Körperstolz

Patientengeschichte Michael Krauser

Michael Krauser (28) ist schon bis ans andere Ende der Welt gereist. Mit Anfang 20 bekam er die Diagnose Typ I Diabetes. Das hat ihn aber nicht aufgehalten – im Gegenteil: Er betreibt einen Reiseblog für Typ I Diabetiker und macht auch anderen Patienten Mut, die Welt zu erkunden. Moderne und digitale Medizintechnologien helfen ihm dabei, seinen Blutzuckerspiegel im Griff zu behalten.

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Michael, du bist sehr aktiv in der Online-Diabetes-Community. Warum?

Die Menschen in der Community wissen sehr gut, wie das Leben mit Typ I Diabetes ist. Die Gespräche dort finden auf einer schönen, liebevollen Ebene statt. Dieses Verständnis füreinander motiviert mich und war auch der Grund, wieso ich 2016 meinen Blog „Type1Backpacker“ gestartet habe. Ich dachte damals, wenn ich eine Person mit Typ I Diabetes erreichen kann, die ins Ausland gehen will, aber Angst davor hat, und dann aufgrund meines Blogs trotzdem auf Reisen geht, dann habe ich schon mein Ziel erreicht. Inzwischen habe ich die ein oder andere Person tatsächlich beeinflusst. Das macht mich sehr glücklich. Wenn sich jemand bei mir meldet und sagt „Hey, wegen dir habe ich mich getraut“. Das ist einfach großartig.

Wo warst du schon überall?

Noch bevor ich mit Typ I Diabetes diagnostiziert wurde, war ich ein Jahr in Australien. Das war echt toll. Mit Typ I Diabetes ging es dann nach Kanada und nach Neuseeland. Ich war auch ein wenig in Asien unterwegs. Mein großartigstes Erlebnis war fünf Wochen Fahrradfahren durch den Westen Kanadas. Auch mit Typ I Diabetes. Dort bin ich auf sehr viel Gastfreundschaft getroffen und auf wunderschöne Landschaften. Die Rocky Mountains in Kanada sind einfach umwerfend. Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht und mit Typ I Diabetes gemeistert habe.

Du hast einige Tattoos. Haben die etwas mit deiner Erkrankung zu tun oder mit deinen Hobbies?

Die Tattoos haben tatsächlich mit dem Reisen zu tun. Ein Tattoo zeigt einen Koala, der auf einem Eukalyptusblatt liegt. Darunter steht „No Worries“. Die Australier haben diese Lebensmentalität – mach dir keine Sorgen, wenn ein Problem kommt. Ich mag diese Haltung: sich nicht zu sehr aufzuregen, sondern einfach Lösungen finden. Das andere Tattoo ist eine Windrose, welche die Himmelsrichtungen anzeigt. Das habe ich mir für die Motivation stechen lassen. Es soll mich daran erinnern, offen zu bleiben, rauszugehen und die Welt zu sehen – egal was im Leben kommt. Das wird immer ein Teil von mir bleiben.

Wie hast du von der Erkrankung erfahren?

Ich befand mich zu dem Zeitpunkt in meinem Sportstudium und habe für eine Sporttherapieprüfung gelernt. Da wurden unter anderem auch die Symptome von Typ I Diabetes beschrieben. Ich sagte zu meinen Kommilitonen: „Oh Mann, momentan muss ich echt viel auf die Toilette.“ Und dann meinte einer aus Spaß: „Ja vielleicht hast du Typ I Diabetes.“ Wir haben erst noch gelacht, aber das war tatsächlich der Moment, in dem ich darüber nachdachte, zum Arzt zu gehen. Zwei, drei Tage nach meiner Untersuchung kam dann die Bestätigung: Typ I Diabetes.

Wie war deine erste Reaktion?

Ich war gerade auf dem Weg zur Uni-Mensa. Ich war komplett geschockt und völlig neben der Spur. Ich habe zuerst meine Schwester angerufen, mit ihr geredet. Ich war wie in einem Trance-Zustand. Dieser Moment war schon schlimm, denn man weiß nicht, was als nächstes auf einen zukommt.

Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe mich freiwillig ins Krankenhaus einliefern lassen, um die Krankheit besser zu verstehen und um besser geschult zu werden. In der einen Woche im Krankenhaus habe ich langsam angefangen zu akzeptieren, dass ich jetzt mit einer chronischen Erkrankung leben muss. Wobei dieser Prozess schon ein ganzes Jahr gedauert hat. Ich kann mich aber daran erinnern, dass mir damals relativ schnell der Gedanke gekommen ist, die Krankheit mit meinem Sportstudium zu verbinden. Ein paar Monate später habe ich ein Praktikum in einer Diabetesklinik gemacht. Ich habe also sehr schnell einen positiven Ansatz gesucht und versucht, die Krankheit geschickt in mein Leben einzubauen und vielleicht sogar was Gutes daraus zu machen.

Kannst du den Unterschied zu Typ II Diabetes kurz erklären?

Bei Typ I Diabetes handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Das heißt, das Immunsystem greift den eigenen Körper an – in dem Fall die Betazellen, die das Insulin in der Bauchspeicheldrüse herstellen. Deswegen produziert mein Körper kein Insulin mehr. Beim Typ II Diabetes ist es so, dass der Körper schon noch Insulin produziert, aber die Zellen auf das Insulin nicht mehr reagieren. Dadurch kann der Zucker nicht in die Zelle gelangen. Das heißt, beim Typ I Diabetes liegt ein Insulinmangel vor und beim Typ II Diabetes eine mangelnde Insulinsensibilität der Zellen.

Was waren die größten Veränderungen in deinem Leben?

Ich glaube die Krankheit hat mich mehr Disziplin gelehrt. Ich war ein klassischer fauler Student, wie manche Leute das provokant sagen würden. Durch den Diabetes muss ich nun aber immer schauen, dass die Werte in Ordnung sind. Mein Anspruch, gute Werte zu haben, hat mich Disziplin gelehrt. Das hat sich sehr auf mein ganzes Leben übertragen.

Wie wird der Diabetes jetzt behandelt?

Ich spritze noch mit einem Insulin-Pen und meine Blutzuckerwerte messe ich über einen Sensor, der an meinem Arm befestigt ist. Diesen Sensor kann ich mit meinem Handy scannen und mir in einer App die Blutzuckerwerte ansehen.

Warum hast du dich für diese Lösung entschieden?

Weil es viel angenehmer ist als das klassische in den Finger stechen. Es zeigt mir außerdem alle Werte der zurückliegenden Stunden und Tage an. Der Sensor nimmt nämlich alle paar Minuten die Werte auf. Ich sehe dann nicht vereinzelte Punkte, wie bei der „blutigen“ Blutzuckermessung, mit der nur eine Momentaufnahme möglich ist, sondern einen Verlauf über den ganzen Tag und über die Nacht. So kann ich meine Blutzuckerwerte viel besser verstehen. Das hilf mir enorm, um mit der Krankheit zurecht zu kommen.

Aber du spritzt dir das Insulin selber?

Genau, das ist noch eine Altlast von meinen Reisen, denn wenn ich lange unterwegs war, hat es viel mehr Sinn ergeben mit dem Insulin-Pen zu spritzen. Bei einer Insulinpumpe ist der Verpackungsmüll sehr umfangreich und meine Reisen gingen ja stellenweise über ein Jahr. Mit Nadeln und Insulin-Pen hat das viel besser funktioniert. Aber ich möchte jetzt innerhalb der nächsten Monate auf eine automatische Insulinpumpe umsteigen.

Was wäre das für eine Veränderung?

