Position des Fachbereichs Nosokomiale Infektionen im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020

Infektionen vermeiden – Bewusst handeln


  • Prävention geht vor Behandlung.
    Die breit geführte Diskussion über Therapieoptionen, beispielsweise den Einsatz von Antibiotika, ist wichtig. Nur effektiver Infektionsschutz reduziert aber die Notwendig-keit, Infektionen behandeln zu müssen.

  • Transparenz schafft Problembewusstsein.
    Deshalb brauchen wir aktuelle und aussagekräftige Daten über das Auftreten von behandlungsassoziierten Infektionen in allen medizinischen Einrichtungen aus allen Regionen der Europäischen Union (EU).

  • Klare Zielsetzung, um behandlungsassoziierte Infektionen zu vermeiden: Avoid 1 out of 5!
    Um in den nächsten fünf Jahren zu erreichen, dass 1 von 5 behandlungsassoziierten Infektionen vermieden wird, sind die Anstrengungen aller Beteiligten erforderlich, um verbindliche Hygieneempfehlungen konsequent umzusetzen.


  • Wie ist die derzeitige Situation?

    Eine Pandemie wie die COVID-19-Pandemie, die derzeit die gesamte EU betrifft, macht die Notwendigkeit eines effektiven Infektionsschutzes deutlich. Das strikte Einhalten von grundsätzlichen Präventionsmaßnahmen schützt vor der Verbreitung von Infektionen und damit Leben.
    Nach aktuellen Schätzungen sind jährlich etwa 8,9 Millionen Menschen in der EU von behandlungsassoziierten oder auch nosokomialen Infektionen betroffen. Die häufigsten Formen sind Lungenentzündung, Harnwegs- und Wundinfektionen oder sogar Sepsis (Blutver-giftung). Allein in Deutschland sterben jedes Jahr bis zu 20.000 Menschen an diesen Infektionen, das sind schätzungsweise sechsmal so viele wie bei Straßenverkehrsunfällen pro Jahr ums Leben kommen. Zudem ist bereits etwa ein Drittel der Bakterien, die diese Infektionen verursachen, gegen Antibiotika resistent.
    Für die Betroffenen bedeutet dies viel persönliches Leid, ausgelöst durch längere Behandlungszeiten, dauerhafte Komplikationen, Behinderungen oder Todesfälle. Aber auch die Gesundheitssysteme werden unnötig und immens belastet.
    Dabei gilt bis zu einem Drittel der nosokomialen Infektionen als vermeidbar – vor allem durch bessere Hygiene.
    Erfahrungen wie die mit der COVID-19-Pandemie werden das Bewusstsein der Menschen für die Notwendigkeit guter Infektionsprävention und Hygiene erhöhen. Menschen werden vermehrt auf Hygiene achten – im privaten und im professionellen Umfeld.


    Position des Fachbereichs „Nosokomiale Infektionen“ im BVMed: Jeder hat das Recht auf Schutz vor nosokomialen Infektionen

    Die Vermeidung von behandlungsassoziierten Infektionen ist die zentrale Herausforderung der Zukunft. Dadurch würden das Leben von Patienten erleichtert, hohe Kosten für unnötige Behandlungen gesenkt und antimikrobielle Resistenzen verhindert werden.
    Die konsequente Umsetzung von Hygienemaßnahmen und die Anwendung risikominimie-render Medizinprodukte und -technologien sind effektive Mittel zur Vermeidung von be-handlungsassoziierten Infektionen.
    Infektionsprävention muss daher eine gesundheitspolitische Priorität sein, die sich im täglichen Handeln im Gesundheitssektor in ganz Europa widerspiegelt, und sollte sich daher als Schwerpunktthema auf der Agenda der deutschen EU-Ratspräsidentschaft wiederfinden.


    Hintergrund

    Die Gründe für behandlungsassoziierte Infektionen sind vielfältig. Eine wesentliche Ursache für diese Infektionen ist unzureichende Hygiene. Ein hoher Zeit- und Arbeitsdruck des Personals in medizinischen Einrichtungen fördert dieses Problem.
    Ein weiteres Problem ist die Beobachtung, dass Hygieneempfehlungen nicht konsequent zur Anwendung kommen. Sogar in Deutschland werden die konsentierten Maßnahmen nicht immer umfassend umgesetzt, obwohl die Empfehlungen der Expertenkommission KRINKO des Robert Koch-Instituts im Infektionsschutzgesetz §23 verankert sind.


    Vorgeschlagene Maßnahmen

    Wir schlagen zur Etablierung eines patientenorientierten besseren Infektionsschutzes folgende aufeinander aufbauende Maßnahmen vor:

    1. Schwerpunkt bei der EU-Kommission: Die COVID-19-Pandemie hat deutlich gemacht, dass Infektionsschutz über die Verantwortung einzelner Mitgliedsstaaten hinausgeht und hinausgehen sollte. Wir fordern daher, dass sich Infektionsschutz auch über die Krise und die Dauer der deutschen EU-Ratspräsidentschaft hinaus nachhaltig als Schwerpunkt-thema auf der Agenda der EU-Kommission wiederfindet.
    2. Ausreichende Ressourcen: Um hohe Hygienestandards und effektiven Infektionsschutz in medizinischen Einrichtungen aufrecht zu erhalten und dauerhaft zu gewährleisten, ist eine ausreichende Versorgung mit entsprechenden Ressourcen unabdingbar. Neben vermehrtem Einsatz gut aus- und regelmäßig weitergebildeten Personals gehören dazu auch spezifische Medizinprodukte und -technologien.
    3. Jährliche Daten von hoher Qualität: Repräsentative Daten zu nosokomialen Infektionen müssen jährlich für medizinische Einrichtungen in der EU gesammelt, ausgewertet und veröffentlicht werden. Wir erkennen ausdrücklich die Arbeit des Healthcare-associated Infections Surveillance Network (HAI-Net) des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) an. Für wirkliche Transparenz reichen diese Daten jedoch noch nicht aus. Das ECDC muss daher mit angemessenen Ressourcen und Kompetenzen ausgestattet werden, um seiner Aufgabe gerecht werden zu können. Nur so können die notwendige Transparenz geschaffen und Aufmerksamkeit auf die Dimension des Problems gelenkt werden.
    4. Avoid 1 out of 5 in den nächsten 5 Jahren: Weil ein großer Anteil nosokomialer Infektio-nen als vermeidbar gilt, fordern wir ein klares Ziel für die Reduzierung von Infektionen innerhalb eines definierten Zeitrahmens. Mittels jährlich zu veröffentlichenden Daten des HAI-Net kann der erreichte Fortschritt bezüglich einer 20-prozentigen Reduzierung von behandlungsassoziierten Infektionen in der EU über die nächsten 5 Jahre überprüft und nachgewiesen werden.

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    Stand: Mai 2020
    • FBNI-Positionspapier im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft: Infektionen vermeiden – Bewusst handeln

      Mai 2020

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