Inkontinenzprodukte - saugend

Konsequenzen aus der aktuellen Versorgungslage

Gesetzlich Krankenversicherte haben einen Anspruch auf eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung, die – so das Wirtschaftlichkeitsgebot nach § 12 SGB V – das Maß des Notwendigen nicht überschreitet.

Die aktuelle Versorgungssituation für Betroffene in Deutschland und die niedrigen Pauschalen lassen Zweifel aufkommen, ob das Maß des Notwendigen noch erreicht wird und der gesetzlich verbriefte Sachleistungsanspruch der Versicherten noch gewährleistet ist. Das Beharren der Krankenkassen auf über 20 Jahre alten Qualitätskriterien, ihre Fokussierung auf eine Minimalstversorgung bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Gesamtkostenbetrachtung, hebelt den Sachleistungsanspruch der Versicherten aus und erschwert eine individuelle und angemessene Betreuung von Inkontinenzpatienten.

Die Kassen werden zudem den im Wirtschaftlichkeitsgebot definierten Zielen nicht gerecht. Auf die Inkontinenzversorgung angewandt bedeuten sie:
  • Ausreichend ist Inkontinenzversorgung, wenn durch die eingesetzten Hilfsmittel Versorgungsziel und Wirtschaftlichkeit erreicht werden.
  • Zweckmäßig ist die Inkontinenzversorgung, wenn es gelingt, die gesellschaftliche Teilhabe der Betroffenen so lange wie möglich zu sichern, Folgekrankheiten vorzubeugen und Pflegebedürftigkeit zu vermeiden.
  • Wirtschaftlich ist die Inkontinenzversorgung, wenn eine günstige Kosten-Nutzen-Relation zwischen Aufwand und Wirkung erreicht wird, also durch qualitativ bessere Produkte Folgekosten für die Behandlung von Folgeerkrankungen oder Pflege vermieden werden können.

Die Entwicklung führt zudem weg von einer individuellen Versorgung, bei der der Versicherte sowohl bei der Produktauswahl wie bei der Wahl seines Leistungserbringers weitgehend freie Hand hatte, zu einer mehr und mehr standardisierten Versorgung mit eingeschränktem Produktangebot und festgelegtem Leistungserbringer.

Diese Entwicklung widerspricht damit sowohl der aktuellen Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie8 wie der ISO-Norm 15621 zur Beschaffung von Inkontinenzprodukten.

Die Leitlinie fordert:
„Körpernahe aufsaugende Hilfsmittel sollten individuell für den einzelnen Patienten ausgesucht werden. Eine Einheitsversorgung für alle Patienten einer Institution ist abzulehnen. Zu fordern ist:
  • Anpassung an den Inkontinenzschweregrad (,so klein wie möglich, so groß wie nötig‘)
  • Bevorzugung von anatomisch geformten Produkten
  • optimale Flüssigkeitsbindung (keine reinen Zellstoffprodukte)
  • Geruchsabsorption
  • geringe Geräuschentwicklung
  • gute Handhabung bei Anlage und Befestigung
  • Sicherheit vor Verrutschen“

Die ISO-Norm unterstreicht, dass das Inkontinenzmanagement einschließlich der Auswahl von Produkten nicht als Warengeschäft angesehen werden darf. Bei der Produktauswahl müssen die tatsächliche Anwendungssituation und der Nutzen einbezogen werden.

Um eine Versorgung zu erhalten, die dem aktuellen Stand entspricht, sind die Versicherten inzwischen de facto gezwungen, eine Aufzahlung für Inkontinenzprodukte zu leisten. Dies war vom Gesetzgeber so nicht intendiert: Mit der Möglichkeit zur Aufzahlung wollte er ursprünglich die Wahlfreiheit der Versicherten erweitern, um es ihnen zu ermöglichen, auf eigene Kosten eine höherwertige Versorgung in Anspruch zu nehmen.

Auch bei Versorgungsverträgen (§ 127 [1] SGB V), die aufgrund von Ausschreibungen zustande kommen, kann von Wahlfreiheit des Versicherten nicht mehr die Rede sein. Die Krankenkasse entscheidet mit ihrem Zuschlag darüber, welcher Hersteller die Inkontinenzhilfsmittel beisteuert. Die Wahlfreiheit besteht lediglich darin, für ein höherwertiges Produkt aufzuzahlen, was sich nicht jeder Versicherte leisten kann, oder mit dem Vertragsprodukt vorliebzunehmen.

Bei Beitrittsverträgen (§ 127 [2] SGB V) ist die Situation für den Versicherten etwas besser, da unterschiedliche Leistungserbringer, die unterschiedliche Produktlieferanten in den Vertrag einsetzen können, an der Versorgung beteiligt sind.

Die Krankenkassen neigen noch immer dazu, statt mit Hilfsmitteln zu sparen, an Hilfsmitteln zu sparen. Wirtschaftlichkeitsreserven, die bei einer Gesamtkostenbetrachtung zu Tage treten, bleiben ungenutzt. Die individuelle Versorgung der Betroffenen bleibt auf der Strecke.
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