Körperstolz

Patientengeschichte Dietrich Garbrecht

Dietrich Garbrecht (79) lebt mit Inkontinenz, einer Folge seiner Prostatakrebs-Erkrankung. Inkontinenzhilfen ermöglichen es ihm, seinen zahlreichen Hobbys wie Tanzen, Kunst und Theater trotzdem nachzugehen. "Durch sie fühle ich mich sicher und habe Freude am Leben." Es hat ihn gereizt, bei der Kampagne "Körperstolz" mitzumachen. Dietrich Garbrecht: "Als Tänzer habe ich ein sehr gutes Körpergefühl, bin trotz der Inkontinenz stolz auf meinen Körper."

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Sie leben mit Inkontinenz. Wie kam es dazu?

Die Inkontinenz ist eine Folge meiner Krebserkrankung. Als 2001 Prostatakrebs festgestellt wurde, war der Krebs schon weit fortgeschritten. Bei der Operation wurde der Tumor entfernt, leider wurden aber auch Nerven verletzt. Mit der Folge, dass dadurch eine Inkontinenz ausgelöst wurde.

Wie erging es Ihnen seitdem?

Es gab mehrere Phasen. Kurz nach der Operation war es schrecklich. Da konnte ich den Urinfluss gar nicht steuern. Dann stabilisierte sich der Zustand. Nach drei bis vier Jahren wurde die Inkontinenz dann wieder stärker.

Was bedeutet die Inkontinenz für Ihren Alltag?

Ich trage ständig Inkontinenzhilfen – tagsüber und auch nachts. Infolge der Prostataoperation erhält mein Gehirn kein Signal mehr, wenn Druck auf der Blase ist. Ich habe praktisch keinen Indikator, auf Toilette zu gehen. Früher reichten einfache, dünnere Einlagen. Jetzt brauche ich stärkere, saugfähigere Hilfen. Bei stärkerer Inkontinenz gibt es hierfür zum Beispiel dickere Einlagen oder Pants, das sind Windelhosen. So habe ich die Inkontinenz gut unter Kontrolle.

Wie würden Sie Ihre Lebensqualität beschreiben?

Mir geht es gut. Natürlich beschäftigen mich meine Krankheiten. Neben der Inkontinenz wurde mir vor fünf Jahren auch Parkinson diagnostiziert. Aber ich verzweifle nicht. Oft helfe ich mir mit der berühmten Bierglas-Geschichte: Ich sehe die Hälfte, die voll ist, und nicht umgekehrt.

Wie verbringen Sie am liebsten Ihre Freizeit?

Ich bin leidenschaftlicher Tänzer. Als ich in den 60er Jahren in Boston Stadtplanung studierte, habe ich meine Liebe für den Modern Dance entdeckt. Das war etwas Neues für mich, hatte ich doch zuvor nie etwas mit meinem Körper gemacht. Vor ein paar Jahren ist noch der Tango dazugekommen. Zu tanzen war und ist wichtig für mich. Die Leidenschaft, mich zu bewegen, habe ich mir bis heute bewahrt.

Was macht Ihnen sonst noch Freude?

Objektkunst, Collagen, Fotographie, zeitgenössische Musik, Sprachen und last but not least die kulinarische Kunst.

Welche Rolle spielen die Inkontinenzhilfen bei Ihren Unternehmungen?

Sie geben mir Sicherheit. Ich kann aktiv am Leben teilnehmen, unterwegs sein, tanzen, Konzerte und Theater besuchen. Manchmal geht es mir kurz durch den Kopf, wie das wohl früher war, als man diese Hilfsmittel noch nicht hatte. Das muss schrecklich gewesen sein, nicht vorstellbar.

Gibt es Momente, in denen Sie sich in Ihren Aktivitäten durch die Inkontinenz eingeschränkt fühlen?

Ich akzeptiere, dass ich diese Hilfen brauche. Daran lässt sich nichts ändern. Natürlich denke ich an die Inkontinenz, zum Beispiel wenn ich ins Theater gehe. Als ich letztlich eine Aufführung besuchte, saß ich zunächst in der Mitte. Später habe ich mich dann außen in die Reihe gesetzt, so dass ich jederzeit relativ unauffällig hätte rausgehen können. Vorsichtshalber bin ich in der Pause einmal auf Toilette gegangen. Lieber gehe ich einmal zu viel ohne Grund auf Toilette, als den Moment zu verpassen, wenn es das Hilfsmittel nicht mehr schafft. Für alle Fälle habe ich auch immer etwas zum Wechseln dabei. Aber in die Situation bin ich noch nie gekommen. Ich fühle mich sehr sicher.

Ist Inkontinenz auch in Ihrem Bekanntenkreis ein Thema?

Der Austausch über das Thema ist sehr begrenzt. Mir fällt ein Freund ein, bei dem auch Prostatakrebs diagnostiziert wurde. Er fragte mich nach meinen Erfahrungen. Aber selbst in dieser Situation hat er das Thema Inkontinenz nicht angesprochen. Man spricht kaum darüber, sagt eher leise, "ich muss häufiger auf Toilette".

Auf dem Motiv bekennen Sie sich jetzt öffentlich zu Ihrer Inkontinenz. Wie haben Sie das Shooting erlebt?

Es herrschte eine ruhige, unaufgeregte, rücksichtsvolle Atmosphäre. Mir hat es nichts ausgemacht, mich im Slip fotografieren zu lassen. Anfangs mag man es vielleicht komisch finden, sich auszuziehen und so zu zeigen. Aber ich hatte volles Vertrauen in den Fotografen und die Mitarbeiter. Alle Beteiligten waren sehr feinfühlig.

Sind Sie ein besonders mutiger Mensch, diesen Schritt in die Öffentlichkeit zu wagen?

Andere sagen mir häufiger, "Du bist aber mutig". Ich denke, es hängt vor allem damit zusammen, dass ich als Tänzer ein gutes Körpergefühl habe. Kommt hinzu, dass es mir Spaß macht, mich fotografieren zu lassen. Theatererfahrung tut ein Übriges – ich stehe gerne auf der Bühne. Und ich bin von Natur aus neugierig. Es macht mir Spaß, Neues auszuprobieren.

Die Kampagne heißt "Körperstolz". Können Sie sich damit identifizieren?

Ja, "Körperstolz" – der Name war ein Motiv, mich fotografieren zu lassen. Schließlich bin ich durchaus stolz auf mich, wie ich das alles mit meinen Krankheiten so schaffe. Auch ist mir bewusst, dass es nicht selbstverständlich ist, mit diesem sensiblen Thema in die Öffentlichkeit zu gehen.

Wie würden Sie den Satz beenden: Ich bin stolz auf meinen Körper, weil...?

... ich trotz meiner Krankheiten so lachen kann. Wenn ich so lachen kann, dann sage ich damit, es ist trotzdem toll zu leben.

Hier geht es zum Plakatmotiv mit Dietrich Garbrecht.
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