Krebsbehandlung

"Big Data und Personalisierung werden die Medizin revolutionieren" / Behandlungsverfahren leiden unter zu hohen Evidenzanforderungen

BVMed-Medienseminar 2015 zu Krebstherapien

Die Medizintechnik bietet in der Krebsbehandlung zahlreiche neue technische Perspektiven, die das Behandlungs-Management der Patienten und die Therapien für Krebsarten wie Prostata- oder Leberkrebs optimieren. Darauf haben Experten im Rahmen des BVMed-Medienseminars am 10. November 2015 in Berlin hingewiesen. "Big Data und die Personalisierung werden die Medizin in den nächsten Jahren revolutionieren", prognostiziert Dr. Stephan Brock von Molecular Health. Er sieht große Potenziale für das personalisierte Krebsmanagement durch moderne Diagnostik-Software unter Einschluss der DNA-Sequenzierung von Tumorgewebe. Dr. Holger Sirges von BTG nannte die Radiotherapie mit Mikrosphären als hoffnungsvollen Ansatz in der Leberkrebs-Therapie. Als eine schonende Therapieform beim Prostatakarzinom stellte der Berliner Urologe Dr. Frank Kahmann die Brachytherapie mit Seeds vor. Alle Unterlagen können unter www.bvmed.de/bvmed-medienseminar-2015 abgerufen werden.

Personalisiertes Krebsmanagement durch moderne Diagnostik-Software

"Big Data und Personalisierung werden die Medizin in den nächsten Jahren revolutionieren, so wie die Digitalisierung der Kommunikation mittlerweile in unserem Alltag angekommen ist." Davon ist der Bioinformatiker Dr. Stephan Brock überzeugt. Er ist Geschäftsführer und Chief Technology Officer vom BVMed-Mitgliedsunternehmen Molecular Health. Für neue Behandlungsmöglichkeiten kommen mehrere Daten aus verschiedenen Bereichen zusammen. Neue Verfahren der Biotechnologie haben zu einer "leistbaren DNA-Sequenzierung" geführt. Hinzu kommen Digital Health-Gesundheitsdaten, die mehr und mehr verfügbar werden, sowie ein extremer Wissenszuwachs durch Studien und Publikationen. Diese Entwicklungen führen zu einer Präzisierung der Diagnose, "da sie datenbasiert erfolgt kann", so Brock. Er stellte eine IT-Anwendung in der Onkologie vor: das personalisierte Krebsmanagement durch moderne Diagnostik-Software von Molecular Health – basierend auf der DNA-Sequenzierung von Tumorgewebe.

Die neue Technologie ermöglicht es, die molekularen und klinischen Patienteninformationen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu den Wirkmechanismen von Medikamenten abzugleichen und Krebskranken so potenzielle Behandlungsansätze transparenter und individueller zu veranschaulichen. Anhand einer Gewebeprobe wird ein klinischer Befund erstellt, in dem auf Basis einer genetischen Tumoranalyse und -interpretation zuverlässige und personalisierte Behandlungsoptionen aufgezeigt werden. Auch bei weit fortgeschrittener Erkrankung können so die Therapieentscheidungen über die Grenzen der Standardtherapie hinaus optimiert werden. Weiterhin bietet das Programm Zugang zu einem weltweiten Informationsnetzwerk über klinische Studien, den Zulassungs- und Entwicklungsstatus von Prüfpräparaten sowie relevante Risikofaktoren von sich bereits auf dem Markt befindlichen Medikamenten. Brock: "Die Software analysiert, strukturiert und priorisiert nach klinischer Evidenz. Sie ist in Deutschland als Medizinprodukt zugelassen und unterliegt den Regularien des Medizinproduktegesetzes." Die Leistung wird derzeit noch nicht regelhaft von der Gesetzlichen Krankenversicherung erstattet. Interessierte Patienten sollten ihren behandelnden Arzt darauf ansprechen. Erste Modellvorhaben mit Krankenkassen sind in der Vorbereitung. Als nächster Schritt könnten "echtzeitanalytische Systeme unter Nutzung der Patientendaten" folgen, so die Vision von Brock. Sein Fazit: "In dem Big Data-Ansatz steckt noch sehr viel Potenzial. Das Problem: Die Daten sind da, aber sie sind derzeit nicht verfügbar. Wir müssen deshalb das Problem des Datenschutzes lösen."

Radiotherapie bei Leberkrebs

Die "Selektive Interne Radiotherapie" (SIRT) zur Behandlung von Patienten mit Leberkrebs stellte Dr. Holger Sirges, Senior Medical Specialist beim BVMed-Mitgliedsunternehmen BTG, vor. Beim Krankheitsbild geht es um das "Hepatozelluläre Karzinom" (HCC). Es ist die häufigste Form des primären Leberkrebses und die fünfthäufigste Krebserkrankung bei Männern sowie der achthäufigste Tumor bei Frauen. Die Inzidenz beträgt 500.000 Fälle pro Jahr und geht durch Hepatitis C mit einem Anstieg einher. Die gut verträgliche und gezielte Behandlungsoption, die in die medizinische Leitlinie der Fachgesellschaft Eingang gefunden hat, besteht aus Millionen winziger Glaskugeln, sogenannten Mikrosphären. Jede Kugel enthält radioaktives Yttrium-90. Die Glaskugeln haben einen Durchmesser von nur 20 bis 30 Mikrometer. Das entspricht ungefähr einem Drittel des Durchmessers eines menschlichen Haars.

