Unterdruck-Wundtherapie

BVMed: Unterdruck-Wundtherapie auch ambulant möglich | „Modernes Behandlungsverfahren für Patienten mit chronischen Wunden hat sich auch in der Coronakrise bewährt“

Patienten mit chronischen Wunden können auch im ambulanten Bereich von den Vorteilen der Unterdruck-Wundtherapie, auch Vakuumversiegelungs-Therapie oder „Negative Pressure Wound Therapy“ (NPWT) genannt, profitieren. „Das moderne Behandlungsverfahren für Patienten mit chronischen Wunden, das bislang überwiegend in den Kliniken zum Einsatz kam, hat sich in der Coronakrise auch ambulant bewährt“, sagt Dr. Marc-Pierre Möll, Geschäftsführer des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed). Vorteile für die Patienten seien ein schnellerer Wundverschluss, weniger Komplikationen und geringere Amputationsraten.

Der BVMed weist darauf hin, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Unterdruck-Wundtherapie nach Einzelfall-Prüfung auch im ambulanten Bereich bezahlen. Noch im September 2020 soll der Bewertungsausschuss über die Erstattungsmöglichkeiten der ambulanten Unterdruck-Wundtherapie entscheiden. Der BVMed hat gemeinsam mit Experten Empfehlungen zur Qualifizierung und Qualitätssicherung erarbeitet, die unter www.bvmed.de/npwt abgerufen werden können.


Zum Hintergrund:
Als zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland Krankenhäuser Betten für COVID-19-Patienten freiräumten, betraf dies auch Menschen mit chronischen Wunden. „Gerade Patienten mit chronischen Erkrankungen sind aus Furcht vor einer Ansteckung überhaupt nicht mehr zum Arzt oder ins Krankenhaus gegangen“, sagt Dr. Peter Dollinger, Chefarzt des Gefäßzentrums der DRK-Kliniken Berlin. Sie seien daher auch nicht mehr in den üblichen Diagnostik- und Behandlungszyklus aufgenommen worden. Dies betrifft besonders die innovative Unterdruck-Wundtherapie (NPWT), die durch Unterdruck anhaltend Wundsekrete absaugt und hauptsächlich in Kliniken angewendet wird. Dies liegt unter anderem daran, dass eine technische Apparatur bedient werden muss.

„Es gab keinen Zugang mehr zu den Kliniken, nur noch telefonischen Kontakt zu den Anwendern“, sagt Tobias Büscher von ConvaTec. Das Unternehmen entwickelt Medizinprodukte und -technologien zur Behandlung chronischer Erkrankungen und zur Wund-, Stoma- und Kontinenz-Versorgung. Dem pflichtet Laura Schwindling-Gerigk von Lohmann & Rauscher bei: „Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass alle Produkte oder Dienstleistungen immer und jederzeit zu erhalten sind.“

Einschränkungen bei innovativer Therapie

Man habe in der ersten Phase versucht, den Patienten zu einer möglichst schnellen Entlassung aus dem Krankenhaus zu verhelfen, so Büscher. Teilweise sei danach aber nur noch eine klassische Wundversorgung beim Hausarzt oder durch den Pflegedienst möglich gewesen, keine innovative Unterdruck-Wundtherapie. Dies sei aufgrund der Behandlungserfolge bedenklich: „Wie die bekannte Studienlage zeigt, wirkt die NPWT bei vielen Indikationen schneller als andere moderne Wundversorgungen“, sagt Büscher. Somit dauere die Therapie länger, wenn die spezielle Variante der Unterdruck-Therapie abgebrochen werden müsse.

Einen starken Einfluss auf den Einsatz der innovativen Unterdruck-Wundtherapie sieht auch Laura Schwindling-Gerigk von Lohmann & Rauscher, da verschiebbare Eingriffe unterblieben seien und damit auch die NPWT. „Bei chronischen Wunden hat man sich in der ersten Hochphase der Corona-Pandemie angesehen, ob eine Operation oder Behandlung im Krankenhaus nötig ist oder diese elektiv ist, also auch verschoben werden kann“, sagt auch der niedergelassene Chirurg Dr. Joachim Wahlig aus Worms.

