Industrielle Gesundheitswirtschaft

BDI-Studie zu Wachstumspotenzialen der industriellen Gesundheitswirtschaft (iGW): Andere Länder machen es besser

Die industrielle Gesundheitswirtschaft (iGW) hat großes Wachstumspotenzial für den Gesundheitswirtschafts-Standort Deutschland. Zu Chancen und Hemmnissen hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) eine Studie in Auftrag gegeben, in der die Wirtschafts- und Forschungsinstitute IGES und WifOR Standortfaktoren für die iGW analysieren. Ein Ergebnis der Studie: Der Fachkräftemangel wird für die iGW eine der größten Bremsen. Bis zum Jahr 2023 werden nach der BDI-Studie bis zu 320.000 Arbeitskräfte in der iGW fehlen.

Die Studie analysiert zudem, was ausgewählte andere Staaten für die iGW tun, um die Rahmenbedingungen für die Branche zu verbessern. Wesentliche Ergebnisse: Der internationale Standortwettbewerb spitzt sich zu. Andere Länder haben die strategische Bedeutung der Branche für einen resilienten Standort erkannt und stärken die Branche sehr gezielt. Deutschland muss insbesondere bei der Digitalisierung aufholen, um im Standortwettbewerb nicht noch weiter zurückzufallen. Fazit: Die iGW braucht bessere Rahmenbedingungen für Forschung und die Translation in die Praxis. Dazu gehören schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren, aber auch der Zugang zu Risiko- und Wachstumskapital.

Links: Download der Studie | Weitere Informationen zur Studie beim BDI

Kurzzusammenfassung der Studie

Im März 2021 wurde vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ein Positionspapier vorgelegt, das eine Strategie für die industrielle Gesundheitswirtschaft (iGW) in Deutschland beschreibt. Auf dieser Grundlage hat der BDI zusammen mit einigen seiner Mitgliedsverbänden und Unternehmen der iGW die vorliegende Studie zu den Wachstumspotenzialen der industriellen Gesundheitswirtschaft beauftragt, die vom IGES Institut in Zusammenarbeit mit dem WifOR Institute erstellt wurde. Thematische Schwerpunkte der Studie sind die Fachkräftesicherung, die Digitalisierung und die Förderung von Innovationen im Gesundheitswesen. Hierfür werden zunächst in Form von Szenarien-Analysen sowohl Wachstumspotenziale als auch Wachstumshemmnisse ermittelt, anschließend im Rahmen eines internationalen Vergleichs untersucht, mit welchen Maßnahmen in anderen Ländern versucht wird, Wachstumspotenziale der iGW verstärkt zu nutzen.

Ergebnisse der Szenarien-Analysen (WifOR)

Es wurde ein intersektoraler Vergleich der iGW mit anderen Wirtschaftsbereichen in Deutschland durchgeführt, bei dem mittels quantitativer, datenbasierter Szenarien-Analyse weitere Entwicklungspotenziale der iGW dargelegt wurden. Dabei wurden für die zukünftige Entwicklung der iGW drei Szenarien analysiert: eines zur Fachkräftesituation, ein Digitalisierungsszenario und ein Innovationsförderungsszenario. Diese Szenarien beleuchten die möglichen Entwicklungspfade der iGW in Deutschland unter verschiedenen Einflüssen und zeigen potenzielle Wachstumsrichtungen auf.

Das Fachkräftesicherungsszenario quantifiziert das potenzielle Ausmaß fehlender Fachkräfte in der iGW bis zum Jahr 2030 aufgrund des demografischen Wandels:
  • Aktueller Arbeitskräfteengpass (Schätzung auf Basis des makroökonomischen Arbeitsmarktmodells des WifOR Institute): 125.000 fehlende Personen im Jahr 2023.
  • Möglicher Anstieg bis 2030: Bis 2030 könnte sich dieser Arbeitskräfteeng-pass auf alarmierende 305.000 fehlende Personen erhöhen.
  • Haupttreiber: Der Haupttreiber für diesen Engpass ist der doppelte demografische Wandel, der sowohl das Angebotspotenzial verringert als auch die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen der iGW-Branche erhöht.
  • Gegenwärtiger Verlust für die iGW: über 10 Mrd. Euro Bruttowertschöpfung (BWS).
  • Prognostizierter Anstieg bis 2030: potenziell bis zu 26,6 Mrd. Euro nicht realisierte BWS.
  • Bedeutung des Szenarios: Es wird deutlich, dass der Arbeitskräfteengpass in der iGW ein ernsthaftes Risiko für ihr zukünftiges Wachstum darstellt und zu erheblichen Umsatzeinbußen führen könnte.
  • Handlungsbedarf: Um diesem Risiko entgegenzuwirken, sind dringend Maßnahmen erforderlich, darunter eine generelle Erhöhung der Erwerbsbeteiligung, Förderung von Aus- und Weiterbildung, Verbesserung der Arbeitsbedingungen sowie die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland.

