Adipositas-Chirurgie

Adipositas: Bedeutung für Patienten und das Gesundheitssystem

In Deutschland gibt es rund 4,5 Millionen Menschen mit Adipositas - Body-Maß-Index (BMI) über 35. Davon gelten 1,4 Millionen als morbid adipös (BMI ≥40). Innerhalb der letzten 15 Jahre ist die Zahl morbid adipöser Erwachsener um 110 Prozent gestiegen. 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind übergewichtig, 6,3 Prozent davon sind adipös. Adipositas und ihre Begleiterkrankungen kosten das deutsche Gesundheitssystem jährlich doppelt so viel wie die Folgen von Alkoholkonsum. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern besteht in Deutschland eine Unterversorgung an nachhaltigen und ganzheitlichen Therapieangeboten. Krankenkassen und viele Ärzte betrachten Adipositas nicht als Krankheit, sondern als Lebensstilproblem oder begünstigenden Risikofaktor für Erkrankungen. Dadurch erhalten gesetzlich versicherte Patienten keine durchgängige, langfristig angelegte Therapie.

Adipositas als ernstzunehmende Krankheit

Adipositas hat in vielen Ländern weltweit epidemische Ausmaße angenommen und sich zu einer Volkskrankheit entwickelt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das Bundessozialgericht, das Europäische Parlament und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft betrachten Adipositas als eine chronische Erkrankung, deren Ursache auf einem Zusammenspiel genetischer Anfälligkeit, des jeweiligen Lebensstils und komplexer – über den Hyperthalamus gesteuerter – Stoffwechselprozesse basieren. Die Wissenschaft ist vom Paradigma der vorrangig über den Lebensstil gesteuerten Energiebalance abgerückt und weist der Steuerung des Gewichts über das Gehirn eine wichtige Bedeutung zu. Hieraus resultiert auch die chronische Natur der Adipositas, bei der das einmal erlangte Übergewicht durch komplexe Antworten im Nervensystem energisch „verteidigt“ wird.

Folgen für Patienten

Adipositas kann für den Patienten ganz unterschiedliche Folgen haben. Schon bei einer geringen Ausprägung kann sie die Form einer chronischen, komplexen Stoffwechselerkrankung einnehmen. Das bringt ein erhöhtes Risiko für Begleiterkrankungen mit sich. Studien belegen, dass Adipositas als Auslöser und Schrittmacher für mehr als 60 Begleiterkrankungen gilt, allen voran die Volkskrankheit Diabetes mellitus Typ 2 sowie bestimmte Krebsformen oder Herz-Kreislaufstörungen. Die Lebensqualität und Lebenserwartung von Menschen mit krankhafter Adipositas sind nachweislich eingeschränkt.

Da die Ursachen von Adipositas sehr individuell und heterogen sind, ist eine individuelle Bewertung, Risikoabschätzung und Therapieplanung erforderlich, die zur Folge hat, dass der Therapieprozess langjährig und oft sogar lebenslang angelegt ist.

Belastungen für das deutsche Gesundheitssystem

Die Adipositas-Epidemie gehört zu den weltweit größten Herausforderungen für das Gesundheitswesen im 21. Jahrhundert. Die Kosten für die Behandlung der Adipositas und ihrer Begleiterkrankungen stellen eine hohe Belastung für das Gesundheitssystem dar. In Deutschland liegen die direkten Kosten mit 20 Milliarden Euro jährlich weitaus höher als die Kosten für Folgen durch Alkoholkonsum (ca. 10 Mrd. €) oder die Folgen aus dem Konsum von Tabak (ca. 8 Mrd. €).

