Krankenhaushygiene

"Krankenhaushygiene bleibt für die Politik ein wichtiges Thema"

Patientenbeauftragte Ingrid Fischbach auf dem BVMed-Hygieneforum

Die Themen Krankenhaushygiene und Infektionsschutz bleiben auch in der neuen Legislaturperiode ein wichtiges Thema für die Politik. Das sagte die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Staatssekretärin Ingrid Fischbach, auf dem 6. BVMed-Hygieneforum "Prävention von Krankenhausinfektionen" am 5. Dezember 2017 mit rund 110 Teilnehmern in Berlin. Insgesamt gibt es bei jährlich 18 Millionen Krankenhausfällen in Deutschland rund 400.000 bis 600.000 Krankenhausinfektionen mit rund 10.000 Todesfällen. Davon seien nach Expertenmeinung ein Drittel der Fälle vermeidbar. Nach Aussage des CDU-Bundestagsabgeordneten und Krankenhausexperten Lothar Riebsamen müsse das Thema deshalb bei der Politik "auf dem Schirm bleiben – nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene, weil die Welt globalisiert und vernetzt ist." Pflegeexpertin Hedwig François-Kettner vom Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) forderte mehr und besser qualifiziertes Fachpersonal für Krankenhaushygiene. Moderator Raimund Koch von Paul Hartmann prognostizierte, dass Krankenhaushygiene und Infektionsschutz auch im neuen Koalitionsvertrag eine breite Rolle spielen werden, "egal, wie die neue Regierung ausschaut".

Eine wichtige Frage aus Sicht der Patientenbeauftragten Fischbach ist dabei: "Wie kann man beim Thema Krankenhausinfektionen die Patienten einbinden und mitnehmen?" Ziel müsse sein, die Patienten besser zu informieren, worauf sie bei einem Krankenhausaufenthalt achten sollen, "um ihnen Ängste vor einer Infektion zu nehmen", so die Staatssekretärin. Hygieneexpertin Prof. Dr. Christine Geffers von der Charité sieht eine rückläufige Zahl von MRSA-Neuinfektionen in Deutschland. Das liege auch an der "insgesamt erhöhten Wahrnehmung und Aufmerksamkeit für Hygienethemen im Krankenhaus". Joachim Rösel, Sprecher des BVMed-Fachbereichs Krankenhausinfektionen, verwies auf die unterstützenden Infografiken und Informationen des BVMed zum Thema "nosokomiale Infektionen" auf der Webseite www.krankenhausinfektionen.info.


Prof. Dr. Christine Geffers, Oberärztin am Nationalen Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité-Universitätsmedizin, beleuchtete die Häufigkeit und zeitliche Entwicklung von multiresistenten Erregern (MRE) in Deutschland wie Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA) oder Vancomycin-resistenten Enterokokken (VRE). Die Resistenzrate bei MRSA liegt in Deutschland knapp über 10 Prozent. Der europäische Durchschnitt beträgt rund 13 Prozent – von Norden nach Süden ansteigend. Im Trend der letzten Jahre sinken die MRSA-Resistenzraten auf europäischer Ebene. Der Rückgang der MRSA-Neuinfektionen zeigt sich auch mit Blick auf die Daten des Krankenhaus-Infektions-Surveillance-Systems (KISS). Waren es vor zehn Jahren noch über 34.000 MRSA-Neuinfektionen im Krankenhaus, sind es aktuell unter 20.000 Patienten. Die häufigste MRE-Gruppe sind multiresistente gramnegative Bakterien (MRGN). Am stärksten ist der Anstieg in Deutschland allerdings bei Patienten mit VRE. Im Krankenhaus ist das Risiko eines VRE-Neuerwerbs höher als für den eines MRSA. "Hier zeichnen sich Problembereiche ab, deren Entwicklung besonders aufmerksam verfolgt werden sollte", so Geffers.