Im Digitalisierungsszenario werden BWS-Entwicklungen durch unterschiedliche Digitalisierungsintensitäten der iGW skizziert:
  • Potenziale der Digitalisierung: Die Digitalisierung in der iGW hat das Potenzial, Prozesse zu optimieren, Diagnoseverfahren zu verbessern, Therapien zu personalisieren und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.
  • Chance für die iGW: Die Digitalisierung könnte der iGW erhebliche Chancen bieten, das Wachstum zu steigern und die Gesundheitswirtschaft insgesamt zu beeinflussen.
  • Verknüpfung zur Innovation: Hierbei ist das Erkennen und gezielte Nutzen von Verknüpfungen zwischen Digitalisierung und Innovation entscheidend, um die Zukunft der iGW in Deutschland nachhaltig zu gestalten.
  • Potenzial für BWS-Steigerung: Im Best-Case-Szenario einer hohen Digitalisierungsintensität könnten bis 2030 bis zu 8 Mrd. Euro mehr BWS im Vergleich zum Status-Quo-Szenario in der iGW generiert werden.
  • Potenzielle Steigerung der BWS bis 2030 im Best Case: 39 % gegenüber 2022.
  • Worst-Case-Szenario: Im schlechtesten Fall einer geringen Digitalisierungsintensität beträgt die BWS-Steigerung nur 24 %.
  • Spanne zwischen Best Case und Worst Case beträgt 15 Mrd. Euro BWS.
  • Kumulierte potenzielle Wertschöpfung im Best-Case-Szenario bis 2030: 30,5 Mrd. Euro im Vergleich zum Status Quo.

Das Innovationsförderungsszenario beleuchtet die BWS-Entwicklung in Reaktion auf eine über- bzw. unterdurchschnittliche F&E-Intensität:
  • Die F&E-Förderung spielt eine wichtige Rolle, um das Wachstum in der iGW zu beeinflussen.
  • Synergien zwischen Digitalisierung und Innovation: Die strategische Verknüpfung von Innovation und Digitalisierung kann nicht nur das Wachstum der iGW maximieren, sondern auch zu erheblichen Fortschritten in der Entwicklung neuer Technologien und der Gesundheitsversorgung führen.
  • Status-Quo-Szenario: Im Status-Quo-Szenario wird für 2030 eine iGW-Wertschöpfung von 135 Mrd. Euro bei 3,5 % jährlichem Wachstum erwartet.
  • Best-Case-Szenario einer überdurchschnittlichen F&E-Intensität: Bei 4,0 % jährlichem Wachstum im Best-Case-Szenario würde die Wertschöpfung 140 Mrd. Euro im Jahr 2030 erreichen.
  • Worst-Case-Szenario einer unterdurchschnittlichen F&E-Intensität: Hingegen wären es im Worst-Case-Szenario mit 2,9 % jährlichem Wachstum rund 129 Mrd. Euro bis 2030.
  • Unterschied zum Status-Quo-Szenario: 6 Mrd. Euro (Worst Case) oder 5 Mrd. Euro (Best Case) BWS in der iGW bis 2030.


Ergebnisse des internationalen Vergleichs (IGES)

Der internationale Vergleich bezieht sich auf Industrieländer mit einer im internationalen Wettbewerb stehenden iGW. Im Austausch mit der Arbeitsgruppe „iGW-Strategie“ des BDI wurden sieben Länder (Frankreich, Vereinigtes Königreich, Japan, Finnland, Singapur, USA/Massachusetts, Israel) für vertiefende Recherchen ausgewählt. Der Schwerpunkt der Länderanalysen lag auf öffentlichen Programmen, die entweder explizit eine iGW-Förderung zum Ziel haben oder die branchenübergreifend auf eine Förderung industrieller Innovationen bzw. industriellen Wachstums abzielen.

