Inkontinenz

Operative Therapieformen

Der Blasenschrittmacher (Sakrale Neuromodulation)


  • Zulassung seit: 1994
  • Patienten versorgt: > 200.000 weltweit
  • Erstattung: Ja, stationär über alle Krankenkassen
  • Bei folgenden Erkrankungen: Dranginkontinenz/ überaktive Blase, Mischinkontinenz, in manchen Fällen auch bei neurogener Blase oder Überlaufinkontinenz, schlaffer Blase/ Harnverhalt, Stuhlinkontinenz, chronischer Verstopfung oder chronischen Beckenschmerzen

Die Blasenentleerung wird vom Gehirn gesteuert. Bei einer Dranginkontinenz bzw. überaktiven Blase meldet die Blase fehlerhafte bzw. zu häufige Signale an das Gehirn, das daraufhin einen sehr häufigen Toilettengang oder sogar die sofortige Entleerung der Blase – eine Inkontinenzepisode – auslöst. Dies führt bei den Betroffenen häufig zu einer starken Einschränkung ihrer Lebensqualität und sozialen Aktivitäten.

Ein Blasenschrittmacher ist ein Implantat ähnlich einem Herzschrittmacher und moduliert diese Fehlinformationen durch sanfte elektrische Impulse, die an die Sakralnerven abgegeben werden.

Neuromodulation der Blase

Die Sakralnerven sind die Kommunikationsbahnen, die über elektrische Signale die Informationen und Befehle zwischen der Blase bzw. dem Darm und dem Gehirn übermitteln. Die Sakralnerven sind Bestandteil des peripheren Nervensystems und liegen außerhalb des Rückenmarks.

Da mit dieser Methode die verschiedensten Funktionsstörungen von Blase und Darm behandelt werden können, spricht man synonym auch von einem Darmschrittmacher oder Beckenbodenschrittmacher.

Für wen ist die Therapie geeignet?
Was ist ein Blasenschrittmacher?
Wie läuft die Prozedur ab?

Für wen ist die Therapie geeignet?

Der Blasenschrittmacher eignet sich für Patienten, die aufgrund einer überaktiven Blase (auch Reizblase genannt) sehr häufig auf die Toilette müssen und dabei evtl. sogar ungewollt Urin verlieren (Dranginkontinenz). Wenn konservative Therapien und Medikamente wie z. B. Anticholinergika nicht den gewünschten Therapieerfolg brachten, kann ein Blasenschrittmacher eine geeignete Therapie sein. Ebenso ist ein Blasenschrittmacher eine Option für Patienten mit schlaffer Blase (Harnverhalt), die den Urin nicht willentlich in ausreichender Menge abgeben können. Die Harnröhre muss jedoch uneingeschränkt frei und durchlässig sein. Außerdem kann ein solcher Schrittmacher auch bei Symptomen der Stuhlinkontinenz, chronischen Verstopfung und chronischer Schmerzen der Blase oder im kleinen Becken eingesetzt werden.

Was ist ein Blasenschrittmacher?

Der Blasenschrittmacher im Größenvergleich
Bei einem Blasenschrittmacher handelt es sich um ein kleines implantierbares Gerät, das schwache elektrische Impulse erzeugt. Diese Impulse werden durch einen isolierten Draht (der Elektrode) an die Sakralnerven übertragen.


Die Elektrode
Die Elektrode wird durch die natürlichen Öffnungen im Kreuzbein in unmittelbare Nähe zu den Sakralnerven gelegt. Die elektrischen Impulse werden vom Patienten kaum wahrgenommen.


Patientenprogrammiergerät
Der Schrittmacher wird vom Arzt eingestellt und ist die ganze Zeit an. Der Patient kann die Stärke der Stimulation innerhalb vorgegebener Grenzen selbständig anpassen oder den Schrittmacher bei Bedarf aus- und wieder einschalten.


Durch die Stimulation wird die Erkrankung nicht geheilt. Es ist damit jedoch möglich, die Symptome zu reduzieren und die Lebensqualität zu steigern. Langzeitdaten über fünf Jahre zeigen, dass bei ca. 70 % der implantierten Patienten mit überaktiver Blase eine Symptomlinderung von mindestens 50 % erreicht wird.

Wie läuft die Prozedur ab?

Zuerst wird mit einer Teststimulation die Wirksamkeit geprüft, bevor das dauerhafte System eingesetzt wird. Beides wird jeweils während eines kurzen stationären Aufenthalts durchgeführt. Die Operation selbst dauert in der Regel nur ca. 20 Minuten. Diese Schritte erwarten den Patienten:

  1. Implantation des Teststimulationssystems
Bevor der endgültige Schrittmacher implantiert wird, nimmt man zunächst eine diagnostische Teststimulation vor. Dazu wird nur eine Elektrode implantiert und mit einem außerhalb des Körpers getragenen Schrittmacher verbunden.

  1. Testphase
Durch die Teststimulation über zwei bis vier Wochen lässt sich mit hoher Sicherheit vorhersagen, ob und inwiefern sich die Beschwerden mit Hilfe dieser Methode verbessern lassen. Der Patient dokumentiert den Erfolg mittels eines Tagebuchs.