Auf die Mechanismen und die Übertragung von Antibiotikaresistenzen ging Prof. Dr. Hortense Slevogt, Fachärztin für Innere Medizin und Leiterin der "Host Septomics"-Forschergruppe am Zentrum für Innovationskompetenz Septomics des Universitätsklinikums Jena, ein. Es gibt Bakterien, die gegen alle verfügbaren Antibiotika resistent sind und an denen Menschen versterben. Das hatte auch der Antibiotika-Entwickler Alexander Fleming in seiner Nobelpreisrede 1945 bereits so schon vorausgesehen. Wichtigste Resistenz-Mechanismen der Bakterien sind das reduzierte Eindringen in die Zelle, das beschleunigte Ausschleusen durch Effluxpumpen, die Inaktivierung des Antibiotikums oder die Modifikation von Zielmolekülen des Antibiotikums. "Diese natürlichen Resistenzen sollten beim Einsatz von Antibiotika stärker beachtet werden", so Slevogt. Beim MRSA handelt es sich um nur einen Erreger und einen Resistenzmechanismus, der über die genetische Information zwischen den Aureus-Stämmen ausgetauscht wird. Solche Antibiotikaresistenzgene (ARG) entstehen durch den unkritischen und zu hohen Einsatz von Antibiotika, durch häufige Selbstmedikation in Entwicklungsländern sowie durch den Einsatz von Antibiotika als Mastverbesserer und als Infektionsprophylaxe in der Tierzucht. Neue Erkenntnisse zeigen aber auch, dass Antibiotikaresistenzen von Bakterien natürlich entwickelt werden, unabhängig vom Einsatz von Antibiotika. Das findet man auch bei von der modernen Zivilisation unberührten Amazonasstämmen. Slevogt: "Wir sind als Mensch ein besonderes Biotop für an uns adaptierte Mikroorganismen. Das müssen wir noch besser verstehen, um damit neue Ansatzpunkte zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen zu haben."

Prof. Dr. Knut Kröger, Chefarzt der Klinik für Angiologie am Interdisziplinären Gefäßzentrum des Helios Klinikums Krefeld, ging auf das brisante Thema der postoperativen Wundinfektionen ein. Seine Schlussfolgerung aus der umfangreichen Studienlage: "Eine standardisierte gute Hygiene ist eine wesentliche Voraussetzung zur Vermeidung von postoperativen Wundinfekten." Eine sichere Vermeidung von postoperativen Wundinfekten könne man alleine mit der Hygiene aber nicht erreichen. Für den Einfluss vieler Maßnahmen vor der Operation wie Rasieren oder Waschen sowie nach der Operation wie erster Verbandswechsel, Nähen, Klammern oder Kleben fehle es an verlässlichen Daten aus klinischen Studien. Offen ist auch, welchen Einfluss der Patient auf die postoperative Wundinfektion hat. "Patientenbezogene Faktoren bei Diabetikern, Adipösen, Rauchern oder einfach nur älteren Patienten standen bisher nicht im Mittelpunkt des Interesses, werden aber in Zukunft eine größere Bedeutung erlangen", so Kröger.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) und seine Maßnahmen zur Infektionsprävention und Hygiene stellte die Vorsitzende Hedwig François-Kettner vor. Sie war früher unter anderem Pflegedirektorin der Charité. Patientensicherheit sei mittlerweile ein gesellschaftlich akzeptierter Wert und integraler Bestandteil der Versorgung. Seit 1994 gebe es die "nationale Prävalenzstudie" zu Krankenhausinfektionen. Sie zeige eine relativ konstante Prävalenz der Krankenhausinfektionen, aber einen Anstieg der multiresistenten Erreger. 88.000 nosokomiale Infektionen werden jährlich allein auf den Intensivstationen nachgewiesen. Rund ein Drittel der Krankenhausinfektionen seien vermeidbar. Deshalb müsse auf diesen Bereich mehr Augenmerk gerichtet werden. Zu den APS-Maßnahmen gehören die "Aktion saubere Hände" (www.aktion-sauberehaende.de), der Deutsche Preis für Patientensicherheit, eine Infektions-Präventions-Initiative oder der Internationale Tag der Patientensicherheit am 17. September. Zur "Aktion Saubere Hände" gehören Fortbildungen zu Basismaßnahmen der Händehygiene, die Verbesserung der Ausstattung der Krankenhäuser mit Händedesinfektionsmitteln, die Messung des Verbrauchs von Händedesinfektionsmitteln und der Compliance der Händedesinfektion. Bisher beteiligen sich an der Aktion über 1.000 Krankenhäuser und knapp 100 Rehabilitationskliniken mit Ein zukünftiger Schwerpunkt werde der ambulante Bereich sein, da hier in Sachen Hygiene "noch Vieles im Argen" liege, so François-Kettner. Ein Schlüsselthema der Patientensicherheit sei der Personalmangel in der Pflege. In Deutschland kommen auf eine Pflegekraft im Durchschnitt über 10 Patienten. Deutschland sei damit Schlusslicht in Europa. Internationale Studien belegten den Zusammenhang zwischen einer höheren Personalausstattung examinierter und qualifizierter Pflegekräfte sowie niedrigeren Infektionsraten und Dekubitus-Auftreten. "Wir brauchen mehr und besser qualifiziertes Fachpersonal", so die APS-Vorsitzende.

