Gesundheitspolitik

2010-04: MedTech-Industriereport April 2010

Marktentwicklung

Die Stimmung in der Branche hat sich im Herbst 2009 gegenüber dem Frühjahr 2009 verbessert. Die Unternehmen der Medizintechnologie trotzen weiterhin der Wirtschafts- und Finanzkrise. Das Umsatzwachstum liegt bei durchschnittlich knapp vier Prozent. Der inländische Preisdruck hält weiter an, konnte aber in den meisten Bereichen durch weitere Absatzsteigerungen aufgrund steigender Fallzahlen überkompensiert werden. Die Deckungsbeiträge und die Gewinnsituation der Unternehmen leiden.

Die aktuellen Umfrageergebnisse zeigen, dass die MedTech-Branche in Deutschland nach wie vor gut aufgestellt ist. Die Ergebnisse zeigen aber auch Handlungsbedarf auf: Wir müssen das Innovationsklima in Deutschland weiter verbessern, die bürokratischen Hürden verringern und die Wahlmöglichkeiten der Versicherten stärken.

Wachstumsmarkt Gesundheitswirtschaft
Die Gesundheitswirtschaft ist eine der Branchen mit dem größten Wachstumspotenzial und hohen Beschäftigungsmöglichkeiten für qualifizierte Fachkräfte – und daneben ein sogar in Krisen erstaunlich stabiler Exportfaktor. Insgesamt 4,4 Millionen Menschen arbeiten im Gesundheitswesen. Damit ist etwa jeder zehnte Arbeitsplatz in Deutschland in der Gesundheitswirtschaft angesiedelt. Im Jahre 2007 wurden insgesamt 252,8 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben. Das ist ein Anteil von 10,4 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Der Gesundheitssektor ist damit bedeutender als beispielsweise die Automobilindustrie.

Arbeitsplätze in der MedTech-Branche
Die Medizintechnikindustrie beschäftigt in knapp 1.250 Betrieben (mit mehr als 20 Beschäftigten pro Betrieb) 95.000 Menschen. Hinzu kommen annähernd 10.000 Kleinunternehmen mit rund 75.000 Beschäftigten. Die Kernbranche beschäftigt damit insgesamt in Deutschland rund 170.000 Menschen in über 11.000 Unternehmen. Weitere 29.000 Mitarbeiter sind im Einzelhandel für medizinische und orthopädische Güter tätig. Etwa 15 Prozent der Beschäftigten sind im Bereich Forschung und Entwicklung (FuE) tätig – Tendenz steigend. Abgesehen von wenigen großen Unternehmen ist die Branche stark mittelständisch geprägt. 95 Prozent der Betriebe beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter.

Ausgaben für Medizinprodukte in Deutschland
Die Gesundheitsausgaben im Bereich der Medizinprodukte (ohne Investitionsgüter) betragen in Deutschland insgesamt rund 23 Milliarden Euro. Davon entfallen auf Hilfsmittel rund 11,3 Milliarden Euro und auf den sonstigen medizinischen Bedarf 10,5 Milliarden Euro. Hinzu kommen rund 1 Milliarde Euro für den Verbandmittelbereich, der unter Arzneimitteln erfasst ist. Der Ausgabenanteil der Gesetzlichen Krankenversicherung liegt bei rund 14 Milliarden Euro.

Produktion und Export
Der Gesamtumsatz der produzierenden Medizintechnikunternehmen legte in Deutschland 2008 um 2,5 Prozent auf 17,8 Milliarden Euro zu. Die zum Teil deutlichen Zuwächse der letzten Jahre (2007: plus 6,9 Prozent) haben sich im Jahr 2008 damit deutlich verlangsamt. Das positive Ergebnis basiert primär auf einem Plus beim Exportgeschäft von 3,5 Prozent auf 11,5 Milliarden Euro. Im Inland gab es nur ein geringfügiges Wachstum auf knapp 6,3 Milliarden Euro.
Beim Export liegt Deutschland mit einem Welthandelsanteil von 14,6 Prozent nach den USA (30,9 Prozent) aber deutlich vor Japan (5,5 Prozent) weltweit an der zweiten Stelle.