Die untersuchten Länder wählen erwartungsgemäß unterschiedliche Wege, um die iGW zu fördern, aber viele von ihnen teilen zentrale Motive und Zielsetzungen:
  • Alle untersuchten Länder sehen in der iGW eine Zukunftsbranche. Treiber ist die demographische Entwicklung mit steigender Lebenserwartung und der Alterung der Bevölkerung.
  • Die untersuchten Länder sehen sich in einem Standortwettbewerb, insbesondere um ausländische Direktinvestitionen. Alle untersuchten Länder erhoffen sich, durch die Programme ausländische Unternehmen verstärkt ansiedeln zu können.
  • Die Stärkung der Industrie ist ein weiterer Grund für die Initiierung von Programmen zur Förderung der iGW. Es sollen neue Arbeitsplätze in der iGW geschaffen werden, weil diese überdurchschnittliche Wertschöpfung und hohe Wachstumsdynamik erwarten lassen.
  • Die COVID-19-Pandemie hat in den untersuchten Ländern das Bewusst-sein für den Wert und den Nutzen der iGW gezeigt. Förderprogramme sollen daher auch dazu beitragen, Versorgungsmängel künftig zu vermeiden, und regulatorische Sonderregeln, die unter dem Druck der Pandemie eingeführt wurden und auch rückblickend als positiv gewertet werden, sollen dauerhaft etabliert werden.

Aus der Analyse der Maßnahmen, die für die Förderprogramme gewählt wurden, lassen sich mit Blick auf die iGW in Deutschland Handlungsbedarf und Handlungsoptionen insbesondere zu drei größeren Themen ableiten.

Die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft sowie der Zugang zu Gesundheits-daten für industrielle Forschungszwecke wird in allen untersuchten Ländern adressiert. Bereitstellung und Zugang zu Gesundheitsdaten werden als Standortfaktor begriffen, um gezielt Unternehmen der iGW anzuziehen. Mit den in Deutschland aktuell geplanten Digitalisierungsgesetzen sollen Voraussetzungen für die erweiterte Nutzung von Gesundheitsdaten zu Forschungs- und Entwicklungszwecken geschaffen werden, die jedoch teilweise in den Vergleichsländern bereits gegeben sind. Gleichzeitig ist auch dort geplant, den Zugang zu Gesundheitsdaten zu erweitern, um so Wettbewerbsvorteile im Bereich Forschung und Entwicklung zu erhalten bzw. auszubauen. Um Kapazitäten der Forschung und Entwicklung in der Medizin in Deutschland zu halten, ist es demnach erforderlich, durch die neuen Gesetze die Datennutzungsmöglichkeiten substanziell zu verbessern.

Der Zugang zu Risiko- und Wachstumskapital wird in den untersuchten Ländern gezielt gefördert. Dies nutzen dort auch und gerade innovative Start-up-Firmen mit Produktentwicklungen für den Gesundheitssektor. Nach wie vor besteht jedoch eine Finanzierungslücke zwischen Europa und anderen Regionen, insbesondere den USA. Die Bundesregierung hat vor kurzem eine Start-up-Strategie beschlossen, um mehr privates und öffentliches Kapital für den Wagniskapital-Standort Deutschland zu mobilisieren. Angesichts der positiven Erfahrungen in den untersuchten Ländern käme es auch der iGW zugute, wenn hierfür möglichst schnell geeignete Maßnahmen entwickelt würden.

In den meisten der untersuchten Länder wurden gezielt Maßnahmen ergriffen, mit denen sich die verschiedenen Akteure der iGW in systematischer, institutionalisierter Weise über die sie betreffenden Rahmenbedingungen, und die medizinisch-wirtschaftlichen sowie wettbewerblichen Herausforderungen austauschen. Diese Vernetzung wird als erfolgreich angesehen und wird in den untersuchten Ländern fortgesetzt und zum Teil zusätzlich ausgebaut. Der Roundtable Gesundheitswirtschaft des BMWK ist im Vergleich zu den Gremien anderer Länder nicht ressortübergreifend organisiert, außerdem verfügt er nicht über einen fest vorgegebenen Handlungsrahmen. Der Gesundheitsmarkt ist durch vielfältige und teilweise hochkomplexe Regulierungen gekennzeichnet. Unter diesen Voraussetzungen ist es sinnvoll, regierungsseitig die Gestaltung der wesentlichen Rahmenbedingungen für den Gesundheitssektor ressortübergreifend unter Einbeziehung der Industrie zu koordinieren, so dass die Perspektiven der Gesundheits-, Wirtschafts- und Forschungspolitik bereits bei Entscheidungen über strategische Grundsatzfragen einfließen können.

Links: Download der Studie | Weitere Informationen zur Studie beim BDI
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