Die Kugeln werden durch einen dünnen flexiblen Katheter direkt in die Hauptarterie der Leber eingebracht. Sie werden dann über die Blutgefäße, die den Tumor speisen, direkt zum Tumor transportiert und lagern sich dort in den kleinen Blutgefäßen ab. Durch Strahlung werden die Tumorzellen von innen heraus zerstört. Dabei wird das umgebende gesunde Lebergewebe nur minimal geschädigt. Die Mikrokugeln geben mehr als 95 Prozent ihrer Strahlung während der ersten zwei Wochen nach der Behandlung an den Tumor ab. Bislang wurde die Radiotherapie bei Leberkrebs weltweit mehr als 7.000-mal als Behandlungsmethode angewandt (Stand 2014). Die SIRT-Therapie eignet sich für Patienten, bei denen die Leber der einzige Ort oder der Hauptort des Krebsbefalls ist. Sie wird von den Patienten gut vertragen und erfordert keinen langen Klinikaufenthalt. Auftretende Nebenwirkungen fallen in der Regel schwächer als bei vielen anderen Leberkrebstherapien aus. In Deutschland wird die Therapie derzeit von rund 25 Krankenhäusern angeboten.

LDR-Brachytherapie beim lokal begrenzten Prostatakarzinom

Der Urologe Dr. Frank Kahmann stellte Entwicklung und Perspektiven der Brachytherapie mit Seeds vor. Zusammen mit Dr. Thomas Henkel betreibt Dr. Kahmann eine urologische Gemeinschaftspraxis in Berlin und gilt als einer der Wegbereiter der Brachytherapie in Deutschland, die er seit 1994 praktiziert. Mit 60.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung bei Männern in Deutschland. Die Brachytherapie mit Seeds ist eine schonende Alternative in der Prostatakrebsbehandlung. Bei dem minimalinvasiven Eingriff werden 4,5 Millimeter lange und 0,8 Millimeter breite Mini-Titankapseln in die Prostata eingebracht, die eine schwach radioaktive Substanz enthalten, um den Tumor direkt zu bestrahlen. Entsprechend der S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) gehört die LDR-Brachytherapie neben der Operation, der externen Strahlentherapie und der aktiven Überwachung "zu den primären Therapieoptionen zur Behandlung des lokalen Prostatakarzinoms mit einem niedrigen Risikoprofil", so Dr. Kahmann. Hinsichtlich des Nebenwirkungsprofils unterscheidet sie sich positiv von den anderen Behandlungsmethoden. Auch die S3-Leitlinie bestätigt diese Auffassung in aller Deutlichkeit, indem Vorteile hinsichtlich Inkontinenz und Impotenz gegenüber der Operation auf der einen Seite sowie Vorteile im Hinblick auf die Enddarmfunktionen gegenüber der externen Bestrahlung auf der anderen Seite postuliert werden. Neben der deutschen S3-Richtlinie ist die LDR-Brachytherapie auch in allen internationalen Richtlinien als eine etablierte Therapieoption verankert.

Zur Evidenzlage führte Dr. Kahmann aus, dass derzeit keine prospektiven, randomisierten Vergleichsstudien zur Verfügung stehen. Diese werden jedoch vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) und vom IQWiG gefordert. "Hier wird eine Evidenzlage gefordert, die nicht erreichbar ist und die für die anderen Standardtherapien nicht gefordert ist. Diese Ungerechtigkeit ist nicht nachvollziehbar", kritisiert der medizinische Experte. Dr. Kahmann weiter: "Aufgrund der hohen und guten Datenlage der weltweit tätigen Zentren, welche unabhängig voneinander vergleichbare Ergebnisse erzielten, kann die LDR-Brachytherapie in Bezug auf Effektivität mit der Operation und der externen Strahlentherapie als gleichberechtigte Therapieoption angesehen werden." Die geforderte prospektive, randomisierte Studie begann 2014 (PREFERE-Studie), jedoch seien die Patienten sehr gut über die Behandlungsoptionen informiert und wollten sich nicht zufällig einer Therapie zuordnen lassen. Die aktuell 62 Prüfzentren würden daher bei Weitem nicht die erforderliche Anzahl an Patienten für die Studie rekrutieren, so dass diese mit hoher Wahrscheinlichkeit zu keinem Ergebnis kommen werde. Dr. Kahmann forderte ein Umdenken bei den Entscheidern im Gesundheitssystem und zeigte auf, dass die Brachytherapie nicht nur schonender für den Patienten, sondern auch für die Volkswirtschaft erheblich günstiger sei. Die Klinik verdiene aber mit der Radikaloperation mehr Geld. Diese Fehlanreize im System müssten beseitigt werden.

Alle Unterlagen zum BVMed-Medienseminar können unter www.bvmed.de/bvmed-medienseminar-2015 abgerufen werden.

Bilder zum BVMed-Medienseminar können unter www.bvmed.de/bilder-medienseminar-2015 abgerufen werden.
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