Innovationsfinanzierung

"Krankenkassen früher in den MedTech-Innovationsprozess einbinden"

BVMed-Innovationskonferenz zu Services und neuen Finanzierungsmodellen

Die mittelständisch geprägte MedTech-Branche muss über das Medizinprodukt hinaus in einer frühen Entwicklungsphase Systemlösungen und zusätzliche Serviceangebote in den Blick nehmen. Die Digitalisierung bietet dabei große Chancen und führt zunehmend zu einem direkten Kontakt der Hersteller von Medizintechnologien zum Patienten, beispielsweise über Gesundheits-Apps, "um Kunden zu binden". Das verdeutlichten die Experten der diesjährigen BVMed-Innovationskonferenz mit dem Titel "Neue Dimensionen für MedTech-Innovationen" am 7. September 2016 in Berlin.

In der Konferenz wurden auch neue Modelle in der Innovationskapital-Finanzierung vorgestellt. Barmer-Vorstand Dr. Mani Raffi berichtete über die Beteiligung seiner Krankenkasse an dem "Health Technology Fonds" von Venture-Kapitalgeber Earlybird. Thom Rasche von Earlybird bezeichnete es als strategisch sinnvoll, die Krankenkassen früher in den Innovationsprozess einzubinden. In weiteren Vorträgen ging es unter anderem um die Bedeutung von Acceleratoren zur Finanzierung von Ideen für die Digitalisierung der Medizin in der sehr frühen Phase oder um den Beitrag von Familienstiftungen für die Wachstumsfinanzierung von jungen Unternehmen. Jared Sebhatu von German Life Sciences Accelerator warnte, die deutschen MedTech-Unternehmen müssten aufpassen, "nicht bloße Hardware-Lieferanten von Software-Unternehmen zu werden, die dann US-dominiert sind".

Die BVMed-Veranstaltungsreihe, die gemeinsam mit dem Venture-Kapitalgeber Earlybird durchgeführt wird, soll Ideen aufzeigen, wie neue Produkte und angrenzende Services am Markt etabliert und neue Ideen für die Zukunft generiert werden können.


Die Chancen der Digitalisierung in der Medizin beleuchtete Nino Mangiapane, Leiter des Grundsatzreferats eHealth und Telematik im Bundesgesundheitsministerium. Eine dringende Notwendigkeit sei eine sektorenübergreifende Telematikinfrastruktur. Denn bislang gab es "keine von allen Beteiligten im ambulanten und stationären Bereich gemeinsame nutzbare Kommunikationsplattform". Hier sei man mit dem neuen eHealth-Gesetz nun "auf der Zielgeraden", so Mangiapane. Das eHealth-Gesetz schaffe "Vortrieb" bei der zügigen Einführung nutzbringender Anwendungen und schaffe klare Regelungen zur Nutzung der Telematik-Infrastruktur. Wichtig seien auch die Verbesserung der Interoperabilität informationstechnischer Systeme und die damit verbundene Portabilität der Patientendaten. Auch telemedizinische Leistungen sollen stärker gefördert werden. "IKT-Anwendungen machen neue Formen der Kommunikation und Arbeitsteilung zwischen den Ärzten und die aktive Einbeziehung der Patienten möglich", so der Ministeriumsexperte. Neue Entwicklungen wie Gesundheits-Apps "bringen Funktionalitäten, die das Arzt-Patientenverhältnis nachhaltig prägen und verändern werden". Chancenfelder sieht Mangiapane dabei beispielsweise im Bereich "selbstbestimmtes Leben" durch die Unterstützung und Überwachung der medizinischen Versorgung zu Hause, damit ältere Menschen möglichst lange in den eigenen vier Wänden bleiben können. Chancen gebe es auch durch besser abgestimmte Prozesse von der Prävention über die Behandlung bis zur Nachsorge, Reha und Pflege über Einrichtungsgrenzen hinweg. Dazu gehöre auch die Unterstützung der Patienten im Selbstmanagement chronischer Erkrankungen. Mangiapanes Fazit: "Es gibt nicht die Chance für den Service. Es gibt viele. Erfolgreich werden die Lösungen, die die Prozessträger erfolgreich machen. Je stärker der Dialog intensiviert wird, desto schneller werden aus Chancen Services."

