Gesundheitspolitik

2006-09: Innovative Medizintechnologien als Motor der Gesundheitswirtschaft

Beitrag von Anton J. Schmidt, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Medizintechnologie – BVMed, Berlin, für das Jahrbuch Berliner Gesundheitswirtschaft
September 2006


Innovative Medizintechnologien als Motor der Gesundheitswirtschaft

Beitrag von Anton J. Schmidt, BVMed

Abstract

Medizintechnologien sind ein moderner und dynamischer Teil der deutschen Gesundheitswirtschaft. Mit mehr als 20 Milliarden Euro Ausgabenvolumen und 110.000 Arbeitsplätzen ist die Branche ein wichtiger Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor.

Der Umgang mit medizinischen Innovationen ist eines der wichtigsten Gestaltungsthemen im Gesundheitsmarkt. Es betrifft die MedTech-Unternehmen in besonderem Maße. Denn mehr als die Hälfte des Umsatzes erzielen die Unternehmen mit Produkten, die nicht älter als drei Jahre sind. Durchschnittlich werden rund 7 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiert. Die Ausgangsbedingungen sind gut. Erhebliche Defizite bestehen in Deutschland allerdings bei der Einführung von Innovationen in die Vergütungssysteme, sodass sie dann auch zeitnah beim Patienten ankommen.

Wir benötigen daher den Willen, Innovationen in das deutsche Gesundheitssystem einzuführen und Prozesse für ihren zügigen Zugang zu etablieren. Dafür brauchen wir eine neue Gesundheitswirtschaft mit mehr wettbewerblichen Elementen, Wahlfreiheiten und mehr Eigenverantwortung der Versicherten. MedTech-Innovationen können dann ein wichtiger Motor der Gesundheitswirtschaft sein und dazu beitragen, dass sich Deutschland als „Kompetenzzentrum Gesundheit“ etabliert.

Medizintechnologien sind ein moderner und dynamischer Teil der deutschen Gesundheitswirtschaft. Mit mehr als 20 Milliarden Euro Ausgabenvolumen und 110.000 Arbeitsplätzen ist die Branche ein wichtiger Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor.
Innovationen der Medizintechnologie können ein wichtiger Motor der Gesundheitswirtschaft sein und dazu beitragen, dass sich Deutschland als „Kompetenzzentrum Gesundheit“ etabliert. Die Ausgangsbedingungen sind gut. Aber wir müssen jetzt die Voraussetzungen schaffen, damit neue Medizintechnologien auch künftig den Patienten schnell zur Verfügung stehen.

Medizintechnologien als Teil der Gesundheitswirtschaft

Die Gesundheitswirtschaft ist bereits heute einer der größten Teilmärkte der deutschen Volkswirtschaft. Insgesamt 4,2 Millionen Menschen arbeiten im Gesundheitswesen. Damit ist jeder zehnte Arbeitsplatz in Deutschland in der Gesundheitswirtschaft angesiedelt. Diese Zahl nimmt trotz der schwierigen wirtschaftlichen Gesamtsituation noch immer zu.
234 Milliarden Euro werden insgesamt für Gesundheit ausgegeben. Das ist ein Anteil von 10,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Der Gesundheitssektor ist damit bedeutender als beispielsweise die Automobilindustrie (9,7 Prozent des BIP).

Medizintechnologien sind ein wichtiger Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor. Die Unternehmen der Medizintechnologie leisten einen wichtigen Beitrag für die positive Entwicklung der Gesundheitswirtschaft in Deutschland. Die Gesundheitsausgaben im Bereich der Medizinprodukte betrugen in Deutschland im Jahr 2004 insgesamt über 20 Mrd. Euro. Das geht aus der Gesundheitsausgabenstatistik hervor, die das Statistische Bundesamt veröffentlicht .

Davon entfallen auf Hilfsmittel 10,1 Milliarden Euro und auf den sonstigen medizinischen Bedarf 9 Milliarden Euro. Hinzu kommen rund 1 Milliarde Euro für den Verbandmittelbereich, der unter Arzneimitteln erfasst ist. Der Ausgabenanteil der Gesetzlichen Krankenversicherung liegt bei rund 14 Milliarden Euro: 5,5 Milliarden Euro für Hilfsmittel, 7,8 Milliarden Euro für den sonstigen medizinischen Bedarf plus den Verbandmittel-Anteil.

