Artikel/Stellungnahmen

Versorgung chronischer Wunden in der Praxis: Rahmenbedingungen und Vergütung müssen verbessert werden

Ergebnis der BVMed-Sonderveranstaltung am 31. Mai 2007 in Bonn

Mehr Aufklärung über chronische Wunden, bessere Vergütungsstrukturen für die leitliniengerechte Versorgung und frühere Überweisung von Problemfällen in spezialisierte Wundambulanzen: Das waren drei der Forderungen der Experten der BVMed-Sonderveranstaltung „Wundversorgung in der Praxis – Im Spannungsfeld zwischen Versorgungsanspruch und Versorgungsqualität“ am 31. Mai 2007 in Bonn. Ziel der Konferenz war es, verstärkt über die Wirtschaftlichkeit und Versorgungsqualität von hydroaktiven Wundauflagen zu informieren. BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt zog das Fazit: „Wir brauchen strukturierte, interdisziplinäre, zertifizierte Wundambulanzen mit einer adäquaten versicherungstechnischen Vergütung.“

Dr. Wolf-Rüdiger Klare und Dr. Michaela Knestele verdeutlichten als Leiter von Wundzentren, dass die chronische Wunde ein Spezialgebiet sei, in dem sich nicht jeder niedergelassene Arzt auskennen könne. Deshalb müsse die Zusammenarbeit verbessert werden, damit niedergelassene Ärzte Problemfälle früher in Wundzentren überweisen. In die gleiche Richtung argumentierte Dr. Alfred David vom MDK Nordrhein: „Nach einem bestimmten Zeitpunkt gehört eine chronische Wunde in ein Wundzentrum.“ Hier für eine Verbesserung zu sorgen, sei eine Aufgabe der organisierten Ärzteschaft.

Mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland haben eine chronische Wunde, beispielsweise einen diabetischen Fuß oder einen Dekubitus (Druckgeschwür), so Daniela Piossek, Referatsleiterin Krankenversicherung beim BVMed. Um diese Wunden zum Abheilen zu bekommen, muss man sowohl die Grunderkrankung als auch die Wunde selbst gezielt therapieren. Dies erfordert ein funktionierendes Zusammenspiel zwischen behandelndem Arzt, Pflegekraft oder Wundtherapeut, Patient sowie Produkteinsatz. Chronische Wunden seien aber nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein ökonomisches Problem durch die hohen Kosten für die Krankenkassen. Moderne Wundversorgungsprodukte bieten hier die Möglichkeit, nicht nur die Versorgungsqualität zu verbessern, sondern auch Kosten einzusparen.

Nach Ansicht von Prof. Dr. Matthias Augustin, Leiter der Hochschulambulanz für Wunden am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ist der Stellenwert einer qualitätsorientierten Versorgung chronischer Wunden in Deutschland noch zu gering. Schaue man sich die Behandlungsleitlinien für chronische Wunden an, seien durchaus internationale Standards vorhanden. Aber wie kann man in der Praxis messbar machen, ob eine leitliniengemäße Behandlung vorliegt? In einem Projekt erstellte Prof. Augustin mit einem Team aus einer Leitlinie 20 prüfbare klinische Qualitätsindikatoren, beispielsweise Schmerzanamnese, Gefäßstatus, feuchte Wundbehandlung oder Nachsorge bei Abheilung. Der nächste Schritt sei die Nutzenbewertung nach Aspekten wie Morbidität, Lebensqualität und Therapiefolgen. „Perspektive Nummer eins bei der Nutzenbewertung muss der Patient sein!“, so Prof. Augustin.

Die Krankenkassensicht schilderte Volker Heuzeroth von der BKK Taunus. Die Kosten für die beiden Wundarten Ulcus Cruris und Dekubitus würden zu Lasten der GKV bei 2 bis 2,5 Milliarden Euro in Deutschland liegen. Die Krankheitsfolgekosten kommen dann noch hinzu, werden aber bislang noch nicht berücksichtigt. Der Lösungsansatz der BKK Taunus ist die Versorgung der Patienten mit chronischen Wunden in einem Vertrag zur Integrierten Versorgung (IV). Heuzeroth: „Wir brauchen Strukturqualität. Wir brauchen die Experten, den Facharzt, die Pflegekräfte – und die müssen anständig vergütet werden. Und wir müssen informieren und weiterbilden, auch das ist die Aufgabe der Krankenkasse!“ Der IV-Vertrag läuft seit 2005. Mittlerweile sind sieben weitere Betriebskrankenkassen beigetreten. Künftig soll die Pflegekasse bei der Versorgung von Patienten mit chronischen Wunden in Einrichtungen der stationären Pflege eingebunden werden. Fazit: „Die moderne Wundversorgung ist wirtschaftlich.“

Dr. Michaela Knestele, Leiterin der Chirurgischen Wund- und Fußambulanz der Kreiskliniken Kaufbeuren-Ostallgäu, stellte die Rolle von Wundambulanzen in der Praxis dar. Jeder niedergelassene Arzt brauche einen Grundstandard an Wissen über die Versorgung von chronischen Wunden, aber er müsse frühzeitig die Spezialisten in Wundzentren kontaktieren. „Hausärzte werden dabei die Patienten nicht weggenommen. Patienten sollen nach wie vor zum Hausarzt gehen. Es muss interdisziplinär zusammengearbeitet werden.“ Die Wundambulanz sieht ihre Hauptaufgabe in der Koordination des vielschichtigen Therapieverlaufs. Zum Leistungsspektrum gehört die Abheilung einer chronischen Wunde, die Einleitung und Durchführung der Diagnostik, die Festlegung und Koordination der Therapieformen und die Sicherung des Therapieerfolges. Seit 2006 gebe es mit der AOK Bayern einen Integrierten Versorgungsvertrag. Bislang wurden innerhalb des Vertrags 226 Patienten versorgt. 70 Prozent der offenen Wunden konnten bereits abgeheilt werden.
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