Medizinprodukteindustrie

BVMed-Medienseminar 2020 | Die Lage der MedTech-Branche: Ergebnisse der BVMed-Herbstumfrage 2020

Dr. Marc-Pierre Möll, BVMed-Geschäftsführer

Wie ist die aktuelle Lage der Medizintechnik-Branche ein gutes halbes Jahr nach dem Lockdown durch die COVID-19-Pandemie?

Antworten darauf geben die Ergebnisse unserer Herbstumfrage.

Von den angeschriebenen 228 BVMed-Mitgliedsunternehmen haben sich 118 Unternehmen beteiligt, darunter vor allem die größeren Hersteller von Medizinprodukten aus Deutschland und den USA.

Die ausführlichen Ergebnisse finden Sie in der eMappe zu dieser Pressekonferenz.
Ich will einige wichtige Ergebnisse im Folgenden herausstellen:

Zum Thema Umsatzentwicklung und Gewinne:

56 Prozent der befragten Unternehmen gehen von einem Umsatzrückgang in diesem Jahr aus. Bei einem Drittel der Unternehmen sind die Umsatzrückgänge sogar im zweistelligen Bereich. Das zeigt, wie dramatisch die MedTech-Branche von der Verschiebung elektiver Eingriffe und den rückgängigen Arztbesuchen betroffen ist. Diese Auswirkungen können auch bei weitem nicht durch den Mehrbedarf an medizinischer Schutzausrüstung und Hygieneprodukten kompensiert werden.

Aus den gewichteten Umsatzangaben der BVMed-Unternehmen ergibt sich im deutschen Markt ein durchschnittlicher Umsatzrückgang von 2,1 Prozent. Der ungewichtete Wert liegt sogar bei minus 4,9 Prozent. Das zeigt, dass die kleineren Unternehmen stärker von den Rückgängen betroffen sind. Unternehmen mit einem Umsatz unter 25 Millionen Euro verzeichneten im Schnitt sogar einen Umsatzrückgang von minus 6,4 Prozent.

Hinzu kommt, dass auch der Export, der für unsere Branche eine so große Rolle spielt, leidet. Die erwartete weltweite Umsatzentwicklung fällt mit einem durchschnittlichen Minus von 4,7 Prozent noch schlechter als die Inlandsentwicklung aus.

Eine Einzelauswertung nach Produktbereichen zeigt, dass vor allem der Implantate-Bereich mit minus 7,9 Prozent sowie OP-Produkte und OP-Sets mit minus 6,7 Prozent von den Corona-Folgen betroffen sind.

Besorgniserregend ist auch die Entwicklung der Gewinnsituation der Unternehmen in Deutschland. Knapp zwei Drittel der Unternehmen gehen von einer Verschlechterung der Gewinnsituation aus. Im Vorjahr waren es 43 Prozent.

Sehr unterschiedliche Auswirkungen hat das Corona-Krisenjahr auf die Investitionstätigkeit der Branche. Immerhin 21 Prozent der Unternehmen erhöhen ihre Investitionen am Standort, beispielsweise durch den Aufbau neuer Produktionskapazitäten für medizinische Schutzprodukte in Deutschland. Auf der anderen Seite geben 29 Prozent der Unternehmen an, ihre Investitionen am Standort gegenüber dem Vorjahr verringern zu müssen.

Zu den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf die MedTech-Branche:

Die mit dem Lockdown verschobenen Operationen sind der wichtigste Faktor für die Umsatzrückgänge der MedTech-Branche in diesem Jahr in Deutschland. 70 Prozent der befragten Unternehmen sind davon betroffen. 57 Prozent nennen die Einschränkungen der Kundenkontakte für den Außendienst als negativen Faktor. Knapp die Hälfte hat unter ausbleibenden Arztbesuchen und dem damit verbundenen Rückgang von Verordnungen zu leiden.

Durch die Corona-Krise gewinnen die Themen Digitalisierung und Infektionsschutz erheblich an Bedeutung. Knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen der MedTech-Branche erwarten eine steigende Akzeptanz für und mehr Investitionen in die Digitalisierung der Gesundheitsversorgung.

Zum Thema Arbeitsplätze:

Trotz der Umsatzeinbrüche ist nach den Ergebnissen der BVMed-Herbstumfrage erkennbar, dass die Unternehmen ihr Personal halten wollen. 18 Prozent der Unternehmen sehen sich gezwungen, in diesem Jahr Personal abzubauen. 55 Prozent halten ihre Mitarbeiterzahl. 27 Prozent schaffen sogar zusätzliche Arbeitsplätze.

Trotz erheblicher Einschränkungen im Medizinprodukte-Außendienst geben 93 Prozent der Unternehmen an, im Vertrieb keine Stellen abzubauen. 38 Prozent nutzen die Möglichkeit von Kurzarbeit.

Die Berufsaussichten für Fachkräfte in der MedTech-Branche sind damit nach wie vor ausgezeichnet. 83 Prozent der Unternehmen, die sich an der BVMed-Herbstumfrage 2020 beteiligt haben, halten die Berufsaussichten für unverändert gut bzw. besser. Gesucht werden vor allem Medizintechniker, Ingenieure sowie Wirtschafts- und Naturwissenschaftler.

