Gelenkersatz bewegt

Patientengeschichte Hans-Jürgen Hess: Nach vier Jahrzehnten endlich schmerzfrei

Fast 40 Jahre lang lebt Hans-Jürgen Hess mit Schmerzen in beiden Knien. Bis sie am Ende so unerträglich sind, dass er kaum noch laufen kann. Zwei Endoprothesen im Kniegelenk sind die Rettung. Heute ist er froh über die Entscheidung und führt ein beschwerdefreies Leben.

Hans-Jürgen Hess ist gerade mal knapp 30, als die Beschwerden in den Knien beginnen. Er geht zum Arzt, der einen Abbau der Knorpelmasse in beiden Kniegelenken feststellt, eine sogenannte Gonarthrose. In seinem Alter ist das ungewöhnlich, denn die Gonarthrose ist eher eine Erkrankung im fortgeschrittenen Alter. Die behandelten Ärzte vermuten, dass die ausgeprägte „Genu Varum Stellung“ – umgangssprachlich als O-Beine bezeichnet – zur frühzeitigen Abnutzung geführt hat. Ob und inwieweit insbesondere diverse Sportarten wie Basketball, Joggen oder Tennis zu einer progredienten Verschlechterung geführt haben, können die Ärzte nicht eindeutig beantworten.

Die Ärzte versuchen es zunächst mit Spritzen ins Knie. Dabei wird Hyaluronsäure ins Knie injiziert. Sie soll die Gelenkflüssigkeit dickflüssiger machen, so dass das Gelenk geschont wird oder sich sogar erholt. Hans-Jürgen Hess erinnert sich: „Das war sehr schmerzhaft, hat aber nicht zum Erfolg geführt.“

Er lebt weiter mit den Schmerzen, auch wenn sie schlimmer werden. Als freiberuflicher Kinder- und Jugendarzt mit eigener Praxis und Versorgung von Neugeborenen im Krankenhaus will er nicht wochenlang ausfallen.

Mit Anfang 60 wird der Leidensdruck größer. „Wenn ich mit meiner Frau spazieren gegangen bin, war nach 200 Metern Schluss“, erzählt er. „Beim Einkaufen habe ich den Einkaufswagen als Rollator benutzt.“ Auch beim Arbeiten in der Praxis fällt ihm das ständige Aufstehen und Hinsetzen immer schwerer. Seine Lebensqualität leidet. Er erzählt: „Ich treibe ja auch nach meiner Berentung leidenschaftlich gerne Sport. Zum Beispiel Golf. Und unsere ganze Familie fährt sehr gerne Ski.“ Die Hobbys sind ihm am Ende kaum noch möglich.

Operation bringt die Erlösung

Trotzdem wartet er, bis es wirklich nicht mehr geht. „Am Ende hat meine Frau gesagt: Es reicht.“ Mit einem Schmunzeln erinnert er sich an den Tag der Operation: „Der Arzt kam an mein Bett und fragte, ob ich wirklich bereit bin, an beiden Knien gleichzeitig die Schlittenprothesen einzusetzen? Und meine Frau beantwortet für mich die Frage mit: Ja.“ Sie leidet mit ihm und unter den zunehmenden Einschränkungen. Hans-Jürgen Hess erinnert sich: „Ich hatte ja quasi rund um die Uhr Schmerzen. Vor allem auch nachts. Zum Schluss konnte ich kaum noch schlafen und habe jede Nacht ein bis zwei Schmerztabletten genommen.“

Im Februar 2017 werden ihm sogenannte Schlittenprothesen im medialen Kniegelenk eingesetzt – in beiden Knien in einer einzigen Operation. Eine solche Simultan-OP wird selten durchgeführt. Denn um beide Gelenke gleichzeitig operieren zu können, müssen sie tatsächlich so abgenutzt sein, dass eine Operation die einzig sinnvolle Option ist. Zudem muss der Patient fit genug sein angesichts der deutlich größeren Belastung für den gesamten Körper. Hinzu kommt: Der Patient muss motiviert sein, im Anschluss an die OP die Reha-Maßnahmen mitzumachen und das korrekte Laufen wieder zu lernen – was mit zwei operierten Knien ungleich anstrengender ist. Hans-Jürgen Hess berichtet: „Soweit ich weiß, war ich in der Klinik der erste Patient, der an beiden Knien gleichzeitig operiert wurde.“

Schon zwei Stunden nach der OP kann Hans-Jürgen Hess mit einer Laufhilfe allein auf die Toilette gehen. „Es ging mir überraschend gut“, sagt er. Sieben Tage bleibt er im Krankenhaus und beginnt bereits dort mit ersten Reha-Maßnahmen.

Mit der Reha zurück ins Leben

Gleich im Anschluss an den Klinikaufenthalt startet er eine zweimonatige ambulante Reha. Er macht Bewegungs- und Sporttherapie, erhält Massagen und Lymphdrainagen. „Das wichtigste war die Gangschule“, erinnert Hans-Jürgen Hess sich. Dort lernt er, mit den beiden künstlichen Gelenken richtig zu laufen und Treppen zu steigen. „Es hat lange gebraucht, bis ich den Mut hatte, ohne Krücken zu gehen. Das habe ich dort Stück für Stück gelernt.“

Die Reha ist intensiv. Morgens um halb 8 Uhr wird abgeholt und um 17 Uhr wieder nach Hause gebracht. „Dazwischen war volles Programm“, lacht er. „Aber die Reha war letztlich das A und O. Ohne sie würde es mir heute sicher nicht so gut gehen.“

Auf die Frage, wie es ihm heute geht, sagt er: „Perfekt.“ Er hat keine Schmerzen mehr, kann wieder lange Spaziergänge mit seiner Frau machen und spielt auch wieder Golf. „Ein paar Einschränkungen gibt es natürlich“, stellt er klar. Beispielsweise geht er nicht mehr joggen, um die Gelenke nicht zu sehr zu belasten. „Aber ansonsten geht es mir so gut wie seit 40 Jahren nicht mehr.“

Anderen Patienten will er Mut machen, warnt aber auch: „So eine OP an beiden Kniegelenken kann man aus meiner Sicht nur machen, wenn man ein stabiles Zuhause hat. Meine Frau hat mich unheimlich motiviert und die ganze Zeit über unterstützt. Die ersten Wochen nach der OP war ich ja noch sehr auf Hilfe angewiesen. Und nach acht Stunden Reha ist man auch erst mal physisch und psychisch geschafft.“

Um nach der Operation schnell wieder fit zu werden, hat er zudem im Vorfeld 9 Kilo abgenommen. „Das hat mir in der Reha unheimlich geholfen“, sagt er. Er empfiehlt anderen Patienten außerdem, immer eine Zweitmeinung einzuholen. Und: „Man sollte es nur bei Ärzten und Kliniken machen lassen, die auf solche Operationen spezialisiert sind.“
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