Gerontechnologie

Sturzsensor, Durstalarm und EKG aus der Matratze

Medizintechnik für die alternde Gesellschaft

Die Vergreisung der Gesellschaft erfordert die Entwicklung neuer Hightechhilfen in der Altersmedizin: Künftig sollen schlaue Betten, Sensoren im Schuh oder Elektroden am Körper Patienten "überwachen". Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung in Deutschland sucht die sogenannte Gerontotechnologie im Sinne der wachsenden Zahl der Patienten und der Finanzen nach neuen Lösungen.

Künftig könnte etwa ein Durstsensor ältere Menschen ans Trinken erinnern. Wenn Senioren nicht genug Flüssigkeit zu sich nehmen, kann das schlimme Folgen haben: Herz-Kreislauf-Probleme, Verwirrtheit, ein höheres Sturzrisiko. Aachener Forscher haben mit Blick darauf einen Sensor entwickelt, der die Dehydrierung eines Menschen anzeigen kann. "Vier Elektroden werden auf den Körper geklebt. Die zeigen den Wassergehalt im Muskel an", sagt Professor Steffen Leonhardt vom Helmholtz-Institut für Biomedizinische Technik an der RWTH Aachen. Der Durstsensor ist zwar noch nicht serienreif. Aber das Projekt ist ein Beispiel für den Trend der Gerontotechnologie, Hightechhilfsmittel mit Sensortechnik für die Altersmedizin zu entwickeln.

"Die Gerontotechnologie beschäftigt momentan viele universitäre Einrichtungen", beobachtet Professor Ralf-Joachim Schulz vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG). Im Kern gehe es um den Erhalt der Selbstständigkeit älterer Menschen. Die Geriatrie setze auf eine frühe Rehabilitation mit dem Einsatz von Hilfsmitteln, so Schulz, der auch Chefarzt des St. Marien-Hospitals in Köln ist.

Sensoren in Alltagsgegenständen

Wie kann man Sensoren in Alltagsgegenstände einsetzen, damit sie medizinische Daten von einem Patienten zuverlässig liefern? Das sei eine zentrale Frage. Es gebe viele Ansätze, sagt Schulz: Wie etwa die Sensortechnik im Schuh. "Dadurch kann man sehen, wie weit ein Mensch mobil ist. Wie ist seine Gewichtsverlagerung. Ist er sturzgefährdet?" Es gebe auch Ansätze, Sensoren in die Kleidung einzubauen, etwa um ohne zusätzlichen Aufwand EKG-Daten zu erhalten.

Nur zur Kontrolle müsse ein Herzpatient dann nicht mehr im Krankenhaus bleiben. Er könne nach Hause gehen und die Kontrolle etwa von Herz oder Blutdruck laufe dann automatisch im Alltag mit. Aber noch ist das Zukunftsmusik. "Bestimmte Zentren werden dann in der Lage sein, Patienten nicht im Krankenhaus halten zu müssen", sagt Schulz. Dieses Vorgehen sei auch vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung zwingend notwendig. Experten rechnen damit, dass bis zum Jahr 2030 eine halbe Million Pflegekräfte fehlen könnten, insbesondere in der Alterspflege. Ansonsten sei die medizinische "Überwachung" irgendwann auch nicht mehr bezahlbar. Gut für den Patienten: Der könne wieder in den eigenen vier Wänden leben.

Wie weit darf die Überwachung gehen?

Wie weit darf man bei der "Überwachung" gehen? Die Forscher am Aachener Helmholtz-Institut für Biomedizinische Technik arbeiten an einem EKG-Sensor im Bett und denken auch schon weiter: etwa an eine Alarmfunktion bei einer Häufung von kritischen Momenten des Herzens. Oder an einen Gewichtssensor im Bett: Damit könne eine Pflegedienstleiterin sehen, wenn jemand vom Toilettengang nicht zurückgekommen ist, weil vielleicht etwas passiert ist. "Man muss erforschen, inwieweit so etwas machbar ist. Wie weit kann man die Privatsphäre des Menschen schützen. Wie weit kann ich gehen?", beschreibt Schulz die Notwendigkeit einer begleitenden ethischen Forschung.

Die Geriatrieexpertin Ursula Müller-Werdan betont den Nutzen des "klugen Bettes" im klinischen Alltag. Ein schwer kranker Mensch empfinde eine Verkabelung im Bett, etwa bei der EKG-Messung, als zusätzliche Belastung. "Wenn man am Kabel hängt, dann ist das einfach nicht angenehm", sagt die Professorin, die im Januar in Aachen die Leitung des neuen Lehrstuhls für Geriatrie mit dem Schwerpunkt technische Entwicklung übernimmt. "Uns geht es darum, die Krankenhausbehandlung humaner zu gestalten", sagt sie. Und das stehe nicht im Widerspruch zur Hightechmedizin.

Quelle: dpa-Bericht, Artikel in der WELT vom 11. Dezember 2014
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