Ich könnte das Messgerät am Arm, mein Handy und die Pumpe miteinander verbinden und damit einen geschlossenen Kreis, also einen Closed-Loop, herstellen. Die Looper-Bewegung ist in den letzten Jahren stetig gewachsen. Closed-Loop-Systeme kommen jetzt Schritt für Schritt auf den Markt: Der Sensor und die Pumpe kommunizieren miteinander und nehmen dem Patienten einiges an Arbeit ab. Das ist fast wie eine künstliche Bauchspeicheldrüse. Alles macht die Pumpe noch nicht von alleine, aber wir bewegen uns dahin. Das ist natürlich sehr spannend für alle Leute mit Typ I Diabetes. Eines Tages sind die Geräte dann vielleicht so klein und vollautomatisch, dass wir unsere Krankheit im Alltag vergessen können.

Ist Deutschland schnell genug, um solche Innovationen den Betroffenen zur Verfügung zu stellen?

Wir sind zwar nicht die Allerschnellsten, Closed-Loop war beispielsweise in den USA schneller zugelassen, aber es geht voran. Grundsätzlich bin ich sehr dankbar, dass wir in Deutschland so viel zur Verfügung haben und dass von den Krankenkassen sehr viel übernommen wird. Ich glaube, da geht es uns schon sehr gut, besonders im Vergleich zu anderen Ländern auf dieser Welt. Das habe ich auf meinen Reisen immer wieder feststellen dürfen.

Gibt es trotzdem Bereiche, in denen du dich mit deiner Krankheit eingeschränkt fühlst?

Was mich einschränkt sind Unterzuckerungen, die mich auch mal für mehrere Stunden eines ganzen Tages lahmlegen. Man hat seine Planung für den Tag und dann geschieht auf einmal etwas im Körper, das man irgendwie zu spät erkannt hat. Dann muss ich einfach eine Pause machen, weil ich nicht klar denken kann und wackelig auf den Beinen bin. Das ist das Einzige, was mich manchmal im Alltag einschränkt, ansonsten gehe ich sehr positiv an alles ran.

Stößt du manchmal auf Unverständnis?

Nicht Unverständnis, aber ich hatte ein Erlebnis, das mich wirklich beschäftigt hat. Das war in Kanada, in Montreal. Ich saß morgens beim Frühstück im Hostel und habe mit jemanden gesprochen, den ich gerade erst kennengelernt hatte. Er hat meinen Insulin-Pen gesehen und gesagt: „Oh you are fucked. You will die. Diabetes destroyes everything in your body.“ In dem Moment war ich ziemlich geschockt. Ich bin normalerweise sehr schlagfertig, aber da wusste selbst ich nicht, was ich sagen soll. Diese Situation hat mich aber im Nachhinein sehr motiviert, über Typ I Diabetes aufzuklären und mit Leuten zu sprechen.

Warum nimmst du an der Kampagne „Körperstolz“ teil?

Der Name hat mich sofort begeistert! Ich habe Typ I Diabetes und möchte ein Zeichen setzen, dass ich natürlich auch mit Sensor und Pumpe sehr stolz auf meinen Körper bin. Diabetes ist ein Teil von mir, aber ich bin nicht Diabetes.
Ein anderer Grund wieso ich an der Kampagne „Körperstolz“ teilnehme, ist, dass ich in der Kindheit viel hören musste „Oh du Bohnenstange“ oder „Du bist doch magersüchtig“. Jetzt stehe ich hier, mit 28 Jahren, sechs Jahre nach meiner Diabetes-Diagnose und kann Leuten die Botschaft senden „Hey, ihr könnt euch natürlich auch mit Typ I Diabetes wohlfühlen und stolz auf euren Körper sein. Der trägt euch durchs Leben, mit dem erlebt ihr so einiges. Seid nett und nicht immer so hart zu euch!“ Meistens ist es doch so, dass die ganzen Makel, die wir an uns finden, den anderen Leuten gar nicht auffallen. Die Kampagne „Körperstolz“ sendet einfach ein richtig cooles Zeichen auf sehr vielen Ebenen und ich hoffe, dass wir damit sehr viele Leute da draußen erreichen!

Wie würdest du den Satz beenden „Ich bin stolz auf meinen Körper, weil…“

Weil ich mit ihm bis ans andere Ende der Welt gereist bin und wieder zurück und eine super Zeit hatte.

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