COVID-19

Medizintechnik-Verband schlägt Spahn Pandemie-Reserve vor

RND-Interview mit BVMed-Geschäftsführer Dr. Marc-Pierre Möll

Die Medizintechnik-Hersteller haben der Bundesregierung einen Vorschlag für den Aufbau einer Pandemie-Reserve für Masken und andere Schutzausrüstung vorgelegt. „Wir gehen davon aus, dass wir allein durch eine intelligente Nutzung der bestehenden Lagerkapazitäten eine europaweite, strategische Reserve für ein halbes Jahr anlegen können“, sagte der Geschäftsführer des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed), Dr. Marc-Pierre Möll, dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“. Dies gelte sowohl für fertige Produkte, als auch für wichtige Rohstoffe.

„Lagerkapazitäten gibt es an vielen Stellen: In der Logistik, auf Straße und Schiene, bei den Herstellern. Diese Kapazitäten müssen online vernetzt und intelligent gesteuert werden“, so Möll. Der Aufbau riesiger Reserve-Lager sei dagegen nicht nötig. „Wir brauchen keine Bunker“, sagte er dem RND. Das mache auch gar keinen Sinn, schließlich handele es sich um Produkte, die nur begrenzt haltbar seien. „Wir haben der Regierung Hilfe beim Aufbau eines solchen rotierenden Systems angeboten“, sagte Möll. Minister Spahn wolle die bevorstehende EU-Ratspräsidentschaft nutzen, so ein Projekt voranzutreiben, sagte er. Skeptisch zeigte sich der Verband allerdings gegenüber dem Vorhaben der Regierung, auch hierzulande eine dauerhafte Produktion von Schutzmasken anzukurbeln. „Es wird nicht funktionieren, niedrigpreisige Produkte wie Schutzmasken in Deutschland dauerhaft profitabel zu produzieren“, sagte der BVMED-Vertreter. Das gehe nur mit Abnahme- und Preisgarantien. „Wir sollten nach dem Ende der Pandemie wieder zu marktwirtschaftlichen Prinzipien zurückkehren.“ Dauerhafte Subventionen könnten keine Lösung sein. „Sie würden die Kosten der Krankenversicherungen und damit die Lohnnebenkosten nach oben treiben. Das wäre kontraproduktiv“, sagte er.

Pandemie-Reserve für Schutzmasken - “Wir brauchen keine Bunker”

Das vollständige Interview mit BVMed-Geschäftsführer Dr. Marc-Pierre Möll über die Pläne der Bundesregierung, eine Produktion hierzulande aufzubauen und eine strategische Reserve anzulegen.

Herr Möll, der Mangel an Masken und Schutzkleidung war das große Thema am Beginn der Pandemie. Wie ist die Lage heute?

Die Situation hat sich entspannt. Die Lieferketten unserer Unternehmen funktionieren wieder. Wir sehen, dass die Bedeutung unsere Branche von vielen Politikern und in der Öffentlichkeit erstmals richtig wahrgenommen wurde. Medizinprodukte sind lebenswichtig. Und Deutschland ist einer der wichtigsten Standorte dafür. Wir begrüßen daher die Bemühungen der Regierung, eine größere strategische Unabhängigkeit von außereuropäischen Ländern zu erreichen.

Wie konnte es zu dieser Abhängigkeit kommen?

Der Kostendruck im Gesundheitswesen hat dazu geführt, dass insbesondere die Herstellung von einfachen Cent-Artikeln wie OP-Masken wegen der hohen Lohnkosten nach Asien ausgelagert wurde. China hat die Chance genutzt und sich zum Riesen auf dem Markt entwickelt. Das Land produziert zu Preisen, bei denen die Hersteller in den Industrieländern nicht mithalten können.

Die Bundesregierung hat erste Schritte eingeleitet, um hierzulande eine Produktion anzukurbeln. War das erfolgreich?

