Gelenkersatz bewegt

Helmut Wagner: Beckenprothese aus dem 3D-Drucker

Nach einem Sturz hat Helmut Wagner starke Schmerzen in der Hüfte. Das Becken ist gebrochen, der 82-Jährige kann nicht mehr gehen. Erst nach mehreren Monaten entdecken die Ärzte die wahre Ursache der Beschwerden, die die Heilung des Beckenbruchs verhindert. Er bekommt eine individuell angefertigte Titanprothese für den rechten Beckenknochen aus dem 3-D-Drucker. Das individuelle Implantat basiert auf den CT-Aufnahmen, einem computergestützten Verfahren und einem Kunststoffmodel. Heute ist er schmerzfrei – und zuversichtlich, bald auch wieder ohne Gehhilfen mobil sein zu können.

Es passiert im Januar 2019. Helmut Wagner erinnert sich: „Ich bin bei Bekannten in der Nachbarschaft eine Treppe runtergelaufen und habe dabei einen Fehltritt auf der letzten Treppenstufe gemacht und bin böse auf den Rücken gefallen.“ Die Schmerzen sind unerträglich, er kann nicht mehr gehen. „Ich habe das überall gespürt, im Rücken, in der Hüfte, im rechten Bein, bei jeder Bewegung.“

Mit einem Rettungswagen wird er ins Krankenhaus gebracht. Dort zeigt eine CT-Untersuchung erst vier Tage nach der Einlieferung, dass das Becken gebrochen ist. Eine Operation ist laut Ärzten nicht notwendig. Helmut Wagner berichtet: „Der Oberarzt meinte, die Knochen müssten von selbst zusammenwachsen.“

Unfälle oder Stürze sind die häufigste Ursache für einen Beckenbruch. Menschen ab 70 haben ein deutlich höheres Risiko, insbesondere wenn sie zusätzlich an anderen Erkrankungen wie Osteoporose leiden. Ist der Bruch nicht allzu komplex, reichen in der Regel Bettruhe, Schmerzmittel und im Anschluss eine Reha mit intensiver Physiotherapie aus, damit der Beckenknochen wieder zusammenwächst.

So ist es auch bei Helmut Wagner geplant. Er erzählt: „Ich habe mich dann gegen einen längeren Krankenhausaufenthalt in der Geriatrie entschieden und die häusliche Pflege vorgezogen. Das hat meine Frau übernommen.“ Regelmäßig kommt zudem eine Physiotherapeutin und macht Übungen mit ihm, um wieder mobil zu werden. Die Genesung schreitet zunächst gut voran. „Ich konnte zwar noch nicht selbstständig laufen, aber mit Gehhilfen ging es.“

Acht Wochen lang muss Helmut Wagner im Bett liegen. Er leidet unter den Einschränkungen. Er wandert gerne, geht normalerweise mehrmals die Woche mit seiner Frau spazieren. „Das alles war nicht mehr möglich“, sagt er.

Und die Schmerzen nehmen mit der Zeit wieder zu. Helmut Wagner sucht daher seinen Hausarzt auf, der Sturz ist bereits mehrere Monate her. „Mein Hausarzt meinte, die Muskeln müssten sich nach dem langen Liegen erst wieder aufbauen. Daher kämen die Schmerzen“, erinnert er sich.

Helmut Wagner übt sich in Geduld – aber die Schmerzen gehen nicht weg. „Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer“, erzählt er. „Irgendwann hatte ich dann auch nachts im Liegen Schmerzen.“ Er sucht noch einmal seinen Hausarzt auf, der ihn diesmal zum Orthopäden überweist. Inzwischen ist es August, gut sieben Monate nach dem Sturz.