Weitere Branchenkennzahlen: Die Produktion von Medizintechnik in Deutschland umfasste 2003 rund 14 Milliarden Euro . Beim Export lag Deutschland mit einem Welthandelsanteil von 14,6 Prozent nach den USA (30,9 Prozent) aber deutlich vor Japan (5,5 Prozent) weltweit an der zweiten Stelle.

Die Medizinproduktebranche beschäftigt in Deutschland in rund 1.100 Betrieben (mit mehr als 20 Mitarbeitern) 111.000 Menschen. Das sind zwei Prozent aller Beschäftigten im produzierenden Gewerbe in Deutschland. Eine neue europäische Studie spricht sogar von 145.000 Arbeitsplätzen in der deutschen MedTech-Branche . Es ist davon auszugehen, dass die gleiche Anzahl von Arbeitsplätzen in der Zulieferindustrie unmittelbar von der Medizinprodukteindustrie abhängt. Rund 6.400 Mitarbeiter der Branche sind im Bereich Forschung und Entwicklung tätig.

Wachstumsmarkt Medizintechnologien

Die Medizintechnologiebranche ist ein weltweiter Wachstumsmarkt. Der medizintechnische Fortschritt, die demographische Entwicklung mit immer mehr älteren Menschen und der erweiterte Gesundheitsbegriff werden dafür sorgen, dass dies auch so bleiben wird. Der Bedarf an Gesundheitsleistungen wird weiter steigen. Patienten sind immer mehr bereit, in ihre Gesundheit zu investieren. Eine Studie der Investmentbank Goldman Sachs erwartet für den gesamten Medtech-Sektor auf Sicht von fünf Jahren ein durchschnittliches Gewinnwachstum von 13 Prozent . Derzeit komme die Branche weltweit auf 60 Prozent der Gesamterlöse der Pharmafirmen. „Langfristig zeichnet sich aber schon der Führungswechsel ab“, schreibt die Financial Times.

Der Weltmarkt für Medizintechnologien betrug 2004 rund 184 Mrd. Euro. Der europäische Markt ist mit 55 Mrd. Euro nach den USA mit 79 Mrd. Euro der zweitgrößte Markt der Welt. Deutschland ist mit 20 Mrd. Euro als Einzelmarkt nach den USA und Japan weltweit der drittgrößte Markt und mit Abstand der größte Markt Europas. Er ist rund doppelt so groß wie Frankreich und rund drei Mal so groß wie Italien oder Großbritannien.

Überdurchschnittliche Innovationskraft

Die Medizintechnologie ist zudem eine dynamische und hoch innovative Branche. Die Produktzyklen sind deutlich kürzer als im Pharmabereich. Mehr als die Hälfte des Umsatzes erzielen die Unternehmen mit Produkten, die nicht älter als drei Jahre sind. Durchschnittlich werden rund 7 Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung investiert. Zum Vergleich: Der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Umsatz beträgt in der äußerst innovativen Chemieindustrie 5 Prozent, in der Verarbeitenden Industrie insgesamt 3,8 Prozent . Nach Aussage der Medizintechnik-Studie vom BMBF ist der Forschungs- und Entwicklungsanteil am Produktionswert in der Medizintechnik mehr als doppelt so hoch wie bei Industriewaren insgesamt . Der Forschungsstandort Deutschland spielt damit für die Unternehmen der Medizintechnologie eine besonders wichtige Rolle.

Nach einer Studie der Boston Consulting Group erreicht Deutschland im Bereich der Medizintechnik 97 Prozent der amerikanischen Innovationsleistung . Dies betrifft die Bereiche Implantate, chirurgische Instrumente, Praxis- und Krankenhauseinrichtungen oder Diagnostika.

