Inkontinenzprodukte - saugend

Inkontinenz - ein wachsendes Problem

Inkontinenz ist ein wachsendes Problem einer alternden Gesellschaft. Mit zunehmendem Alter wächst das Risiko, Inkontinenz zu erleiden. Blasenschwäche und Stuhlinkontinenz zählen zu den häufigsten Ursachen für die kostenintensive Betreuung alter Menschen in Alten- und Pflegeheimen.

Eine ausreichende, zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung von Menschen mit Blasenschwäche oder Stuhlinkontinenz sollte daher schon allein aus Kostengesichtspunkten sicherstellen, dass Folgeerkrankungen vermieden werden und die Selbstständigkeit der Betroffenen erhalten sowie ihre gesellschaftliche Teilhabe so lange wie möglich gewährleistet wird.

Die Wirklichkeit in Deutschland sieht anders aus: Die ambulante und stationäre Versorgung gesetzlich Krankenversicherter, die unter Harn- oder Stuhlinkontinenz leiden, bleibt weit hinter den Anforderungen aktueller medizinischer Leitlinien und Pflegestandards an Inkontinenzhilfsmittel zurück, die eine möglichst individuelle Versorgung fordern.

Den Betroffenen wird dagegen nur ein Anspruch auf aufsaugende Inkontinenzprodukte gewährt, die gerade einmal Mindestqualitätsstandards aus den frühen 1990er Jahren erfüllen. Von den deutlichen Fortschritten der Produktentwicklung sind Kassenpatienten weitgehend abgekoppelt. Ihr Anspruch auf eine individuelle Versorgung auf aktuellem Produktniveau wird verletzt.

Eine solche Versorgung erhält oft nur, wer bereit ist, die Differenz zwischen Kassenerstattung und tatsächlichem Preis aus eigener Tasche zu zahlen. Hier tut sich ein Widerspruch zwischen dem Sachleistungsanspruch des fünften Sozialgesetzbuchs (§33), der eine Versorgung auf aktuellem Niveau intendiert, und der Realität auf.

Die aktuelle Lage

Für die Situation sind im Wesentlichen zwei Punkte verantwortlich:
  • Die seit 1993 ausbleibende Anpassung der Qualitätskriterien für die Aufnahme von Inkontinenzprodukten ins Hilfsmittelverzeichnis an die Produktentwicklung durch den Medizinischen Dienst des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen (MDS).
  • Die eindimensionale Interpretation des Wirtschaftlichkeitsbegriffs durch die Krankenkassen, der sich an einer Minimalstversorgung orientiert, statt die Lebensrealität der Patienten und Gesamtkosten der Inkontinenzversorgung in den Blick zu nehmen.

Die Chance, durch optimierte Produkte und Versorgung Kosten zu sparen, wird jedoch nicht ergriffen. Die Versorgung ist derzeit überwiegend durch Ausschreibungen und Beitrittsverträge nach § 127 SBG V gekennzeichnet. Die von den Krankenkassen dabei durchgesetzt Pauschalen rangieren dabei nicht selten unter 20 Euro pro Betroffener und Monat.

Für das einzelne Inkontinenzprodukt heißt dies aber de facto, dass nach Abzug der Kosten für individuelle Beratung-, Logistik und Verwaltung, für das einzelne Produkt, für die Vorlage oder Inkontinenzhose nur noch nur zehn bis 20 Cent zur Verfügung stehen. Produktinnovationen werden durch solche Preise nicht honoriert.

Zudem schränken die Versorgungsverträge die Wahlfreiheit der Versicherten empfindlich ein. Bei Ausschreibungsverträgen entscheidet letztlich die Krankenkasse, welcher Leistungserbringer welches Hilfsmittel liefert. Das Ergebnis ist: Standardversorgung statt Wahlfreiheit.

Eine medizinisch notwendige Versorgung, die den individuellen Anforderungen des einzelnen Patienten gerecht wird, ist zu Dumpingpreisen nicht möglich.

Derzeit wenden die gesetzlichen Krankenkassen etwa 0,2 Prozent ihrer Mittel für aufsaugende Inkontinenzprodukte auf.

Alle Beteiligten, Krankenkassen, Patientenvertreter und Medizinproduktehersteller, sollten daher gemeinsam nach Wegen suchen, die Inkontinenzversorgung in Deutschland dem Stand von Medizin, Pflegewissenschaft und Produktentwicklung anzupassen – damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen.
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