Weltweiter Wachstumsmarkt Medizintechnologien
Die Medizintechnologiebranche ist ein weltweiter Wachstumsmarkt. Der medizintechnische Fortschritt, die demographische Entwicklung mit immer mehr älteren Menschen und der erweiterte Gesundheitsbegriff werden dafür sorgen, dass dies auch so bleibt. Der Bedarf an Gesundheitsleistungen wird weiter steigen. Patienten sind immer mehr bereit, in ihre Gesundheit zu investieren.
Der Weltmarkt für Medizintechnologien beträgt rund 220 Mrd. Euro. Der europäische Markt ist mit 65 Mrd. Euro nach den USA mit 90 Mrd. Euro der zweitgrößte Markt der Welt. Deutschland ist mit 23 Mrd. Euro als Einzelmarkt nach den USA und Japan (25 Mrd. Euro) weltweit der drittgrößte Markt und mit Abstand der größte Markt Europas. Er ist rund doppelt so groß wie Frankreich und rund drei Mal so groß wie Italien oder Großbritannien.

Überdurchschnittliche Innovationskraft
Die Medizintechnologie ist eine dynamische und hoch innovative Branche. Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die deutschen Medizintechnikhersteller mit Produkten, die weniger als drei Jahre alt sind. Durchschnittlich investieren die forschenden MedTech-Unternehmen rund neun Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Der Innovations- und Forschungsstandort Deutschland spielt damit für die MedTech-Unternehmen eine besonders wichtige Rolle.
Ein weiterer Beleg für die Innovationskraft der Branche: Nach Angaben des Europäischen Patentamtes in München führt die Medizintechnik die Liste der angemeldeten Erfindungen mit über 16.700 Patenten an (Stand: 2008). Danach folgen erst die elektronische Nachrichtentechnik und die EDV.

Erwartungen an die Bundesregierung: 10-Punkte-Plan
Die Koalitionsvereinbarung der neuen schwarz-gelben Bundesregierung sieht vor, dass eine Regierungskommission eine umfangreiche Gesundheitsreform vorbereiten soll. Der BVMed weist dabei auf seinen „10-Punkte-Plan für die Versorgung von Patienten mit fortschrittlicher Medizintechnologie“ hin. Für den BVMed sind unter anderem folgende Aspekte von Bedeutung:

Förderung optimieren, Bürokratie abbauen
Die mit dem Aktionsplan Medizintechnik begonnenen Ansätze in der Forschungsförderung sind konsequent fortzusetzen und weiterzuentwickeln. Hierbei ist ein Schwerpunkt auf die Telemedizin zu legen. Durch deren konsequente Weiterentwicklung und Implementierung in das System der Gesetzlichen Krankenversicherung, kann eine bessere, sichere und kosteneffizientere Gesundheitsversorgung erreicht werden. Die freie Entfaltung der Gesundheitswirtschaft wird derzeit durch zahlreiche Regularien eingedämmt. Bürokratische, intransparente und zentralistische Lösungen sind auf den Prüfstand zu stellen und zu beseitigen.

Unterschiede zu Arzneimitteln beachten
Medizinprodukte müssen auch zukünftig regulatorisch anders als Arzneimittel behandelt werden. Hierzu gehört die konsequente Umsetzung und Weiterentwicklung des New Approaches (neuen Konzeptes) für Medizinprodukte. Prüf- und Genehmigungspflichten für Unternehmen sind auf das notwendige Maß zu reduzieren ohne die Sicherheit, Leistungsfähigkeit und Qualität der Medizinprodukte zu beeinträchtigen.

Bessere Innovationseinführung
Wichtig für die Unternehmen der Gesundheitswirtschaft ist ein starker Heimatmarkt. Hierzu gehört eine Gesetzliche Krankenversicherung mit funktionierendem Wettbewerb und einer schnellen Einführung von medizinischen Innovationen.
Innovative Produkte und Verfahren müssen allen Patienten, die sie benötigen, zeitnah zur Verfügung gestellt werden. Hierzu gehört eine ungehinderte Möglichkeit der Innovationseinführung im Krankenhaus und bei gleichen strukturellen Voraussetzungen auch im ambulanten Bereich. Für einen flexibleren und schnelleren Zugang von Innovationen ist die Einführung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB) zu vereinfachen und zu entbürokratisieren. Dabei ist sicherzustellen, dass Innovationen von den Krankenkassen zusätzlich zu den bestehenden Leistungen vergütet werden. In diesem Zusammenhang ist die Einführung von Innovationssparmodellen, zur Teilhabe am medizintechnischen Fortschritt, oder eines Innovationspools bis zum Ende des Jahres 2010 zu prüfen und danach umzusetzen.