Der Orthopäde macht noch einmal Aufnahmen vom Becken und von der Hüfte. Dabei findet er die eigentliche Ursache für die starken Beschwerden. Helmut Wagner erläutert: „Dafür muss man wissen, dass ich 2016 schon mal einen Oberschenkelhalsbruch hatte. Das wurde damals mit zwei Schrauben und einem Nagel fixiert.“ Nun stellt sich heraus, dass Schrauben und Nagel sich im Laufe der Zeit ins Becken verschoben haben und nun die Heilung des Bruches verhindern. Es ist klar, dass es eine Operation braucht.

Maßgeschneiderte Prothese

Für die Operation geht Helmut Wagner ins Helios Klinikum Meiningen, wo ihn der Chefarzt Dr. Bernhard Öhlein untersucht. „Er stellte das gleiche fest und hat mich zwei Tage später eingewiesen“, erzählt er. „Das war am 21. August. Zwei Tage sollte die Operation stattfinden.“

Doch weitere Untersuchungen zeigen: Es ist komplizierter. Die Schrauben und der Nagel sind so tief ins Becken eingedrungen, dass der Beckenknochen nicht erhalten bleiben kann. „Der Hüftknochen wurde rausoperiert und konnte in derselben Operation nicht ersetzt werden.“

Helmut Wagner muss zunächst ohne rechten Hüftknochen leben, bevor die zweite Operation stattfinden kann. Wieder geht er in die häusliche Pflege. Er kann fast nicht laufen, nicht mal der Gang zur Toilette war möglich. „Das rechte Bein war ja quasi ohne Führung, das war ein wirklich komisches Gefühl.“ Er beschreibt es als die schlimmste Zeit, die er in seinem Leben mitmachen musste.

Fünf Wochen muss er warten, bis die zweite Operation stattfinden kann. Die Wunden der ersten Operation müssen zunächst verheilen. Außerdem muss eine individuelle Prothese für den rechten Beckenknochen angefertigt werden. Dafür wird das Becken anhand von CT-Aufnahmen vermessen und in einem aufwändigen computergestützten Verfahren genau das Knochenstück berechnet, das als Prothese eingesetzt werden soll. Anschließend wird ein Kunststoffmodell des Beckens erstellt, anhand dessen die Ärzte die OP planen. Die Prothese selbst wird in einem 3-D-Druckverfahren aus Titan hergestellt. Das Material ist besonders belastbar und für wichtige Knochen wie das Becken gut geeignet.

„Ende September kam dann endlich der erlösende Anruf, dass ich wieder ins Krankenhaus kann“, berichtet Helmut Wagner. Die OP dauert mehrere Stunden. Neben dem Beckenknochen wird auch die Hüfte ersetzt und mit dem Becken verbunden. Aber die Strapazen lohnen sich. Wenige Tage nach dem Eingriff steht Helmut Wagner wieder auf eigenen Füßen und unternimmt auf Krücken erste Schritte. „Das war ein tolles Gefühl, als ich danach endlich wieder auftreten konnte“, sagt er mit Erleichterung in der Stimme.

Reha bringt neue Kraft

Dem Krankenhausaufenthalt schließt sich eine dreiwöchige Reha an. Helmut Wagner erhält Physiotherapie, macht Übungen zum Muskelaufbau. „In der Reha ging es schnell wieder aufwärts.“ Am Ende kann er mithilfe der Krücken wieder gut laufen, und auch erste selbstständige Schritte sind möglich.

„Leider hatte ich das Pech, dass ich direkt nach der Reha einen Hexenschuss bekam“, erzählt er weiter. Die Becken-Operation ist indes inzwischen verheilt. Helmut Wagner hat keine Schmerzen mehr. Mit Gehhilfen ist er zudem schon wieder sehr mobil. „Das geht einwandfrei“, sagt er. „Auch kurze Spaziergänge kann ich schon wieder machen.“

Ihn motiviert die Perspektive, bald auch wieder ohne Krücken laufen zu können. Dafür erhält er weiterhin regelmäßig Physiotherapie. „Der Arzt meint, dass wird bald wieder möglich sein.“ Helmut Wagner freut sich schon, bald wieder größere Runden zu spazieren und vielleicht auch wieder wandern zu gehen.
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