  1. Implantation des Schrittmachersystems
Wirkt die Therapie, kann der endgültige Schrittmacher implantiert werden. Für die Implantation nimmt der Arzt einen kleinen Einschnitt in die Haut vor und platziert den Schrittmacher in einer "Tasche" unter der Haut. Anschließend wird die Elektrode an den Schrittmacher angeschlossen.

  1. Programmierung und Nachsorge
In regelmäßigen Nachsorgeterminen beim Arzt, in der Regel alle sechs bis zwölf Monate, werden Programmiereinstellungen und Therapieverlauf überprüft.

Lage von Schrittmacher und Elektrode im Körper

In den ersten Wochen nach der Operation sollten Aktivitäten wie schweres Heben und Drehen vermieden werden, die ein Verrutschen der implantierten Elektrode oder eine Beschädigung des Stimulators bewirken könnten.

Weitere Informationen zur Therapie, der Operation und dem Verhalten nach dem Einsetzen des Schrittmachers kann ein mit der Therapie erfahrener Arzt geben.
  • Weitere operative Therapiemöglichkeiten bei Harninkontinenz bei Frauen

  • Künstlicher Blasenschließmuskel

    Um Patientinnen, die an mittlerer bis schwerer Inkontinenz leiden, ein Stück ihrer Lebensqualität und Lebensfreude zurückzugeben, vertrauen viele Ärzte auf den künstlichen Blasenschließmuskel. Dieser wird seit mehr als 40 Jahren gegen weibliche Inkontinenz eingesetzt. Weiterlesen

  • Bänder gegen Belastungsinkontinenz

    Durch verschiedene Einflüsse können sich Fasern und Bänder der Beckenbodenmuskulatur überdehnen oder an einigen Stellen sogar reißen. In vielen Fällen löst die Einlage eines Suspensionsbandes das Problem. Weiterlesen

  • Injektion von Botox® in die Blasenwand

    Das Nervengift Botulinumtoxin kann bei Patienten eingesetzt werden, die an einer überaktiven Blase mit oder ohne Inkontinenz leiden und nicht ausreichend auf konservative Therapien ansprechen oder dadurch zu viele Nebenwirkungen erfahren. Weiterlesen

  • Beckenbodennetz

    Akute starke Belastungen können zur Überlastung des Beckenbodens und damit zu einer Senkung führen. Durch die Implantation von Beckenbodennetzen aus Kunststoff gelingt es, eine Senkung zu beseitigen und gleichzeitig das Gewebe zu stabilisieren. Weiterlesen

  • Unterspritzung der Harnröhre mit Bulking Agents

    Die Unterspritzung der Harnröhre mit Füllstoffen eignet sich für alle Patientinnen mit einer Belastungsinkontinenz aufgrund von Schließmuskelinsuffizienz. Dabei werden so genannte 'Bulking Agents' in die Harnröhrenwand gespritzt. Weiterlesen

  • Weitere Artikel zum Thema
  • Inkontinenz: Schrittmacher als etabliertes Verfahren

    Zwischen sieben und acht Millionen Frauen und Männer sind in Deutschland von Inkontinenz betroffen: Sie können entweder ihren Harndrang nicht mehr kontrollieren oder haben eine Schließmuskelschwäche des Afters. Für bestimmte Patienten mit überaktiver oder unteraktiver Blase sowie mit Stuhlinkontinenz existiert mit der so genannten sakralen Neuromodulation eine etablierte minimal-invasive Therapieoption. Das Verfahren ist etabliert und wird von den Krankenkassen erstattet. Weiterlesen

  • Inkontinenz-Versorgung: BVMed fordert bundesweit einheitliches Festpauschal-System

    Der BVMed fordert in einem Positionspapier ein bundesweit einheitliches und kassenübergreifendes Festpauschal-System, das die Grundversorgung von Patienten mit aufsaugenden Inkontinenzhilfen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sicherstellt. Der im BVMed organisierte Fachbereich "Aufsaugende Inkontinenzversorgung" (FBI-H) spricht sich in dem Papier dafür aus, dieses Festpauschal-System so zu gestalten, dass eine individuelle Grundversorgung ohne wirtschaftliche Aufzahlungen der Patienten möglich ist. Weiterlesen

  • Körperstolz-Held Torsten Kraft geht offen mit seiner Inkontinenz um

    Torsten Kraft (34) ist einer von rund 9 Millionen Menschen in Deutschland, die mit Inkontinenz leben. Moderne Inkontinenzhilfen wie Pants oder Slips ermöglichen ihnen einen einfacheren und selbstbestimmten Alltag. Als Protagonist der BVMed-Kampagne "Körperstolz" geht er mit seiner Erkrankung offen um und rät anderen Betroffenen, "die Inkontinenz nicht zu verstecken oder zu verheimlichen, damit auch andere damit konfrontiert werden." Die Plakate mit Torsten sind derzeit mitten in Berlin und am Flughafen Tegel zu sehen. Weiterlesen


©1999 - 2018 BVMed e.V., Berlin – Portal für Medizintechnik