In die neue digitale Welt der Arzt-Patienten-Beziehung führte Dr. Markus Müschenich ein. Er ist Vorstandsmitglied beim Bundesverband Internetmedizin (BiM) und Geschäftsführer von Flying Health (FH), einer "Startup-Manufaktur". Sie bringt Startups mit Unternehmenspartnern aus der Industrie und dem Gesundheitsmarkt zusammen, um gemeinsam an "Digital Health Innovationen" zu arbeiten. Beispielsweise gibt es ein Projekt mit Audi, um den Fahrer "gesünder" zu machen. Wer "mobile Kommunikation" beherrsche, habe dabei auch im Gesundheitsmarkt einen Vorteil. "Deshalb sind Apple und Google große Gesundheits-Player", so Müschenich. In den USA kooperiert beispielsweise die Mayo Clinic bei der elektronischen Patientenakte und digitalen Versorgungsprogrammen mit Apple. Aufgrund der digitalen Angebote steigt die Zahl der Patientenkontakte enorm. "Digitale Services haben gute Chancen, wenn sie patientenorientiert sind", so Müschenichs Fazit.

Ralph Arnold, Partner und Co-Founder von TransAct Advisory Services, ging auf den Nutzen von Acceleratoren für die Digitalisierung der Medizin ein. "Acceleratoren" sind erste Investoren, die einer Idee zum Start verhelfen. Ziel ist es, nach 4 bis 6 Monaten eine vernünftige Startfinanzierung stehen zu haben. Der Mehrwert von Acceleratoren liege in einem "stringenten Auswahlverfahren", so Arnold. Dazu gehöre das systematische Screening prüfungswerter Ideen, aber auch ein Mentorenprogramm, das Zugang zu erfahrenen Experten, Unternehmern und Kooperationspartnern bietet. Der Fokus liegt dabei auf dem Testen der Idee: vom "Wohnzimmer zum professionellen Umfeld". Acceleratoren verschaffen eine Mikrofinanzierung und bieten Zugang zu "Angel-" und Seed- / Venture-Capital-Investoren. In den USA gibt es bereits eine Vielzahl etablierter Digital Health-Acceleratoren. Mit dem "Rainmaking Loft Berlin" und dem "European Digital Health Day" gibt es Initiativen, um in Berlin Acceleratoren anzusiedeln. Arnold: "Wir verknüpfen dabei Unternehmen mit digitalen Startups, um Innovation zu fördern." Das "Startupbootcamp" wird beispielsweise von Philips und Sanofi gesponsert, das "Grants4Apps"-Programm von Bayer. Als "Sprungbrett in die USA" dient den Startups dabei "German Life Sciences Accelerator". Das Programm wird vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützt.

Zu den Finanzierungsmöglichkeiten in der Wachstumsphase gehören "Family Offices" als "strategische Investoren mit langfristiger Perspektive". Ein Beispiel ist das "Mérieux Développement SAS Family Office" im französischen Lyon, das Dr. Peter Kaspar als Regional Partner vorstellte. Ziel ist die Beschleunigung des internationalen Wachstums eines Startups mit einem Finanzpartner aus dem Gesundheitssektor. Die Familie Mérieux ist eine Unternehmerfamilie, die sich seit vier Generationen mit wichtigen Innovationen im Gesundheitssektor beschäftigt. Die Wurzeln für dieses Engagement gehen bis ins Jahr 1897 zurück, als Marcel Mérieux, ein Schüler von Louis Pasteur, sein erstes Unternehmen gründete. Mérieux Développement hatte als strategischer Investment Partner im Jahr 2015 weltweit 15.000 Mitarbeiter und einen Umsatz von 2,4 Milliarden Euro. Mit der breiten industriellen Erfahrung und dem weltweiten Netzwerk stellt Mérieux Développement sowohl Finanzmittel als auch strategische Unterstützung bereit. Anwendungsbeispiele, die Kaspar vorstellte, kamen aus der Ophthalmologie oder der häuslichen Pflege.