Staatssekretärin Ingrid Fischbach, Patientenbeauftragte der Bundesregierung sowie Pflegebevollmächtigte, nahm eine politische Standortbestimmung der Maßnahmen zur Hygieneverbesserung im Krankenhaus vor. Hygiene sei ein wichtiges Thema und treibe die Öffentlichkeit vor allem dann um, wenn etwas passiere, so Fischbach. 400.000 bis 600.000 Krankenhausinfektionen bei 18 Millionen Krankenhausfällen im Jahr seien eine hohe Zahl. Nach Expertenmeinung seien ein Drittel der Fälle vermeidbar. Deshalb sei das Thema der Politik sehr wichtig. Die entscheidende Frage aus Sicht der Patientenbeauftragten: "Wie kann man beim Thema Krankenhausinfektionen die Patienten einbinden und mitnehmen?" Hygiene habe für Patienten einen hohen Stellenwert. Ziel müsse sein, die Patienten besser zu informieren, worauf sie bei einem Krankenhausaufenthalt achten sollen, "um ihnen Ängste vor einer Infektion zu nehmen", so die Staatssekretärin. Sie verwies dabei auf das AHOI-Projekt, um auch die Patienten und ihre Angehörigen stärker in die Vermeidung von Infektionen einzubinden und somit gemeinsam mit dem Personal Leben zu retten. In der zweiten Projektphase gehe es derzeit um eine klinische Evaluierungsstudie. Aus Sicht des Gesetzgebers sieht die Patientenbeauftragte keinen Nachholbedarf mehr. Mit dem Infektionsschutzgesetz 2011 und zusätzlichen Mitteln aus dem Krankenhausstrukturgesetz seien gute Grundlagen gelegt. Jetzt gehe es um eine Umsetzung der bekannten Maßnahmen. Fischbach: "Dafür brauchen wir aber auch genug Personal im ärztlichen und pflegerischen Bereich." Sie bemängelte, dass die vorhandenen Bundesmittel gerade für die Aus-, Fort- und Weiterbildung zurzeit noch nicht so abgerufen werden, wie es sein könnte. Ihr Fazit: "Es bewegt sich vieles, aber wir müssen noch mehr tun und alle einbinden, auch die Patienten."

