Adipositas

Registeranalyse | Was eine bariatrische OP extrem adipösen Herzinfarkt-Patienten bringt

Ärzte Zeitung Online vom 29.10.2020

Einer schwedischen Registeranalyse zufolge hilft eine bariatrische Op nicht nur gegen Diabetes, sie halbiert auch die Rate kardiovaskulärer Ereignisse sowie die Mortalität von Patienten nach einem Herzinfarkt.

Die bariatrische Magen-Op hat sich mittlerweile bei extrem fettleibigen Patienten nicht nur zur Gewichtsreduktion, sondern auch zur Minderung kardiovaskulärer Ereignisse bewährt. Wie gut ein solcher Eingriff das Herz von Hochrisikopatienten schützt, die bereits einen Herzinfarkt hatten, ist hingegen weniger gut dokumentiert, berichten Kardiologen und Chirurgen um Dr. Erik Näslund von der Danderyd-Klinik in Stockholm.

Anhand von Registerdaten kommen sie zu dem Schluss, dass Herzinfarktrate und Mortalität nach der Op nur halb so hoch sind wie bei vergleichbaren Patienten ohne Magen-Op (Circulation 2020; online 26. Oktober).

Daten von 566 Patienten ausgewertet

Das Team um Näslund fand 566 Patienten, die sowohl im schwedischen Herzinfarktregister SWEDEHEART als auch in einem nationalen Register zur Adipositas-Chirurgie (SOReg) registriert waren. Etwa 40 Prozent hatten zum Zeitpunkt der Op bereits einen manifesten Typ-2-Diabetes, die Hälfte rauchte, zwei Drittel waren hyperton, jeder Zehnte hatte eine Herzinsuffizienz, 16 Prozent mehr als einen Herzinfarkt in der Vergangenheit, der präoperative BMI erreichte im Mittel 41. Rund 90 Prozent bekamen einen Roux-en-Y-Magenbypass, die übrigen einen Schlauchmagen.

Als Vergleichsgruppe wählten die Forscher Patienten aus dem SWEDEHEART-Register mit ähnlichen Eigenschaften, aber ohne Magen-Op. Die Patienten hatten also im Mittel einen vergleichbar hohen BMI, ebenfalls mindestens einen Herzinfarkt in der Vorgeschichte und ähnlich viele kardiovaskuläre Risikofaktoren.

Jedem Patienten mit Magen-Op wurde ein vergleichbarer Patient ohne bariatrischen Eingriff gegenübergestellt. Op-bedingte Komplikationen erlitten 8,4 Prozent der Patienten, knapp die Hälfte wurde als schwerwiegend beurteilt. Ein Patient starb an Op-bedingten Blutungen.

Herzinfarktinzidenz um 76 Prozent reduziert

Nach zwei Jahren war der BMI in der Op-Gruppe im Mittel auf 28 gesunken, was einem Gewichtsverlust von 29 Prozent entspricht. Der HbA1c-Wert verringerte sich in dieser Zeit von 6,3 auf 5,7 Prozent, bei etwas mehr als der Hälfte bildete sich ein vorhandener Diabetes zurück. Eine Schlafapnoe verschwand bei zwei Drittel der Betroffenen, eine Dyslipidämie bei einem Drittel und eine Hypertonie bei einem Viertel.

Im Median wurden Daten über 4,6 Jahre nach der Op erhoben. Hochgerechnet auf acht Jahre ergibt sich eine Inzidenz für schwere kardiovaskuläre Ereignisse von 18,7 Prozent mit und 36,2 Prozent ohne Op. Mit der Op sterben 11,7 Prozent, ohne 21,4 Prozent. Erneute Herzinfarkte treten mit Op bei 5,4 Prozent, ohne bei 17,9 Prozent auf, eine Herzinsuffizienz wird neu bei jeweils 2,0 und 4,9 Prozent diagnostiziert. Kaum Unterschiede fanden die Forscher bei der Inzidenz von Schlaganfällen (3,5 versus 5,4 Prozent) und von Vorhofflimmern (jeweils rund neun Prozent).

Unter Berücksichtigung sämtlicher bekannter Begleitfaktoren ist nach diesen Resultaten die Rate schwerer kardiovaskulärer Ereignisse mit der Op um 56 Prozent, die Sterberate um 55 Prozent reduziert, das Herzinfarktrisiko wird sogar um 76 Prozent gesenkt.

Die Daten bestätigen die Auffassung, dass ein deutlicher Gewichtsverlust bei extrem adipösen Patienten das Risiko für erneute kardiovaskuläre Ereignisse drastisch reduziert. Sie widersprechen zudem dem Adipositas-Paradoxon, wonach bei Herzinfarktpatienten die Prognose mit hohem BMI besser sein soll, geben die Ärzte um Näslund zu bedenken. Mit Blick auf die relativ geringe Komplikationsrate der Op überwiege der Nutzen die Risiken bei Weitem.

Das Wichtigste in Kürze

Frage: Was bringt die bariatrische Op bei Adipösen nach einem Herzinfarkt?
Antwort: Die Gefahr für einen erneuten Herzinfarkt wird in den acht Jahren nach der Op um drei Viertel reduziert, das Sterberisiko halbiert.
Bedeutung: Der Nutzen der Op überwiegt die Risiken bei Weitem.
Einschränkung: Registeranalyse, keine prospektive Studie

Quelle: ÄrzteZeitung Online vom 28. Oktober 2020
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