Ja, denn im ersten Förderprogramm wurden Abnahmemengen und Preise garantiert, so dass sich eine Herstellung in Deutschland tatsächlich lohnt. Im August beginnt die Produktion. Beim zweiten Programm werden nur noch Investitionszuschüsse für Produktionslinien gegeben. Da sind wir skeptisch, ob das ausreicht.

Warum?

Sie brauchen vier bis fünf Jahre, bis sich die Investition in hochmoderne, vollautomatisierte Maschinen amortisiert. Und bis dahin haben auch die Chinesen längst aufgerüstet und unterbieten die Preise wieder.

Die Krankenversicherungen könnten verpflichtet werden, den Herstellern die hier hergestellten Produkte zu höheren Preisen abzukaufen.

Ja, aber wir sollten nach dem Ende der Pandemie wieder zu marktwirtschaftlichen Prinzipien zurückkehren. Dauerhafte Subventionen können keine Lösung sein. Sie würden die Kosten der Krankenversicherungen und damit die Lohnnebenkosten nach oben treiben. Das wäre kontraproduktiv.

Das Ziel der Regierung, hierzulande eine Produktion aufzubauen, ist also gar nicht zu schaffen?

Es wird nicht funktionieren, niedrigpreisige Produkte wie Schutzmasken in Deutschland dauerhaft profitabel zu produzieren.

Aber wie soll das Ziel der Regierung erreicht werden, mehr Unabhängigkeit zu erreichen?

Wir können die Globalisierung nicht zurückdrehen. Das geht schon deshalb nicht, weil Deutschland kaum Rohstoffe besitzt, etwa Baumwolle. Wir brauchen eine Doppelstrategie. Erstens: Freien Warenverkehr für globale Lieferketten. Zweitens: Wir müssen analysieren, ob es einseitige Abhängigkeiten von einer Region bei systemrelevanten Produkten gibt. Dort müssen wir uns dann breiter aufstellen und für den Ernstfall Vorbereitungen treffen. Wichtig ist aber, dass es erst gar nicht zu einer Unterbrechung der Lieferketten kommt.

Wie soll das erreicht werden?

Lieferketten wurden durch nationale Exportbeschränkungen gekappt. Das führte selbst in Europa zu der absurden Situation, dass nichts mehr produziert werden konnte, weil halbfertige Masken zur Fertigstellung nicht mehr ins Nachbarland gebracht werden durften. Wir brauchen dringend belastbare internationale Handelsverträge, um so etwas künftig auch in Fällen von Pandemien zu verhindern.

Die Bundesregierung plant auch eine nationale Reserve für medizinische Schutzausrüstung und wichtige Arzneimittel. Brauchen wir wie im Kalten Krieg wieder riesige Lager in Bunkern?

Wir brauchen keine Bunker. Das macht auch gar keinen Sinn, schließlich handelt es sich um Produkte, die nur begrenzt haltbar sind. Wir gehen davon aus, dass wir allein durch eine intelligente Nutzung der bestehenden Lagerkapazitäten eine europaweite, strategische Reserve für ein halbes Jahr anlegen können. Für fertige Produkte, aber auch für wichtige Rohstoffe.

Wie soll das gehen?

Lagerkapazitäten gibt es an vielen Stellen: In der Logistik, auf Straße und Schiene, bei den Herstellern. Diese Kapazitäten müssen online vernetzt und intelligent gesteuert werden. Probleme mit der Haltbarkeit gibt es dann nicht, weil die Lager regelmäßig umgeschlagen werden. Wir haben der Regierung Hilfe beim Aufbau eines solchen rotierenden Systems angeboten.

Und was sagen Koalitionspolitiker wie Gesundheitsminister Spahn dazu?

Minister Spahn will die bevorstehende EU-Ratspräsidentschaft nutzen, so ein Projekt voranzutreiben. Wenn wir dies in eine europaweite Datenstrategie mit einem Zugang der Wirtschaft zu anonymisierten Versorgungsdaten integrieren, wäre es richtig stark. Denn wir wollen HighTech-Innovationen hier produzieren, statt sie zu importieren.

Quelle: RND vom 20. Juni 2020
Autor: Tim Szent-Ivanyi
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