Sektorenübergreifende Versorgung

Die Zukunft der Telemedizin in Deutschland

Lange Wartezeiten, Ärztemangel oder weite Entfernungen zum nächsten Spezialisten – für viele Patienten stellen diese Probleme heutzutage ein zunehmendes Dilemma dar. Der gegenwärtige Anstieg chronischer und multimorbider Erkrankungen verschärft diese Beeinträchtigungen, denn gerade diese Indikationen erfordern oft eine kontinuierliche Überwachung und Behandlung. Eine Antwort auf diese Herausforderung ist zweifelsohne der Ausbau und die Anwendung von telemedizinischen Lösungen. Von Telekonsultation und Ferndiagnose über die Versorgung und das Monitoring chronisch Kranker bis hin zur ferngesteuerten Behandlung: die Telemedizin birgt ein enormes Potential für eine Qualitäts- und Effizienzsteigerung in der Versorgung. Eine flächendeckende Nutzung der vielfältigen Möglichkeiten findet jedoch in Deutschland bisher nur in Ansätzen statt. Hier ist die Politik gefordert, die passenden Rahmenbedingungen für die Unternehmen der Gesundheitswirtschaft und die Leistungserbringer zu setzen.

Im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung des Gesundheitswesens hat die Erforschung und Erprobung von telemedizinischen Anwendungen eine große Aufmerksamkeit erhalten. Diese gehen bereits weit über allseits bekannte Modelle wie Online- bzw. Videosprechstunden für Patienten oder den Aufbau von Informations- und Kommunikationssystemen für Ärzte hinaus. Vor allem die Vernetzung von IT-Anwendungen mit fortschrittlichen Medizinprodukten bietet außerordentliche Chancen für die Verbesserung der Versorgung. In der Telekardiologie können beispielsweise Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz besser überwacht, oder nach operativen Eingriffen die Rehabilitation aus der Ferne begleitet werden. Sei es in der Chirurgie, Diabetologie, Neurologie oder im Transfer von Information: Telemedizinische Anwendungen ermöglichen eine Vielzahl an Innovationen in der Prävention, Diagnostik, Therapie und im Krankheitsmanagement.

Trotz der Potentiale hinkt die Einführung und flächendeckende Anwendung von telemedizinischen Lösungen in Deutschland im internationalen Vergleich hinterher. Dies hat zum einen regulatorische Gründe. Fernbehandlungen ohne vorherigen persönlichen Erstkontakt wurden von der Bundesärztekammer erst im Mai 2018 zugelassen, eine entsprechende Neuregelung der Vergütung erfolgte nun im Oktober 2019. Der Aufbau der Telematikinfrastruktur verläuft weiterhin schleppend und viele Arztpraxen verfügen nicht über die technischen Voraussetzungen, telemedizinische Lösungen anzubieten. Darüber hinaus wurden gesetzliche Grundlagen wie beispielsweise die Vergütung von digitalen Gesundheitsapplikationen erst kürzlich geschaffen (vgl. Digitale-Versorgung-Gesetz) oder befinden sich zurzeit noch im Gesetzgebungsprozess (z.B. Digitale-Gesundheitsanwendungen-Verordnung oder Patientendaten-Schutzgesetz).

Neben den regulatorischen Hürden beschränken sich Telemedizin-Projekte zumeist auf einzelne Regionen in Deutschland. Ein grundlegendes Problem ist hierbei, dass es nur sehr wenige Projekte gibt, welche als Beispiele für eine Überführung von fortschrittlichen Lösungen in die Regelversorgung dienen könnten. Dies trifft sowohl auf den ambulanten wie auf den stationären Sektor zu. Eine stärkere Kooperation zwischen den Bundesländern auf der einen Seite, aber auch zwischen Ärzten, Krankenhäusern und den Herstellern von (physischen und digitalen) Medizinprodukten auf der anderen Seite ist für die Umsetzung der Möglichkeiten der Telemedizin von großer Bedeutung. Die Landesregierungen könnten sich in dieser Hinsicht für die notwendigen ökonomischen und technischen Voraussetzungen stärker einsetzen.
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