Inkontinenz

Operative Therapieformen

Der künstliche Blasenschließmuskel zur Behandlung der Stressinkontinenz bei der Frau


  • Zulassung seit: 1972
  • Patienten versorgt: > 10.000
  • Kostenerstattung: Ja, stationär über die Krankenkassen
  • Bei folgenden Erkrankungen: Mittlere bis schwere Harninkontinenz

Die Lebensqualität schwindet, die eigene Wohnung wird zum Isolationsort, Hobbys werden aufgegeben und die Kontakte abgebrochen. Aus falscher Scham heraus hadern viele mit ihrem Schicksal an einer mittel‐ bis hochgradigen Harninkontinenz zu leiden. Und mangels Hoffnung auf Hilfe sprechen sie das Problem oft nicht einmal beim Arzt an.

In den meisten Fällen ist ein defekter Schließmuskel oder eine schlecht funktionierende Blase die Ursache für unwillkürlichen Harnverlust. Gründe dafür könnten beispielsweise Beckenbodenverletzungen, eine komplette Querschnittslähmung oder multiple Voroperationen im Urogenitaltrakt sein. Doch auch für schwere Fälle der Harninkontinenz gibt es erfolgreiche Therapien. Neben einer Reihe an konservativen Methoden zur Behandlung der weiblichen Inkontinenz stehen der Betroffenen auch operative Verfahren zur Verfügung, welche vom Schweregrad der Harninkontinenz abhängen. Um auch Patientinnen, die an mittlerer bis schwerer Inkontinenz leiden, wieder ein Stück ihrer Lebensqualität und Lebensfreude zurückzugeben, vertrauen viele Ärzte weltweit auf den künstlichen Blasenschließmuskel, der seit mehr als 40 Jahren zur effektiven Behandlung der weiblichen Inkontinenz eingesetzt wird.

Für wen ist die Therapie geeignet?
Was ist ein künstlicher Blasenschließmuskel?
Wie läuft die Prozedur ab?

Für wen ist die Therapie geeignet?

Der künstliche Blasenschließmuskel eignet sich für Patientinnen, die an einer mittleren bis schweren Harninkontinenz leiden. Da das System bei jedem Toilettengang bedient werden muss, setzt es eine entsprechende manuelle Geschicklichkeit und Motivation der Patientin voraus.

Was ist ein künstlicher Blasenschließmuskel?

Der künstliche Blasenschließmuskel
Der künstliche Blasenschließmuskel besteht aus drei Komponenten: einer Manschette, einer Kontrollpumpe und einem Druckregulierungsballon. Das chirurgische Implantat wird komplett in den Körper eingesetzt und übernimmt die Funktion eines intakten, gesunden Schließmuskels und bietet so eine einfache und diskrete Kontrolle über das "Wasser‐Lassen". Für diesen Mechanismus wird der Druckregulierungsballon in den subperitonealen Raum (ein Raum im kleinen Becken) eingesetzt und eine Manschette um die Harnröhre gelegt. Diese füllt sich und hält die Harnröhre geschlossen, sodass der Urin in der Blase gehalten wird. Zum Wasserlassen wird die in einer Schamlippe befindliche Pumpe mehrmals zusammengedrückt und wieder losgelassen. Dadurch fließt die Flüssigkeit aus der Manschette, die Harnröhre wird geöffnet und der Urin kann aus der Blase fließen. Somit simuliert das Implantat die normale Funktion eines Schließmuskels durch das kontrollierte Schließen und Öffnen der Harnröhre der Patientin. Die natürliche Blasenkontrolle wird wieder hergestellt.

Wie läuft die Prozedur ab?

Im Vorfeld der Operation sollte Sie Ihre Ärztin/ Ihr Arzt ausführlich über den genauen Ablauf des Eingriffs und die Vorbereitungsmaßnahmen informieren. Ihre Ärztin/ Ihr Arzt sollte Sie darüber hinaus detailliert über mögliche Risiken informieren. Besprechen Sie mögliche Bedenken Ihrerseits unverzüglich mit Ihrer Ärztin/ Ihrem Arzt.

