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Hirnstimulation bei Epilepsie bewährt sich wohl in der Praxis

Quelle: ÄrzteZeitung Online

Eine Analyse von 170 Epilepsiekranken mit tiefer Hirnstimulation deutet auf gute Langzeiteffekte: Nach fünf Jahren sank die Anfallshäufigkeit um mehr als die Hälfte. Menschen ohne kognitive Beeinträchtigungen und solche aus erfahrenen Zentren profitierten besonders, berichtet ÄrzteZeitung Online.

Nicht für alle Menschen mit therapieresistenter fokaler Epilepsie ist die Entfernung des Epilepsieherds eine Option: Bei einigen entsteht die Epilepsie multifokal, bei anderen ist eine Op. zu riskant oder der Epilepsieherd nicht gut genug lokalisierbar. In solchen Fällen kann oft eine tiefe Hirnstimulation (THS) im Bereich der Nuclei anteriores thalami helfen: In der randomisiert-kontrollierten Studie SANTE* mit 157 Epilepsiekranken aus 17 US-Zentren gelang bei den meisten eine deutliche Anfallsreduktion, wobei die Anfallsfrequenz mit der Zeit immer stärker abzunehmen scheint. So erreichten nach einem Jahr 43 Prozent eine Anfallsminderung von mindestens 50 Prozent, im siebten Jahr waren es bereits 74 Prozent.

Und bei Personen mit kognitiven Einschränkungen?

Ob sich solche Erfolge auch in der Praxis bei weniger stringent selektierten Epilepsiekranken beobachten lassen und welche Personen am meisten davon profitieren – dieser Frage ist ein Team um Professor Jukka Peltola von der Uniklinik in Tampere in Finnland nachgegangen (Neurology 2023; online 16. März). Seine Analyse des Registers MORE* deutet ebenfalls auf eine Abnahme der Anfallsfrequenz mit der Zeit. Deutlich weniger scheinen jedoch Personen mit kognitiven Einschränkungen zu profitieren.

Einbezogen in die Analyse wurden 170 erwachsene Epilepsiekranke aus 25 Zentren und 13 Ländern. Alle hatten eine fokale Epilepsie und auf Antikonvulsiva nicht ausreichend angesprochen, alle erhielten das THS-System von Medtronic.

Im Schnitt waren die Betroffenen 36 Jahre alt und seit 23 Jahren erkrankt, der Frauenanteil betrug 43 Prozent. Vor Beginn der THS hatten die Patientinnen und Patienten im Median 16 Anfälle pro Monat, 18 von ihnen mehr als 90 und nur 32 weniger als 5. Die meisten hatten bereits neun oder mehr verschiedene Antikonvulsiva ausprobiert, etwa 20 Prozent waren auch schon epilepsiechirurgisch behandelt worden, 38 Prozent wiesen kognitive Beeinträchtigungen auf, ein Fünftel war an Depressionen und Angststörungen erkrankt.

Ein Drittel hatte nach zwei Jahren angesprochen

Für 92 Prozent lagen Zweijahresdaten vor, die Anfallsfrequenz war hier auf im Median neun pro Monat gesunken, was einer Reduktion um ein Drittel entsprach. Ebenfalls ein Drittel galt mit einer Frequenzreduktion um mindestens 50 Prozent als Responder. 29 Prozent erzielten keinerlei Reduktion der Anfallsfrequenz, die übrigen zumindest eine gewisse.

Für 47 Erkrankte lagen auch Angaben über fünf Jahre vor: In dieser Subgruppe galten 40 Prozent nach zwei und immerhin 55 Prozent nach fünf Jahren als Responder. Die Reduktion war bei Epilepsiekranken mit zusätzlicher Vagusnervstimulation ähnlich groß wie bei solchen ohne.

Unterschiede gab es hingegen mit Blick auf anfangs bestehenden kognitiven Defizite: Solche Patientinnen und Patienten hatten nach zwei Jahren tendenziell eine geringere Frequenzreduktion erzielt, und zwar minus 26 Prozent versus minus 36 Prozent bei kognitiv Unauffälligen. Entscheidend war zudem, wo der Eingriff erfolgte: In Zentren mit mehr als zehn THS-Implantationen hatten nach zwei Jahren 43 Prozent angesprochen, in solchen mit weniger Eingriffen nur 22 Prozent. Dagegen hatte die Lokalisation des Epilepsieherds nur einen geringen Einfluss auf die Erfolgsquote. Personen mit multifokalen Epilepsien profitierten aber weniger.

Keine neue sicherheitsrelevante Signale

Neue sicherheitsrelevante Signale konnte das Team um Peltola nicht aufspüren. 23 Prozent hatten innerhalb von zwei Jahren THS-bezogene Nebenwirkungen entwickelt, die meisten hingen mit der Programmierung der Stimulation zusammen, bei elf Personen mussten die Elektroden ersetzt oder neu platziert werden, in zwei Fällen infektionsbedingt, in einem Fall aufgrund von Suizidgedanken. Intrakranielle Blutungen traten nicht auf, ein Patient starb an einem plötzlichen Epilepsietod.

Die Ergebnisse sprechen vor allem dafür, dass Zentren, die Epilepsiekranken eine THS anbieten, „sich langfristig und umfassend um die Auswahl der Patienten, die Implantation und die Optimierung der Therapie kümmern sollten“, so Peltola und Mitarbeitende.

Quelle: ÄrzteZeitung-Online vom 27. April 2023

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