Krise zeigt: Innovative Unterdruck-Therapie auch ambulant anwendbar

Dr. Ronald Silverman, Chief Medical Officer der Medical Solutions Division von 3M, weist neben der kürzeren Zeit bis zum Wundverschluss, weniger Komplikationen, Operationen oder Infektionen und geringeren Amputationsraten bei der Unterdruck-Therapie auch auf weitere Vorteile während der Corona-Pandemie hin: „Den Patienten dabei zu helfen, das Krankenhaus schnell zu verlassen und ihren Heilungsprozess zu Hause abzuschließen, macht Krankenhauskapazitäten frei.“ Er sei daher auch über die Erstattung der ambulanten Unterdruck-Therapie in Deutschland erfreut. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen die Behandlung inzwischen auch außerhalb der Kliniken, allerdings erst nach Prüfung des Einzelfalls. Für den niedergelassenen Chirurgen Wahlig ist das für geeignete Patienten eine sehr sinnvolle Ergänzung: „Der Heilungsprozess ist sehr viel schneller.“

In der derzeitigen Corona-Krise ist die innovative Unterdruck-Therapie vermehrt auch zu Hause und in Pflegeheimen weitergeführt worden. Das Homecare-Unternehmen Medicops hat damit gute Erfahrungen gemacht. „Der Übergang war schnell und unkompliziert. Die Krankenkassen haben sehr schnell genehmigt. Es ging alles sozusagen auf dem ganz kurzen Dienstweg“, sagt Carmen Spindler, Teamleiterin bei Medicops. Das überwiegend in Süddeutschland tätige Unternehmen organisiert die Versorgung von Patienten beim Übergang von der Klinik nach Hause und begleitet die ambulante Therapie zu Hause.

Überraschende Erfolge in Pflegeheimen und zu Hause

Zwar seien noch nicht alle Pflegeheime vollständig mit der Vakuum-Therapie vertraut, ergänzt India Kreuzwieser von Medicops. Aber sowohl dort, wie auch zu Hause bewähre sich die ambulante Unterdruck-Therapie mit viel Kommunikation und Erklärung, beispielsweise durch Bildvisiten über Fotos oder Videos. „Man wird erfinderisch in Krisenzeiten, aber es funktioniert, und die Bereitschaft das anzunehmen und zu organisieren war überall vorhanden – und es klappt gut“, so Kreuzwieser.

Ähnliches berichtet Carmen Spindler: „Es ist phantastisch, wie sich die Angehörigen teilweise für die Kranken einsetzen, sie engagieren sich vorbildlich. Uns hat es auch überrascht, dass es funktioniert. Aber wenn die Therapie und Funktion ausführlich angeleitet und erklärt wird, helfen die Angehörigen sehr mit und überlassen es nicht alleine dem Pflegedienst.“

Enge Kooperation nötig

Der Chirurg Joachim Wahlig hat seit vielen Jahren als ehemaliger Klinik-Chefarzt Erfahrung mit der innovativen Unterdruck-Therapie, als niedergelassener Arzt wendet er sie seit zwei Jahren auch ambulant in seiner Praxis in Worms an. „Die NPWT ist nicht für alle Wunden geeignet und auch nicht bei jedem Patienten anwendbar“, sagt er. Wichtig sei eine enge Zusammenarbeit mit Pflegediensten und den Herstellern der Geräte. „Die enge Verzahnung von Arzt, Pflegediensten, Pflegepersonal in Heimen und gegebenenfalls Angehörigen ist der Schlüssel zum Erfolg. Dann ist die NPWT auch ambulant eine sehr gute Behandlungsmöglichkeit“, so Wahlig.