Der stationäre Aufenthalt für die Implantation des künstlichen Sphinkters dauert ca. fünf bis sieben Tage. Ein bis zwei Tage vor dem Eingriff werden möglichst keimfreie Hautverhältnisse geschaffen (Rasur und Hautreinigung äußerlich sowie Antibiotikaeinnahme).

Das Sphinkter‐System wird über eine Inzision am Unterbauch implantiert. Der Eingriff erfolgt unter Vollnarkose. Der Genesungsprozess variiert von Patientin zu Patientin. Nach der Operation werden Antibiotika über die Vene verabreicht und Sie werden stationär überwacht. Je nach ortsüblicher Praxis werden am Tag nach der Operation oder nach Katheterentfernung die Antibiotika abgesetzt. Bereits vor dem Verlassen des Krankenhauses können Sie wieder beginnen zu laufen und normal zu essen. Wenn der Verlauf unauffällig bleibt, können Sie am fünften Tag mit dem noch inaktiven Sphinktersystem entlassen werden.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus werden Sie in der Regel aufgefordert, Anstrengungen und Druck auf den Bereich des Einschnitts zu vermeiden, bis der Heilungsprozess abgeschlossen ist. Nach Anweisung des Arztes können Sie wieder zu Ihren Alltagsaktivitäten (Trainieren, Duschen, Autofahren) und an Ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Bis zu sechs Wochen nach der Operation sollten Sie schweres Heben vermeiden. Ihre Ärztin/ Ihr Arzt wird Ihnen mitteilen, ab wann Sie Ihr Implantat benutzen können, in der Regel sechs Wochen nach dem Eingriff. Bis dahin müssen Sie einen anderweitigen Inkontinenzschutz verwenden.

Sie werden einen Termin bei Ihrer Ärztin/ Ihrem Arzt bekommen, an dem das Implantat zum ersten Mal aktiviert wird. Vermeiden Sie während der Genesungsphase Verletzungen des Beckens und des abdominalen Bereichs. Machen Sie sich bewusst, dass Sie ein chirurgisches Implantat tragen und wählen Sie ihre Aktivitäten entsprechend. Eine Verletzung könnte durch einen Ruck des Sicherheitsgurtes bei einem Unfall, einen Zusammenstoß bei einer Kontaktsportart oder einen Sturz verursacht werden. Eine solche Verletzung könnte sowohl das Implantat, als auch umliegendes Gewebe schädigen.

Ist Ihr künstlicher Blasenschließmuskel einmal aktiviert, können Sie das Urinieren sicher kontrollieren. Durch Betätigung der Kontrollpumpe entleeren Sie Ihre Blase ‐ wann immer Sie wollen. Es ist durchaus sinnvoll die Blase in regelmäßigen Abständen zu leeren, beispielsweise alle zwei bis drei Stunden. Möglicherweise sollen andere Leute (z. B. Ehepartner) ebenfalls wissen, wie der künstliche Blasenschließmuskel bedient wird, damit diese in der Lage sind, Ihnen, wenn nötig, zu assistieren.
Der Entleervorgang mittels künstlichem Blasenschließmuskel

Wie bei jedem medizinischen Eingriff kann es zu Komplikationen, wie beispielsweise eine Entzündung des Systems, Verletzungen der Harnröhre und Blase oder selten auch zu Verletzungen des Darms oder von Nerven und Gefäßen kommen. Eine verzögerte Heilung oder das Wiederauftreten der Harninkontinenz wären die Folge. Direkt nach der Operation und bei der ersten Aktivierung des künstlichen Blasenschließmuskels können leichte Schmerzen auftreten. Leichte Schmerzen sind nicht ungewöhnlich nach einem chirurgischen Eingriff und können für gewöhnlich mit Schmerzmitteln behandelt werden. Sind die Schmerzen jedoch stärker und dauern länger als erwartet, kann dies ein Anzeichen für eine mögliche Komplikation sein, die medizinische Betreuung erfordert. Hält der Schmerz weiter an, sollten Sie daher Ihre Ärztin/ Ihren Arzt konsultieren. Wenn Sie eine Rötung, eine Schwellung oder Hitze im Bereich des Einschnitts bemerken oder den Austritt von Flüssigkeit aus dem Einschnitt nach dem Eingriff beobachten, sollten Sie Ihre Ärztin/ Ihren Arzt unverzüglich kontaktieren.
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