Marktbedingungen –Vor- und Nachteile

Deutschland hat in den zukunftsträchtigen Innovationsfeldern der Medizintechnologie durch die große Zahl gut ausgebildeter Ärzte, Forscher und Ingenieure und durch den hohen Standard der klinischen Forschung beste Voraussetzungen, neue Produkte und Verfahren zur Marktreife zu führen. Wir haben durch die Universitätskliniken und die zahlreichen Kompetenzzentren in der Medizintechnik ein großes Wissen.

Die Vorteile Deutschlands liegen auch in den kürzeren Zulassungszeiten und in der sehr guten und kostengünstigeren klinischen Forschung. In Deutschland kostet es durchschnittlich rund 8 bis 10 Millionen Euro, eine neue Idee zur Marktreife zu bringen. In den USA sind diese Kosten mit rund 80 Millionen Dollar wesentlich höher.

Erhebliche Defizite bestehen in Deutschland allerdings bei der Einführung von Innovationen in die Vergütungssysteme, sodass sie dann auch zeitnah beim Patienten ankommen. Deswegen fällt das Marktwachstum in Deutschland nicht so dynamisch aus wie anderswo.

Derzeitiges Marktwachstum

Das durchschnittliche Wachstum des Weltmarktes für Medizinprodukte betrug 2005 nach Expertenschätzung rund 6 bis 7 Prozent. Das entspricht auch ungefähr dem Marktwachstum in Japan und den USA. Das Wachstum des Marktes für Medizinprodukte fällt in Deutschland mit ca. 3 Prozent deutlich geringer aus.

Der Preisdruck hat sich in Deutschland weiter verstärkt, vor allem durch die sich weiter verschärfenden Budgetrestriktionen auf der Klinikseite und die gesetzgeberischen Eingriffe bei den Hilfsmitteln. Außerdem bestehen bei den Unternehmen erhebliche Belastungen auf der Kostenseite durch die gestiegenen Rohstoffpreise insbesondere bei rohölbasierten Vorprodukten sowie durch die steigenden Energiepreise. Die Gewinnsituation der Medtech-Unternehmen bleibt damit stark angespannt.

Wirtschaftliche Entwicklung - Ausblick

Die Unternehmen der Medizintechnologie erwarten, dass dem Bereich der „Gesundheitswirtschaft“ künftig mehr Beachtung geschenkt werden wird. Wir erwarten bessere ökonomische Rahmenbedingungen, damit Innovationen der Medizintechnologie besser gefördert werden können. Für den Patienten wird das bedeuten: mehr Eigenverantwortung und damit mehr Wahlfreiheit.

Der Ausblick bis 2010: Die Ausgaben für Medizintechnologien in Deutschland wachsen weiter unterdurchschnittlich. Die Prognose des jährlichen Wachstums bis 2010 ergibt nach der BMBF-Studie für Deutschland ein Wachstum von 4,1 Prozent. Die EU-Kernländer liegen bei 5,4 Prozent, die USA bei 6,6 Prozent.

Das Potential der Medizintechnologien als Wachstumsmotor nutzen!

Was ist zu tun? Nach Ansicht des BVMed muss dem dynamischen Wandel der medizinischen Möglichkeiten und Dienstleistungen nun auch ein dynamischer Wandel des Gesundheitssystems folgen.

• Wir brauchen eine neue Gesundheitswirtschaft mit mehr wettbewerblichen Elementen, Wahlfreiheiten und mehr Eigenverantwortung der Versicherten. Unsere Vision ist eine neue Gesundheitswirtschaft, in der sich jeder individuell und frei seinen Krankenversicherungsschutz „einkaufen“ kann. Das beinhaltet eine entsprechende Basisversorgung sowie frei wählbare Zusatzleistungen - mit Präventions- und Selbstbehalttarifen, mit oder ohne freier Arztwahl, Wahloptionen in speziellen Gesundheitsbereichen etc. Das bedeutet mehr Eigenverantwortung. Das wäre ein System mit vielen wettbewerblichen Elementen. Und sicherlich auch mit günstigen Auswirkungen auf den Standort Deutschland.

• Wir benötigen den Willen, Innovationen in das deutsche Gesundheitssystem einzuführen und Prozesse für ihren zügigen Zugang zu etablieren. Dafür schlagen wir die Gründung einer ressortübergreifenden „Task Force Medizintechnologie“ vor.