In der noch anhaltenden Sondersituation während der Corona-Pandemie ist eine enge Abstimmung mit dem Arzt noch wichtiger: „Es ist klar, dass man genau darauf achten muss, wie sich der Zustand der Patienten entwickelt. Wenn er schlechter wird, muss das sofort ein Arzt begutachten und, wenn nötig, auch wieder ins Krankenhaus einweisen“, sagt India Kreuzwieser von Medicops.

Allerdings habe sich durch das erfolgreiche Anwenden der Therapie zu Hause und das Einbinden von Angehörigen das „therapeutische Team“ erweitert, sagt sie. „Im Prinzip war das schon immer so gewünscht und jetzt haben sich neue Möglichkeiten gezeigt. Es bleibt natürlich immer eine individuelle Abschätzung, ob die Vakuum-Wundtherapie auch zu Hause angewendet werden kann, aber die Akzeptanz und das Verständnis sind in den vergangenen Wochen gewachsen“, so Kreuzwieser.

NPWT soll Zulassung erhalten

Noch im September entscheidet der Bewertungsausschuss über die Erstattungsmöglichkeiten der ambulanten Unterdruck-Wundtherapie. Für die Patienten, die dann auch weiter ambulant mit der innovativen Therapie versorgt werden, ist das eine gute Nachricht.

Trotz der positiven Reaktionen auf den Pandemie-Notfall sind die langfristigen Folgen für das Gesundheitssystem aber noch nicht absehbar. „Die verschobenen elektiven Eingriffe werden erst langsam nachgezogen“, sagt Laura Schwindling-Gerigk von Lohmann & Rauscher. Diese Lücke lasse sich daher nicht schnell schließen. „Die Hoffnung ist, dass mit der Pandemie aufgezeigt wurde, wie wichtig ein gut aufgestellter Gesundheitsmarkt ist“, so Schwindling-Gerigk. Dazu kann die ambulante Unterdruck-Wundtherapie beitragen.

Chefarzt Dr. Peter Dollinger hat eine stark verzögerte Behandlung von Patienten mit chronischen Wunden festgestellt, mit teilweise irreparablen Schäden. „Wir beobachten derzeit zunehmend fortgeschrittene Infektionsstadien bei Wundpatienten, als dies im Vergleich zu vor der Pandemie der Fall war. Das verursacht häufig eine größere Wundausdehnung und eine längere Wundheilungsdauer“, so Dollinger. „Hier wird die Fortführung der Vakuumunterdrucktherapie unter ambulanten Bedingungen sehr hilfreich sein.“

Für den BVMed bestätigen die in der derzeitigen Corona-Notsituation gemachten Erfahrungen mit der ambulanten NPWT-Behandlung deren Eignung auch für die ambulante Versorgung. „Die Unterdruck-Wundtherapie kann zur schnellen Genesung der Patienten beitragen. Das sorgt nicht nur für eine bessere Gesundheit und mehr Lebensqualität der Betroffenen“, sagt Juliane Pohl, Leiterin des Referats Ambulante Gesundheitsversorgung im BVMed. „Die Therapie bietet durch kürzere Behandlungszeiten auch wirtschaftliche Vorteile.“ Mit Fachgesellschaften, Ärzten in der ambulanten und stationären Versorgung, Pflegenden, Verbänden der Versorgung sowie Herstellern wurde gemeinschaftlich diskutiert, wie eine notwendige Qualifizierung und Qualitätssicherung in einer derartigen Wundversorgung aussehen sollte und wie sie zu strukturieren ist. Das Ergebnis findet sich in den eigens dazu erarbeiteten Empfehlungen wieder.

Die „Empfehlungen aus dem Dialogprozess des BVMed und den beteiligten Experten zur Qualifizierung und Qualitätssicherung in der Vakuumversiegelungstherapie können unter www.bvmed.de/npwt abgerufen werden.
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