Wundversorgung

BVMed-Forum „Eine Stunde Wunde“ | „Stärkung einer interdisziplinären Gesundheitsversorgung ist unerlässlich“

Damit Pflege künftig mehr Verantwortung übernehmen und interdisziplinär in Zusammenarbeit mit Ärzt:innen und anderen Leistungserbringern arbeiten kann, braucht es neben der strukturierten Qualifizierung einen rechtlichen Rahmen, um die Rollen in der Gesundheitsversorgung zu definieren. Das erklärt Annemarie Fajardo, Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats, in ihrem Impulsvortrag beim BVMed-Gesprächsforum „Eine Stunde Wunde“ am 6. September 2022. Dabei sei insbesondere bei komplexen Fällen in der Wundversorgung eine interdisziplinäre Zusammenarbeit besonders effektiv. Prof. Dr. med. Martin Storck, Direktor der Klinik für Gefäß- und Thoraxchirurgie des Städtischen Klinikums Karlsruhe, bestätigt aus eigener Erfahrung: „Das ist das beste Vorgehen. Und das zu etablieren, sehe ich als wichtige Aufgabe an“. „In der Wundversorgung haben wir dafür eine gute Startposition“, so Sonja Laag von der Barmer. „Denn in der pflegerischen Wundversorgung gibt es bereits Wundexpert:innen, die für die Modellvorhaben zur Heilkundeübertragung eingesetzt werden könnten.“ Juliane Pohl, BVMed-Expertin und Moderatorin des BVMed-Formus: „Wir sehen die Notwendigkeit einer interdisziplinären Versorgung und sind auch auf dem richtigen Weg, dazu ist jedoch ein Zusammenwirken der verschiedenen Professionen zwingend erforderlich. Das sollte möglichst bald umgesetzt werden.“

Vermittlung erweiterter Kompetenzen an Pflegende

Durch das Pflegeberufegesetz wurde 2017 ein Rahmen für die Reform der Pflege geschaffen, „um die Qualität und Attraktivität der pflegerischen Ausbildung zu stärken“, erklärt Annemarie Fajardo, Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats. Und das sei auch dringend notwendig gewesen, denn „im internationalen Vergleich liegen wir 150 Jahre zurück“, so Fajardo.

Neben dem neuen Ausbildungsmodell und einem Pflegestudium wurden Ausbildungsmodule „zur Vermittlung von erweiterten Kompetenzen zur Ausübung heilkundlicher Tätigkeiten in der beruflichen und hochschulischen Pflegeausbildung genehmigt, die über die Inhalte der neuen Pflegeausbildung hinausgehen“. Die standardisierten Module würden die curriculare Voraussetzung für die Umsetzung von Modellprojekten nach § 14 PflBG, § 63 Abs. 3c SGB V sowie § 64d SGB V darstellen.

Pflegende müssen das Erlernte umsetzen dürfen

„Mit einer solchen Heilkundeübertragung soll die Interdisziplinarität bei der Patient:innenversorgung unterstützt werden“, beschreibt die Pflegeexpertin Fajardo. „Pflege besitzt Qualifikation und wird sich in der Zukunft mehr ‚zutrauen' in Bereichen wie z. B. der Wundversorgung tätig zu werden.“ Aktuell ginge es vorerst um die Vermittlung der Kompetenzen. „Ob sie dann zu einer Tätigkeit im praktischen Sinne werden soll und kann, das ist eine weitere Frage, die noch nicht geklärt ist“, so Fajardo. Der dafür notwendige Rahmen sowie ausgefeilte Konzepte fehlen noch, die künftige Rollen klarer definieren. Das bestätigte auch Sonja Laag, Leiterin Versorgungsprogramme für integrierte Versorgung bei der Barmer.

Mehrwert durch Interdisziplinarität

Fajardo sieht großes Potenzial in der interdisziplinären Wundversorgung. So sei insbesondere bei komplexen Fällen eine gemeinsame Betrachtung durch Pflegende und Ärzt:innen unverzichtbar und würde zu einem besseren Behandlungs-Outcome führen. Dabei könnten qualifizierte Pflegekräfte auch eine rehabilitative oder palliative Rolle einnehmen.