Joachim Rösel, Marketingdirektor Medical bei Pall und Sprecher des BVMed-Fachbereichs "Nosokomiale Infektionen", stellte die BVMed-Initiative "Nosokomiale Infektionen" vor. Die Informationsmaterialien sollen dabei helfen, die Entstehung von nosokomialen Infektionen zu verdeutlichen und damit zu ihrer Vermeidung beizutragen. Kernstück ist die Webseite www.krankenhausinfektionen.info. Sie enthält Informationen und Grafiken zu den Themen Gefäßkatheter-assoziierte Infektionen, Wundinfektionen, Atemwegsinfektionen, Harnwegsinfektionen, infektiöse Darmerkrankungen (Norovirus) und Multiresistente Erreger (MRE). Ein besonderes Angebot ist das anschauliche Grafikmaterial, das für Präsentationen oder Schulungen kostenlos heruntergeladen werden kann. Demnächst werde es um Einzel-Piktogramme ergänzt.

Dr. Johannes Tatzel, Leiter des Instituts für Krankenhaushygiene der Kliniken Heidenheim, schilderte erste praktische Erfahrungen mit den neuen Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) am Robert Koch‐Institut (RKI) zur "Prävention von Infektionen, die von Gefäßkathetern ausgehen". Eine Vielzahl der Empfehlungen, gerade auch zum zentralvenösen Katheter (ZVK) als risikoreichster Anwendung, ist inzwischen durch ausreichend Evidenz belegt. Empfohlen wird beispielsweise die innseitige Desinfektion von Katheteransatzstücken vor allen Manipulationen an Hubs und Dreiwegehähnen. Bei Intensivpatienten werden In-Line-Filter empfohlen. Für bestimmte Bereiche werden vorbefüllte Spülspritzen empfohlen. Trotz der umfangreichen KRINKO-Empfehlung gebe es in der Praxis noch viele ungelöste Fragen: beispielsweise zur Verwendung von Konnektionsventilen, zur Desinfektion vor Ansetzen einer Spülspritze oder zur Desinfektion bei Systemwechsel, wenn Kappen verwendet werden.

Wie sinnvoll ist eine präoperative Waschung? Dieser Frage ging Gregor Drogies, Referatsleiter Gesundheits- und Versorgungsmanagement der Krankenkasse DAK-Gesundheit, auf der Basis von GKV-Routinedaten nach. Unter präoperativer Waschung werden die Waschungen verstanden, die Patienten vor einer geplanten Krankenhausaufnahme selbstständig durchführen. Unterstellt wird, dass präoperative Waschungen sich positiv auf die Reduktion von postoperativen Wundinfektionen (Surgical Site Infections, SSI) auswirken. Hintergrund ist, dass beispielsweise eine Infektion nach einer Hüftimplantat-OP für den Patienten einen 19 Tage längeren Krankenhausaufenthalt und für die Krankenkassen rund 10.000 Euro Mehrausgaben bedeuten. Jährlich verursachen die infektionsbedingten Komplikationen für die DAK allein in Nordrhein-Westfalen Mehrkosten im Krankenhaus von über 2 Millionen Euro. Nach den Analysen von Drogies schlagen sich nahezu alle Einsparungseffekte einer funktionierenden Hygienekette auch auf das Krankenhaus selbst nieder. Aufgrund der sehr großen Patientenzahlen müsste ein präoperatives Waschungskonzept allerdings äußerst effizient angelegt sein. Drogies. "Es lohnt zu überlegen, ob nicht grundsätzlich jeder Patient zukünftig vor einer elektiven OP selbstständig ein strukturiertes Waschungsprotokoll abarbeiten muss, um stationär aufgenommen werden zu können." Ein Konzept, dem es gelinge, durch präoperative Waschung positive Effekte zu erreichen, werde trotzdem niemals andere hygienische Defizite im Versorgungsprozess kompensieren.

Moderiert wurde das BVMed-Hygieneforum von Raimund Koch von Paul Hartmann.

Hinweis an die Medien: Druckfähige Bilder zum Hygieneforum können unter www.bvmed.de/bildergalerien heruntergeladen werden.
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