Dr. Mani Rafii, Mitglied des Vorstands der Barmer GEK, beschrieb das Ziel der gesetzlichen Krankenkassen, die Versorgungsqualität mittels Innovationen zu fördern. Medizinischer Fortschritt und digitale Chancen werden von den Krankenkassen begrüßt. "Wir sind bereit, auch neue Wege zu beschreiten", so der Kassenmanager. Ein Beispiel ist die direkte Beteiligung der Krankenkasse an dem "Health Technology Fonds" des Venture-Kapitalgebers Earlybird. Damit wolle die Krankenkasse frühzeitig in Innovationsprozesse eingebunden werden. Der Bereich der Digitalisierung umfasst bei der Barmer drei Themenschwerpunkte: 1. Die internen Prozesse; 2. die Schnittstelle zwischen dem Versicherten und der Krankenkasse mit durchgängig IT-gestützten Prozessen; 3. Die Verbesserung der Versorgungsqualität der Versicherten, beispielsweise durch Gesundheits-Apps. Treibende Kraft für Innovationen und neue Services müssten dabei konkrete Versorgungsdefizite und der medizinische Nutzen für die Patienten sein. Rafii: "Innovationen und auch die digitalisierte Medizin müssen mehr denn je ein integrativer Bestandteil funktionierender Versorgungsprozesse sein und Nutzen auf Seiten der Patienten und auf Seiten der Leistungserbringer bewirken." Dazu fordert er evidenzbasierte Lösungen und die Messung der Ergebnisqualität. Innovative Angebote sollten aus Sicht der Krankenkasse auch zur besseren Wirtschaftlichkeit der Versorgung beitragen und Fehl- und Überversorgung vermeiden.

Den Wandel der Versicherungsgeschäftsmodelle durch die Digitalisierung beschrieb Dr. Volker Büttner, Head of Group Innovation bei der Generali, aus der Sicht einer privaten Krankenversicherung. Versicherungen sind künftig nicht nur "Kostenträger", sondern auch Gestalter durch neue Services. Treiber der Veränderungen sind neben den neuen Technologien auch gewandelte Kundenbedürfnisse und neue regulatorische Rahmenbedingungen, die auch zu neuen Anbietern im Markt führen. "Der Versicherungssektor der Zukunft wird nicht mehr nur einen Schaden durch Geld ersetzen, sondern den Menschen dabei helfen, dass der Schaden erst gar nicht entsteht", so Büttner. Generali setzt dabei unter anderem auf das neue, europaweit erste Wellness-Versicherungsprogramm "Generali Vitality". Das Programm belohnt den Versicherten "für jeden Schritt in ein gesünderes Leben". Generali Vitality wird zusammen mit einer Risikolebens- oder Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen und besteht aus drei einfachen Schritten: bewusst machen, aktiv leben, belohnt werden. Wer das Programm und seine Angebote und Partnerrabatte intensiv nutzt, kann seine Versicherungsprämie damit senken.

Dr. Martin Hünten, Director Corporate Development beim Haushaltsgeräte-Hersteller Miele, zeigte die Aktivitäten des Unternehmens mit zusätzlichen Services im Bereich der Medizintechnik. Miele setzt rund 3,7 Milliarden Euro um und ist bis heute vollständig im Familienbesitz. Die Geschäftsfelder Wäschepflege und Küche sind bis heute prägend für Miele, doch die Welt verändert sich durch neue Anbieter und digitale Services sehr schnell. "Nur mit Hilfe von Partnern ist es möglich, den rasanten Entwicklungen am Markt zu folgen", so Hünten. Die Hygienekompetenz mündet dabei auch in einem Geschäftsbereich Medizintechnik. Miele beliefert beispielsweise Krankenhäuser und Zahnarztpraxen bedarfsgerecht mit Reinigungsmaterialien und bietet Sterilisations-Dienstleistungen und Lösungen zur Instrumentenaufbereitung für durchgängige Systemlösungen.

