinischen Forschung mit Medizintechnologien ist es das Ziel der Versorgungsforschung, die Qualität und den Nutzen von Therapien der Medizintechnologie für Patienten und Anwender in der täglichen Praxis darzustellen. Durch Etablierung eines lernenden Versorgungs- und Gesundheitssystems trägt sie dazu bei, wissenschaftliche Erkenntnisse in der konkreten Versorgungssituation umzusetzen. Darüber hinaus liefert sie die Grundlage für eine nachvollziehbare und zukunftsfähige Gesundheitspolitik, die auf die Herausforderungen des demografischen Wandels und der Finanzierung des medizinischen Fortschritts Antworten finden muss.

Stellenwert der Versorgungsforschung aus Sicht der MedTech-Industrie

Die Versorgungsrealität lässt sich nicht allein mit dem experimentellen Design klinischer Studien abbilden. Unverzichtbar, um den Nutzen aber auch die Grenzen von Behandlungsmaßnahmen in der breiten, routinemäßigen Anwendung durch Arzt, Pflegepersonal und Patient zu bestimmen, ist deshalb kontinuierliche interdisziplinäre Forschung, die sich am Bedarf der Patienten und Anwender orientiert und die den Ist-Zustand analysiert und mit dem Soll-Zustand vergleicht.

Versorgungsforschungs-Methoden

Die Vielfalt der Medizinprodukte und ihrer Einsatzzwecke erfordert unterschiedliche Evaluationsmethoden. Je nach Fragestellung kommen verschiedene Forschungsmethoden, die komplementär wirken können, in Betracht, deren Ergebnisse zu einem Gesamtbild der Versorgungssituation führen.

Wichtige Aspekte bzw. Leitfragen für die Versorgungsforschung mit Medizintechnologien:
  • Sind die Forschungsergebnisse generalisierbar und damit extern validirbar?
  • Sind die zu Grunde liegenden Evaluationsmethoden angemessen und durchführbar?
  • Werden die klinisch-ökonomischen Wirkungen langfristig betrachtet? Tragen Sie damit zu einem notwendigen "Marktbeobachtungswissen" bei?

Akteure der Versorgungsforschung

Versorgungsforschung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, zu der alle Institutionen, Organisationen und Akteure im Gesundheits- und Sozialsystem beitragen sollten. Die medizintechnische Industrie will sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten und ihres jeweiligen Spektrums beteiligen, um zusätzliche Erkenntnisse bei der Anwendung von Medizinprodukten zu gewinnen.

Akteure sind diejenigen (bzw. ihre Organisationen), die im Gesundheitssystem Leistungen regulieren (z.B. Behörden, Ministerien), veranlassen (z.B. Renten- oder Pflegeversicherung), bezahlen (z.B. Krankenkassen), erbringen (z.B. Ärzte, Krankenhäuser, medizintechnologische- und pharmazeutische Industrie) oder in Anspruch nehmen (z.B. Versicherte oder Patienten, bzw. deren Organisationen).

Alle oben Genannten sollten Versorgungsforschung selbst durchführen oder sich daran beteiligen.

Die Aufteilung der Kosten auf die Akteure sollte in angemessener Weise interessensgebunden an die jeweilige Fragestellung erfolgen.

Verwendung der Ergebnisse

Angestrebt werden muss aus Sicht des BVMed die gleichberechtigte Mitbestimmung aller beteiligten Akteure an der Auswahl von Forschungsgegenständen und Zielen, den anzuwendenden Methoden und der Verwertung der Ergebnisse.

Beispiel Endoprothesenregister

Die Unternehmen der Medizintechnologie setzen sich für eine stärkere Qualitätsorientierung im deutschen Gesundheitssystem ein. Dabei helfen beispielsweise Register.

Beim künstlichen Gelenkersatz haben die im BVMed vertretenen Endoprothetik-Unternehmen frühzeitig ihre Bereitschaft signalisiert, an einem Endoprothesenregister mitzuwirken. Wir haben in einer Projektgruppe mitgewirkt, die ein Konzept für den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) erstellt hat.

Primäres Ziel eines Endoprothesenregisters ist es, die Ergebnisqualität der endoprothetischen Versorgung zu messen, vergleichend zu bewerten und zu verbessern. Daran haben alle an der Endoprothesenversorgung beteiligten Gruppen ein großes Interesse. Die Unternehmen der Medizintechnologie stellen sich ihrer Verantwortung. Die BVMed-Mitgliedsunternehmen finanzieren unter anderem den Betrieb der Herstellerreferenzdatenbank.

Die Daten bilden eine der Grundlagen für das Endoprothesenregister, das die eigentlichen Versorgungsdaten für die Qualitätssicherung und Versorgungsforschung in einem eigenen Register generiert. Wichtig ist für uns eine angemessene Einbindung der medizinischen Fachgesellschaften und der Expertise der Hersteller in die Entwicklung der Qualitätsparameter und Auswertungen der Registerdaten. Die Ergebnisse sollten den meldenden Firmen und Krankenhäusern umfänglich und zeitnah zur Verfügung gestellt werden, damit schnell reagiert werden kann.
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