• Viele Innovationen finden zuerst im Krankenhaus ihre Anwendung. Medizintechnologische Innovationen im Krankenhaus werden zu Lasten der Gesetzlichen Krankenversicherung vergütet, so lange keine negative Entscheidung des G-BA vorliegt. An diesem Prinzip der „Erlaubnis mit Verbotsvorbehalt“ muss im stationären Sektor festgehalten werden, um innovative Medizintechnologien in Deutschland allen Patienten, die sie benötigen, ohne Zeitverzögerung zur Verfügung zu stellen.

• Die Mitwirkungsmöglichkeiten der MedTech-Unternehmen an den Prozessen des Gemeinsamen Bundesausschusses müssen verbessert werden. In einem ersten Schritt schlägt der BVMed eine fallbezogene Nennung eines medizinischen Experten vor.

• Die Einführung von Innovationen in das System darf nicht durch unrealistische Vorgaben für die Vorlage von Evidenz behindert werden. Randomisierte kontrollierte klinische Studien sind für Medizintechnologien nicht in jedem Fall durchführbar oder ethisch. Adäquate Evidenz zum Beweis der klinischen Effektivität einer Methode muss vorgelegt werden, jedoch muss die geforderte Evidenzstufe an die zu prüfende Technologie angepasst werden.

• Wir müssen die Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung durch ein besseres Forschungsmanagement optimieren. Dazu gehört die Vernetzung mit der wissenschaftlichen Forschung insbesondere auf dem Gebiet der Bio-, Mikro- und Nanotechnologie. Wir plädieren für regionale Cluster mit medizintechnologischen Firmen, Foschungs- und Bildungseinrichtungen, Herstellern von wichtigen Vorprodukten bis hin zur Software sowie Anbietern von Risikokapital.

• Wir brauchen mehr Versorgungsforschung. Die Grundlagen- und fachübergreifende Forschung, mit der die Kranken- und Gesundheitsversorgung und ihre Rahmenbedingungen kausal erklärt und weiterentwickelt werden, muss künftig einen größeren Stellenwert im Gesundheitswesen bekommen. Aus Sicht der Industrie- und Handelsunternehmen wird mehr Versorgungsforschung benötigt, um die Gesamtkosten einer Therapie darstellen und so die individuellen Vorteile für Patienten und die Volkswirtschaft langfristig aufzeigen zu können.

Wir benötigen also insgesamt ein innovationsfreundlicheres Klima, damit neue Behandlungsmethoden und Verfahren der Medizintechnologie schneller beim Patienten ankommen.

Innovationen der Medizintechnologie können dann ein wichtiger Motor der Gesundheitswirtschaft sein und dazu beitragen, dass sich Deutschland als „Kompetenzzentrum Gesundheit“ etabliert.

Nutzen für die Volkswirtschaft

Die schnellere Einführung von Innovationen hat auch ökonomische Vorteile: Neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden führen zu einer Reduzierung von Fehlzeiten, verkürzen die Genesungszeiten der Patienten und ermöglichen es ihnen daher, schneller wieder am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Dies stellt auch einen Gewinn für die Volkswirtschaft insgesamt dar.

Nutzen-Wirksamkeitseffekte – und damit auch Einsparpotentiale – beispielsweise von innovativen Medizintechnologien müssen deutlicher in den Vordergrund gestellt werden. Sie müssen als Investition in die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Menschen aufgefasst werden, denn sie begründen damit ein neues Verständnis von Gesundheitsversorgung durch bessere Behandlungsmöglichkeiten, kürzere Liegezeiten, geringere Behindertenraten und weniger Fehlzeiten.

Der Wert von Innovationen wird aus unserer Sicht meist zu kurzfristig betrachtet. Der Einsatz von Innovationen der Medizintechnologie wird bei uns oft dadurch erschwert, dass die meist höheren Initialkosten isoliert betrachtet werden, nicht jedoch die Nutzen- und Kosteneffekte über den Gesamtverlauf einer Behandlung oder Krankheit. Wir werben deshalb für eine “Gesamtbetrachtung von Behandlungsprozessen”. Beispiele sind:

• Die Fast-Track-Chirurgie ermöglicht es, dass ein Patient nach einer Kolon-Operation nicht erst nach zwölf, sondern bereits nach drei Tagen aus dem Krankenhaus entlassen werden kann.