Dr. Christian Krey, Geschäftsführer des Startups Emperra E-Health Technologies aus Potsdam, stellte die Services des Unternehmens zum Thema "Digital Diabetes Care" vor. Gründungsidee war die Datenerhebung in der Diabetesbehandlung über eigene Hardware wie einen digitalen Insulinpen. Alle Patientendaten werden an das "Esysta Portal" gesendet und sind dort auch für den Arzt einseh- und auswertbar. Mit der entwickelten App können zudem Medizinprodukte von anderen Herstellern eingebunden werden. Eigentümer der Daten ist der Patient. "Er entscheidet, wer Zugriff auf die Daten hat und wofür die Daten genutzt werden", so Krey. Die Software ist ein zertifiziertes Medizinprodukt. Die Speicherung der Daten erfolgt verschlüsselt auf einem Server in Deutschland. Emperra hat keinen Zugriff auf die Daten. Die vollständigen Daten sind die Grundlage zur Therapieoptimierung. Der Nachweis einer besseren Versorgung wird durch Studien im Rahmen von Selektivverträgen mit zwei gesetzlichen Krankenkassen erbracht. So soll beispielsweise der Beweis erbracht werden, dass durch ein besseres Therapiemanagement und besser eingestellte Patienten und damit weniger Krankenhausaufenthalte Kosten reduziert werden können. Weitere Services sind eine bedarfsgerechte Belieferung und das Coaching der Patienten.

Moderiert wurde die Veranstaltung von der medizinischen Fachjournalistin Renate Harrington und Thom Rasche, Partner bei Earlybird Venture Capital.

Hinweis an die Medien: Druckfähige Bilder zur Konferenz können unter www.bvmed.de/bildergalerien heruntergeladen werden.
  • Weitere Artikel zum Thema
  • BVMed zur DVG-Verabschiedung: "Hilfsmittel-Leistungserbringer und Homecare-Unternehmen in die Telematik-Infrastruktur einbinden"

    Der BVMed begrüßt, dass der Gesetzgeber mit der Verabschiedung des Digitale Versorgung-Gesetzes (DVG) erste Maßnahmen für die Digitalisierung der Hilfsmittelversorgung einleitet. Dies setzt jedoch einen adäquaten Rahmen für Ausgestaltung und Anwendung der digitalen Hilfsmittel-Verordnung voraus, der in den nächsten Schritten zu schaffen ist. Um Wettbewerbsgleichheit sicherzustellen, sollten die Hilfsmittel-Leistungserbringer und Homecare-Unternehmen zugleich schnellstmöglich an die Telematik-Infrastruktur (TI) angeschlossen werden. Außerdem sollte auch eine digitale Verbandmittel-Verordnung etabliert werden. Beide Ansätze fehlen im neuen Gesetz und sollten dringend nachgeholt werden. Weiterlesen

  • BVMed zur Verabschiedung des DVG: „Die guten Ansätze jetzt rasch erweitern“

    Das vom Bundestag verabschiedete Digitale Versorgung-Gesetz (DVG) bewertet der Bundesverband Medizintechnologie, BVMed, insgesamt positiv. „Wir sehen im DVG viele gute Ansätze, um einen schnelleren und niedrigschwelligen Weg von digitalen Lösungen in die Regelversorgung zu gewährleisten und damit die Patientenversorgung und die Versorgungsprozesse zu verbessern“, kommentiert BVMed-Geschäftsführer Dr. Marc-Pierre Möll. Das DVG sei aber nur ein erster Schritt. „Die guten Ansätze müssen jetzt rasch erweitert werden, beispielsweise um eine bessere Unterstützung telemedizinischer Lösungen und eine Ausweitung auf die Medizinprodukte-Klassen IIb und III vor“, so der BVMed. Weiterlesen

  • Digitalisierung, vernetztes Wirtschaften, Künstliche Intelligenz und wie der Mittelstand für die digitale Zukunft aufgestellt ist, stehen im Mittelpunkt des 6. Mittelstand-Digital-Kongresses am 12. November 2019 im Futurium des Forschungsministeriums in Berlin. Gesprächsrunden und Beispiele aus... Weiterlesen


©1999 - 2019 BVMed e.V., Berlin – Portal für Medizintechnik