Durch ganzheitliche Präventionsansätze, frühzeitigen Therapiezugang durch Finanzierung der geeigneten Diagnostik und Therapie können die hohen Kosten, die zurzeit für die Behandlung der Folgekrankheiten wie Typ 2 Diabetes bei den Krankenkassen anfallen, reduziert werden. Derzeit wird nur die Therapie der Folgeerkrankungen der Adipositas und nicht die Therapie der Ursache selbst finanziert. Aber ohne eine geleitende Therapie der Adipositas können viele der Begleiterkrankungen nicht nachhaltig behandelt werden

Lösungsansätze

PRÄVENTION & AUFKLÄRUNG

Prävention und Aufklärung sind entscheidend, um die Zunahme von Adipositas vor allem in der jungen Generation zu verhindern. Präventionsmaßnahmen erreichen jedoch die bereits krankhaft Übergewichtigen nicht mehr. Hierzu bedarf es gezielter, finanzierter Therapieangebote.

THERAPIE

Nicht jeder übergewichtige oder adipöse Mensch ist per se krank, mit zunehmendem Körpergewicht erhöht sich allerdings das Erkrankungsrisiko. Dass Übergewicht nicht ausschließlich auf die Ernährung zurückzuführen ist, sondern auf einer Vielzahl von Faktoren basieren kann, ist mittlerweile anerkannt. Ebenso unterschiedlich wie die Ursachen gestaltet sich auch die Ausprägung der Krankheit. Ein effektiver, ganzheitlicher Therapieansatz muss daher stadiengerecht und auf jeden Patienten individuell abgestimmt sein, um die optimale Behandlung zu gewährleisten und auch langfristig Erfolge zu zeigen. Um einen Patienten erfolgreich durch die Therapie zu begleiten, sollten Hausärzte, Ernährungsmediziner, Internisten, Diätassistenten, Psychologen, Sporttherapeuten und Adipositas-Chirurgen ein multidisziplinäres Behandlungsteam bilden.

Zu den Therapie-Möglichkeiten in Deutschland gehören Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie (multimodales Konzept) bis hin zur chirurgischen Therapie. Die Behandlung von Krankheiten mithilfe von Arzneimitteln (Pharmakotherapie) gilt als Lifestyle-Therapie und darf nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden.

Bei morbider Adipositas (BMI über 40), stellt nach internationalen und nationalen Leitlinien die Metabolische Chirurgie die effektivste Therapieform dar. Der chirurgische Eingriff ist jedoch keine isolierte Therapiemaßnahme, sondern Bestandteil eines langfristig angelegten multidisziplinären Therapiekonzepts.

Im Gegensatz zu lebensstilbedingten Maßnahmen verändern sich durch den chirurgischen Eingriff die für die Gewichtssteuerung relevanten Stoffwechselprozesse und ermöglichen dem Körper die Gewichtsreduktion. Diese veränderten Stoffwechselprozesse spielen auch beim Diabetes Typ 2 eine große Rolle und beeinflussen diesen in der Regel positiv.
Daher ist für Menschen, die an einem durch Übergewicht verursachten Diabetes Typ 2 leiden und bereits insulinpflichtig sind, die metabolische Chirurgie momentan die einzige Therapieform, die zu einem Rückgang der Krankheit führen und die Insulintherapie unnötig machen kann.

Zugang zur effektivsten Therapie - Hürden für Patienten

Trotz der sehr guten und eindeutigen Evidenzlage für die metabolische Chirurgie wird diese von den Krankenkassen erst nach Versagen einer multimodalen Therapie (Kombination aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie) und einem individuellen Kostenübernahmeantrag finanziert.

Das Angebot multimodaler Therapieprogramme ist jedoch regional begrenzt, da sie keine Regelleistung der gesetzlichen Krankenkassen darstellen. Dies führt zu großen regionalen Versorgungsunterschieden.

Um den langfristigen Therapieerfolg zu sichern, bedarf es zumeist eines Adipositas chirurgischen Eingriffs und einer lebenslangen Betreuung. Diese leitliniengerechte postoperative Therapie wird zwar von den Krankenkassen im Rahmen der Kostenübernahme gefordert, aber nicht finanziert.

Zahl der adipositas-chirurgischen Eingriffe pro 10.000 Einwohner ≥18 Jahren (2013):
Deutschland: 10,5
Österreich: 39,4
Schweiz: 58,0
Frankreich: 93,1
Schweden: 114,8

Quelle: Johnson & Johnson Medical, März 2016
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