Wie effektiv die enge Zusammenarbeit zwischen Ärzt:innen und Pflegenden sein kann, beschreibt Prof. Dr. med. Martin Storck, Direktor der Klinik für Gefäß- und Thoraxchirurgie des Städtischen Klinikums Karlsruhe: „Wir leben es bei uns so, dass wir immer zu zweit, also ein geschulter Wundmanager und ein Arzt, zum Patienten gehen und gemeinsam die Diagnose und Behandlung besprechen. Das ist das beste Vorgehen. Und das zu etablieren, sehe ich als wichtige Aufgabe an“.

Auch Inga Hoffmann-Tischner, Leiterin des pflegerischen Wundzentrums Aachen und Pflegedienstes in Köln, berichtete von Ihren Erfahrungen: „Wir geben Ärzt:innen Unterstützung, Tipps und Therapieempfehlungen. Das zeigt: Die Pflege ist wundbegeistert und traut sich das zu.“

Bestehende Expert:innen mitnehmen

Insbesondere in der Wundversorgung, in der der Versorgungsansatz der spezialisierten Wundversorgung geschaffen wurde, existieren bereits Wundexpert:innen unter den Pflegenden – oft ohne Primärstudium, berichtet Hofmann-Tischner. Es müssen daher Konzepte gefunden werden, diese bestehenden erfahrenen und auch qualifizierten Fachkräfte in die neuen Versorgungskonzepte zu integrieren.

Modellvorhaben als Chance

„In der Diskussion zu den Modellvorhaben nach § 64d SGB V zeichnet sich ab, dass die Wunde ein absolut präferiertes Thema ist, weil dort die fachpflegerische Kompetenz gesehen wird“, so Laag. Zum aktuellen Stand der Modellvorhaben berichtet sie: „Der Rahmen zwischen Krankenkassen und Pflegeorganisationen ist abgeschlossen. Nun müssen die Ministerien klären, wie die Pflegefachkräfte ausgebildet werden.“ „Bei der Wundversorgung haben wir den Vorteil, dass wir bereits ausgebildete Pflegekräfte mit besonderer fachpflegerischer Kompetenz haben. Es müssten allein Wege gefunden werden, diese anzuerkennen und in die Versorgungsmodelle einzubinden,“, so Laag weiter. Das sei eine sehr gute Startposition.

Laag sieht sehr viel Potenzial im Modellvorhaben, um die Basis für eine „Ärtz:innen-Pflege-Tandem-Versorgung“ zu schaffen.

„In dieser Stunde Wunde wurde deutlich: Wir sind auf dem Weg zu einer veränderten Rolle der Pflege und einer interdisziplinären Versorgung. Aber auch, dass mehr passieren muss – und schneller. In der nächsten Stunde Wunde setzen wir an dieser Stelle an und diskutieren das Thema weiter“, so BVMed-Expertin Juliane Pohl.

Anmeldung für die nächste „Eine Stunde Wunde“ am Dienstag, 2. November 2022 16:30 Uhr, unter www.bvmed.de/2022-11-02.

Über „Eine Stunde Wunde“

Wundversorgung kann nur interdisziplinär funktionieren, daher muss auch der Diskurs dazu interdisziplinär sein. Aus diesem Grund hat der BVMed das Gesprächsformat „Eine Stunde Wunde“ ins Leben gerufen. Das virtuelle Forum diskutiert alle zwei Monate die unterschiedlichen Themen der Wundversorgung. „Wir streben einen möglichst breiten Austausch zwischen allen Beteiligten in der Behandlung, Pflege und Versorgung von Wunden an. Unser Fokus ist eine gezielte, praxisnahe Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema, die sicherlich auch interessante Perspektivwechsel ermöglicht. Interessierte sind eingeladen, nicht nur daran teilzunehmen, sondern auch sich mit Themen einzubringen“, so Pohl.

Der BVMed repräsentiert über 240 Hersteller, Händler und Zulieferer der Medizintechnik-Branche sowie Hilfsmittel-Leistungserbringer und Homecare-Versorger. Die Medizinprodukteindustrie beschäftigt in Deutschland über 235.000 Menschen und investiert rund 9 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Der Gesamtumsatz der Branche liegt bei über 34 Milliarden Euro, die Exportquote bei 66 Prozent. Dabei sind 93 Prozent der MedTech-Unternehmen KMU. Der BVMed ist die Stimme der deutschen MedTech-Industrie und vor allem des MedTech-Mittelstandes.
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