Gelenkersatz bewegt

Patientengeschichte Gabriele Steinbach: Zwei künstliche Hüften für ein neues Leben

Gerade 60 geworden spürt Gabriele Steinbach immer häufiger Schmerzen in der Hüfte. Sie leidet auf beiden Seiten an Arthrose – und das in ähnlicher Intensität, was nur bei wenigen Patienten vorkommt. Sie sucht einen Chirurgen, der ihr in einer einzigen OP zwei künstliche Gelenke einsetzt. Das ist ungewöhnlich, aber unter bestimmten Bedingungen machbar. Heute lebt sie mit ihren neuen Hüftgelenken glücklich und schmerzfrei.

Die Treppen in Gabriele Steinbachs altem Bremer Stadthaus waren der ausschlaggebende Punkt. „Es hat mich immens gestört, dass ich diese Treppen nicht mehr steigen konnte“, erinnert sie sich. „Immer habe ich überlegt: Soll ich jetzt schon runtergehen oder heb ich mir das für später auf und mach dann dreierlei auf einmal.“ In ihrem eigenen Haus konnte sie sich nicht mehr richtig frei bewegen. Das war 2014, im Jahr vor ihrer Hüftoperation.

Begonnen hatten die Beschwerden schon 2008. „Ich hatte zunächst nur Schmerzen beim Laufen, beim Stehen hab ich nichts gemerkt“, erzählt sie. „Damals war ich mit einer Freundin in Pompei und bin da von Ruine zu Ruine gehumpelt.“ 2010 geht sie zum ersten Mal zum Röntgen. Die Diagnose ist sofort klar: Arthrose in beiden Hüften. „Der Arzt meinte zu mir, das müsse operiert werden, sonst könnte ich doch nie in Südtirol in den Bergen wandern.“ Sie lacht. „Ich bin noch nie und wollte auch nie in Südtirol in den Bergen wandern!“

Sie entscheidet sich zunächst gegen die OP und beginnt stattdessen, mehr Sport zu treiben. „Ich habe gedacht: Ich turne es weg“, sagt sie mit Schmunzeln. Sie macht Pilates und Yoga, Aquafitness, fährt mehr Fahrrad, geht Schwimmen. Täglich macht sie Sport in der Hoffnung, die Arthrose damit in den Griff zu bekommen und die OP zu verhindern. Aber es hilft am Ende nicht. Als die Treppen im Bremer Haus zu viel werden, sucht Gabriele Steinbach sich einen Arzt für die Operation.

Simultan-OP als Lösung

„Von den Röntgenbildern und den Beschwerden her war klar, dass beide Hüften gemacht werden müssen“, erklärt Gabriele Steinbach. Sie informiert sich, welche Kliniken Simultan-Operationen durchführen, bei denen beide Hüftgelenke in einer einzigen Operation eingesetzt werden. Sie wird schließlich bei Dr. Bertram Regenbrecht fündig, der heute in der Klinik Lilienthal tätig ist. Als Dr. Regenbrecht die Bilder sieht, spricht er sofort die Simultan-Operation an. Gabriele Steinbach ist zufrieden: „Genau das wollte ich.“

Simultan-OPs sind selten. Denn um beide Hüften gleichzeitig operieren zu können, müssen mehrere Voraussetzungen gegeben sein. So müssen beide Gelenke tatsächlich so abgenutzt sein, dass eine Operation die einzig sinnvolle Option ist. Zudem muss der Patient fit genug sein, denn eine Simultan-OP bedeutet eine doppelt so lange Operationszeit, ein Mehrfachtrauma und insgesamt eine deutlich größere Belastung für den gesamten Körper. Gerade bei älteren Menschen wollen viele Ärzte dieses Risiko nicht eingehen. Hinzu kommt: Der Patient muss motiviert sein, im Anschluss an die OP die Reha-Maßnahmen mitzumachen und das korrekte Laufen wieder zu lernen – was mit zwei operierten Beinen ungleich anstrengender ist.

Bei Gabriele Steinbach ist das alles gegeben. Die Operation im Januar 2015 verläuft gut. „Ich konnte noch am Tag der OP auf beiden Beinen stehen.“ Mit einem Gehwagen kann sie sich bewegen und auf Toilette gehen. „Und am vierten Tag nach der OP hat Dr. Regenbrecht mich aus dem Zimmer geholt. Ich sollte erst an Krücken und dann sogar ein Stück ohne die Gehhilfen den Korridor entlanglaufen. Er hat für Dokumentationszwecke ein Video davon gemacht“, erzählt sie mit einem gewissen Stolz.

Ohne Arbeit geht es nicht

Im Anschluss an die Operation macht Gabriele Steinbach eine dreiwöchige Reha – nicht länger als Patienten, die nur eine Hüfte operiert bekommen. Dank der vielen Behandlungen und dem eng getakteten Programm ist sie rasch wieder fit. Nach Ende der Reha macht sie in einem Krankenhaus in der Nähe ihres Hauses nochmal acht Wochen lang Aquafitness und Physiotherapie. Ab April – gerade mal drei Monate nach der OP – geht sie in ihr altes Fitnesscenter und nimmt ihre Sportarten wieder auf.

Bis heute geht es ihr gut mit den beiden neuen Hüftgelenken. „Nach der OP habe ich eigentlich erst gemerkt, was ich nicht mehr konnte“, seufzt sie. Auch die Treppen im Bremer Haus sind kein Problem mehr. „Wir wohnen im zweiten Stock, und ich gehe jetzt auch einfach mal runter in den Keller, um was zu holen.“

Aus ihrer eigenen Erfahrung rät sie anderen Patienten vor allem eines: Vor der OP so viel Sport wie möglich machen und Muskeln aufbauen. Sie führt aus: „Man muss wissen: Wenn die neue Hüfte drin ist, hat man zwar beim Laufen keine Schmerzen mehr. Aber man muss trainieren und trainieren und nochmals trainieren, weil sich die Muskeln im Laufe der Jahre ja verkürzt haben und das alles erst wiederhergestellt werden muss.“

Patienten müssen häufig erst wieder richtig laufen lernen, nachdem sie sich jahrelang an eine Schonhaltung gewöhnt haben. Je mehr sie vorher schon für ihre Fitness getan haben, desto leichter fällt es ihnen nach der OP, wieder aktiv zu werden. „Das ist auch harte Arbeit nach der OP. Aber es lohnt sich“, erzählt Gabriele Steinbach.

Und Ironie des Schicksals: Ein dreiviertel Jahr nach der OP fährt sie mit ihrem Lebenspartner nach Südtirol zum Wandern. „Ich habe tausend Höhenmeter geschafft, was ich vorher mit der gesunden Hüfte nicht mal hinbekommen habe!“
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