Zum Standort Deutschland:

Als große Stärken des Standorts Deutschland nennen die befragten MedTech-Unternehmen vor allem die gut ausgebildeten Fachkräfte sowie die gute Infrastruktur. Häufig genannte Stärken sind zudem das hohe Versorgungsniveau der Patienten und gut ausgebildete Ärzte, Wissenschaftler und Ingenieure.

Den mit Abstand schlechtesten Wert erhält – wie in den Vorjahren – die Forschungsförderung. Auch die Aspekte klinische Forschung, Erstattungsniveau und Marktzulassung werden selten genannt.

Das beherrschende Thema bei der Frage nach den Hemmnissen für die MedTech-Entwicklung bleibt die neue EU-Medizinprodukte-Verordnung MDR, deren Geltungsbeginn Corona-bedingt um ein Jahr auf Mai 2021 verschoben wurde. 81 Prozent der befragten BVMed-Unternehmen sehen die zusätzlichen MDR-Anforderungen als größtes Hindernis für die künftige Entwicklung der Medizintechnologie-Branche. Dabei geht es vor allem um die Pflicht zu umfassenden klinischen Daten und um längere Konformitätsbewertungszeiten durch Ressourcendefizite bei den Benannten Stellen.

Als größtes Hemmnis der aktuellen nationalen Rahmenbedingungen wird von den MedTech-Unternehmen der Preisdruck durch Einkaufsgemeinschaften genannt.

Zu den gesundheitspolitischen Forderungen der Branche:

56 Prozent der MedTech-Unternehmen sprechen sich für eine vereinfachte Neuzertifizierung für bewährte Bestandsprodukte unter der MDR aus. Über ein Drittel der Unternehmen wünscht sich Förderprogramme für KMUs zur Umsetzung der MDR.

Neben dem vorherrschenden Thema MDR stehen auf der gesundheitspolitischen Agenda eine Verkürzung der Dauer der Bewertungsverfahren und eine generell ermäßigte Mehrwertsteuer für Medizinprodukte.

Zum Innovationsklima:

Auf einer Skala von 0 bis 10 bewerten die Unternehmen das Innovationsklima für Medizintechnik in Deutschland im Durchschnitt mit 4,2. Das ist derselbe Wert wie im Vorjahr und seit der Erhebung des BVMed-Innovationsklima-Index der niedrigste Stand.

Als innovativste Forschungsbereiche schätzen die Unternehmen die Kardiologie, die Diagnostik und die Onkologie ein.

Zum Thema Digitalisierung:

39 Prozent der MedTech-Unternehmen arbeiten bei der Entwicklung digitaler Lösungen bereits mit Start-ups zusammen.

Das größte Potenzial bei den digitalen Technologien sehen die Unternehmen in Datenanalysen, Apps, Big-Data-Anwendungen und künstlicher Intelligenz.

Soweit die Ergebnisse unserer MedTech-Herbstumfrage 2020.

Meine Zusammenfassung in drei Punkten:

1. Die COVID-19-Pandemie hat auch auf die Medizintechnik-Branche dramatische Auswirkungen. Die BVMed-Unternehmen erwarten in diesem Jahr einen Umsatzrückgang von durchschnittlich 4,9 Prozent – nach einem Umsatzplus von 3,3 Prozent im Vorjahr. Der Absturz betrifft vor allem kleinere und mittlere Unternehmen. Hinzu kommen starke Rückgänge beim für die Branche so lebenswichtigen Export.

2. 38 Prozent der Unternehmen nutzen das Instrument der Kurzarbeit, um Entlassungen zu vermeiden. So bleibt die Zahl der Arbeitsplätze insgesamt stabil.

3. Die größten Hemmnisse in der weiteren Entwicklung der Branche sehen die MedTech-Unternehmen in den stark gestiegenen regulatorischen Anforderungen beispielsweise durch die EU-Medizinprodukte-Verordnung (MDR). Die Unternehmen fordern hier eine vereinfachte Neuzertifizierung für bewährte Bestandsprodukte.

Mein Ausblick am Schluss lautet:

Auf europäischer Ebene benötigen wir pragmatische Lösungen, damit alle Produkte nach der EU-Medizinprodukte-Verordnung zertifiziert werden und den Anwendern und Patienten zur Verfügung stehen können.

Auf nationaler Ebene setzt sich die Branche dafür ein, den Produktions- und Forschungsstandort Deutschland zu stärken, indem die mittelständisch geprägte Medizinprodukte-Branche als Leitmarkt und starker Wirtschaftsfaktor anerkannt wird. Wir wollen einen schnellen Innovationszugang für moderne Medizintechnologien sicherstellen, insbesondere auch für digitale Gesundheitsanwendungen. Wir wollen abgestimmte Maßnahmen gegen offensichtliche Defizite in der Versorgung, beispielsweise bei Diabetes, Adipositas oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Moderne medizintechnologische Lösungen sind faszinierend. Wir müssen sie noch besser wertschätzen und Ergebnisse aus Forschung und Entwicklung künftig schneller in die Versorgungspraxis überführen und qualitätsorientiert vergüten.
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