• Durch die Kyphoplastie, einer minimal-invasiven Behandlung von gebrochenen Wirbelkörpern, sind Patienten bereits 24 Stunden nach dem Eingriff wieder mobil. Bei der herkömmlichen Methode beträgt der Krankenhausaufenthalt im Durchschnitt 17,4 Tage.

• Studien belegen, dass mit Hilfe der minimal-invasiven Chirurgie in der Endoprothetik (künstliches Hüft- oder Kniegelenk) die Liegezeiten der Patienten im Krankenhaus deutlich verkürzt werden können. Die Patienten verlieren weniger Blut, sie können früher mit der Rehabilitation beginnen, sind entsprechend schneller wieder mobil und insgesamt mit dem Verfahren und den Ergebnissen zufriedener als Patienten, die mit herkömmlichen Methoden behandelt werden.

Fazit: Der Genesungsprozess wird beschleunigt, die Arbeitsfähigkeit früher erreicht. Schnellere Behandlung, frühere Genesung und mehr Lebensqualität: das darf bei der Bewertung von Innovationen nicht zu kurz kommen.

Anforderungen an die Technologiebewertung

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat unter anderem die Aufgabe, unter Zuhilfenahme des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) Technologiebewertungen vorzunehmen (HTA-Verfahren, Health Technology Assessment).

Technologiebewertung ist aus Sicht der Industrie richtig und wichtig. Der Nachweis des medizinischen und ökonomischen Nutzens ist eine Herausforderung für die Unternehmen.
HTA-Verfahren können dabei positiv und unterstützend sein, um Innovationen der Medizintechnologie voranzubringen. Die Unternehmen der Medizintechnologiebranche erwarten von der künftigen Arbeit des Gemeinsamen Bundesausschusses und des IQWiG aber die Umsetzung der folgenden vier Punkte:

1. Festhalten am Verbotsvorbehalt für medizintechnische Innovationen im Krankenhaus: Medizintechnologische Innovationen im Krankenhaus werden zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung vergütet, so lange keine negative Entscheidung des G-BA vorliegt. Dieses Prinzip im stationären Sektor muss weiterhin gelten, um innovative Medizintechnologien in Deutschland allen Patienten, die sie benötigen, ohne Zeitverzögerung zur Verfügung zu stellen. Dies trifft in erster Linie für den Krankenhausbereich zu, da viele Innovationen erst im klinischen Alltag ihre Anwendung finden.

2. Klare Vorgaben und zügigere Verfahren: Die Unternehmen der Medizintechnologie benötigen eindeutige, aber auch sachgerechte Vorgaben, was man im Rahmen der HTA-Verfahren wie bewerten will. Dann wird es auch gelingen, die Verfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses zügiger abzuschließen.

3. Mehr Transparenz und bessere Mitwirkung: Wir brauchen Transparenz, keine Diskussion hinter verschlossenen Türen. Die Einbeziehung der Patientenorganisationen war hierzu ein erster wichtiger Schritt. Um die Sachkenntnisse zeitnah bei den Beratungen des Gemeinsamen Bundesausschusses zu erhöhen, ist auch die Beteiligung der Medizinprodukteindustrie durch eine Antrags-, eine Mitwirkungs- und eine Einspruchsmöglichkeit zielführend. In einem ersten Schritt schlägt der BVMed eine bessere Mitwirkungsmöglichkeit der Industrie bei den Technologiebewertungsverfahren durch das Modell einer „fallbezogenen Expertenbenennung“ vor. Ein konkreter Vorschlag hierzu liegt seit langem vor.

4. Europaweit einheitliche Standards: Die Bewertung von Medizintechnologien bzw. neuen Behandlungsmethoden muss europaweit einheitlichen Standards unterliegen bzw. zumindest durch gegenseitige Anerkennungsverfahren gesichert werden. Die Unternehmen der Medizintechnologie sind immer mehr international tätig. Es darf nicht sein, dass in Europa verschiedene Anforderungen an die Technologiebewertung gelten. Deshalb ist es eine wichtige Aufgabe für das Bundesgesundheitsministerium, auf einheitliche Kriterien in Europa hinzuwirken.