Die zehn Punkte in Schlagzeilen
1. Die besondere Wertigkeit von CE-gekennzeichneten Medizinprodukten muss besser herausgestellt werden, beispielsweise durch ein CE Med-Zeichen.
2. Der Zugang für medizintechnische Innovationen soll unbürokratisch und flexibel gestaltet werden. Um einen flexibleren und schnelleren Zugang zum medizintechnischen Fortschritt zu ermöglichen, schlägt der BVMed eine Vereinfachung und Entbürokratisierung bei der Vergütung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUB) in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) vor.
3. Medizintechnische Innovationen müssen im Krankenhaus ungehindert eingeführt werden können.
4. Zur schnelleren Einführung von medizintechnischen Innovationen in die GKV sprechen wir uns für einen Innovationspool aus.
5. Wir setzen uns für ein Steuerbegünstigtes InnovationsSparen (SIS) ein.
6. Versorgungsforschung als gemeinsame Aufgabe aller Akteure im Gesundheitswesen halten wir für sinnvoll und notwendig.
7. Kooperationen zwischen medizinischen Einrichtungen und Industrie sind zur Verbesserung der Patientenversorgung gewollt und dringend notwendig.
8. Die Qualität bei Medizinprodukten (wie z. B. im Teilbereich Hilfsmittel) muss wieder in den Vordergrund gestellt werden. Patienten müssen ihren Leistungserbringer und ihre Produkte frei wählen können.
9. Homecare soll regulärer Bestandteil der GKV werden.
10. Telemedizin soll Bestandteil der Regelversorgung werden.

BVMed, April 2010
  • Weitere Artikel zum Thema
  • "Digitale MedTech-Innovationen produzieren, nicht importieren!"

    Der BVMed fordert einen adäquaten Zugang der Medizinprodukte-Unternehmen zu versorgungsrelevanten und medizinischen Daten. "Wir wollen digitale MedTech-Innovationen produzieren, nicht importieren", so BVMed-Geschäftsführer Dr. Marc-Pierre Möll. Weiterlesen

  • Infektionsprävention auf die EU-Agenda

    Infektionsprävention muss künftig eine dauerhafte gesundheitspolitische Priorität werden und sollte auch ein Schwerpunktthema auf der Agenda der deutschen EU-Ratspräsidentschaft sein. Das fordert der BVMed-Fachbereich "Nosokomiale Infektionen" (FBNI) in einem Positionspapier mit dem Titel "Infektionen vermeiden – Bewusst handeln". Der BVMed fordert unter anderem, sich auf europäischer Ebene das Ziel zu setzen, in den nächsten fünf Jahren 20 Prozent der nosokomialen Infektionen zu vermeiden und diese Zahl auch mit einem jährlichen Bericht zu monitoren. Weiterlesen

  • Gesundheitsdaten retten Leben – Möglichkeiten im PDSG nutzen

    In einem gemeinsamen Papier befürworten die acht Verbände der eHealth-Allianz die im Entwurf des Patientendaten-Schutz-Gesetzes (PDSG) vorgesehene Möglichkeit einer freiwilligen Datenfreigabe für Forschungszwecke. Gleichzeitig kritisieren sie, dass die leistungsfähigsten Akteure der forschenden Gesundheitswirtschaft vom Antragsrecht zum geplanten Forschungsdatenzentrum ausgeschlossen werden sollen. Von der Diagnose seltener oder chronischer Erkrankungen bis hin zu deren Therapie – digitale Technologien können die Lebensqualität steigern, die Versorgung effizienter gestalten und Leben retten. Notwendige Grundlage für die Entwicklung und Anwendung entsprechender Lösungen sind Gesundheitsdaten. Diese sind hierzulande allerdings noch immer nur sehr begrenzt verfüg- und einsetzbar. Weiterlesen


©1999 - 2020 BVMed e.V., Berlin – Portal für Medizintechnik