Trends der Medizintechnologie

Die Entwicklung der Medizintechnologie ist mit dem Ende des 20. Jahrhunderts noch lange nicht beendet. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass der Fortschritt noch rasanter werden wird. Eine Reihe weiterer hochinnovativer Technologien ist bereits im Stadium der klinischen Prüfung oder kurz davor. Medizintechnologien, die Zukunft haben, sind aus Sicht der Experten die Mikrosystemtechnik/Micromachines (minimal-invasive Methoden, z. B. Kapselendoskop oder steuerbare Katheter) sowie Navigations- und Hilfssysteme für chirurgische Instrumente oder in der Pflege. Die „meist forcierten Forschungsgebiete“ der Medizinprodukteindustrie sind aus Expertensicht: Orthopädie (v. a. Wirbelsäulenchirurgie und Biomaterialien), Kardiologie (v. a. Beschichtungsverfahren von Medizinprodukten und minimal-invasive Verfahren) und Innere Medizin (v. a. Endoskopie, Diabetes).

Die internationalen Entwicklungen in der Medizintechnologie sind u. a. gekennzeichnet durch fortschreitende Miniaturisierung, verstärkten Einsatz von IT-Technologien, die Entwicklung neuer Biomaterialien mit verbesserter Verträglichkeit und die Integration biotechnologischer Verfahren. Nur solche Entwicklungen werden dauerhafte Zukunftschancen für neue Produkte und somit zusätzliche sichere Arbeitsplätze bieten, die auch einen messbaren Beitrag zu größerer Leistungsfähigkeit oder Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen erbringen. Die frühzeitige Abschätzung dieser Leistungsfähigkeit macht besondere Verfahren auf dem Wege der Produktentwicklungen sinnvoll und erforderlich.

Die Medizintechnik-Studie des BMBF nennt als Trends der Medizintechnik Computerisierung, Miniaturisierung und molekulare Funktionalitäten. Bezüglich ihres Entwicklungsstandes sind Tissue-Engineering und Nanotechnologie junge Technologiefelder mit großem Potential, aber derzeit noch kleiner Bedeutung in der Umsetzung. Mikrosystemtechnik und Optik sind demgegenüber reifere Technologien. Die Informations- und Kommunikationstechnologien spielen als „Enabler“ für die Integration von Innovationen eine herausragende Rolle.

Die Zukunftsprojektion der Technologien deutet einen besonderen Entwicklungsschub im Bereich der chipbasierten Diagnostik sowie - weniger ausgeprägt - einen weiteren Schwerpunkt für Drug-Delivery-Systeme an. Für die weltweite Technologieführerschaft werden in allen Feldern die USA genannt, in Europa gelten oftmals Deutschland und Großbritannien als führend. Klinische Experten sehen Informations- und Kommunikationstechnologie, Zell- und Biotechnologie, Mikrosystemtechnik und Nanotechnologie als die vier wichtigsten Schlüsseltechnologien für die Medizintechnik an.

Experten sehen für die Medizintechnik auch ein wichtiges Innovationsfeld in der Biosensorik, um Chiptechnologien auf biologischer Basis nutzbar zu machen und dann elektronisch weiterzuverarbeiten. Weitere Bereiche sind „Rapid Prototyping“ als Vorstufe für technische Lebenshilfen wie der Prothetik, digitale Mikroskopie, medizinische Robotik durch Sprachsteuerung oder die Medizininformatik.

Fazit: Die Medizintechnik hat ein hohes Innovationspotential durch personelle und thematische Zusammenführung verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen. Klar ist: Die Entwicklung der Medizintechnologie ist mit dem Ende des 20. Jahrhunderts noch lange nicht beendet. Vielmehr ist damit zu rechnen, dass der Fortschritt noch rasanter werden wird. Wir stehen am Beginn einer medizintechnologischen Revolution. Diese Innovationen aus dem Bereich der Medizintechnologie können der Motor einer erfolgreichen und dynamsichen Gesundheitswirtschaft sein.
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