Bewegungsapparat

Produkte, operatives Vorgehen und Patientenverhalten – bei künstlichem Gelenkersatz muss alles stimmen



Mythen über Gelenkimplantate aus der Welt schaffen und in den offenen Dialog darüber gehen, was moderner Gelenkersatz leisten kann und wo die Grenzen eines künstlichen Gelenks liegen: Das waren die Ziele des diesjährigen Sommergipfels des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) mit Entscheidern des Gesundheitswesens. „Ein Gelenkimplantat ist ein künstliches Gelenk und kann ein natürliches Gelenk nicht vollständig ersetzen, so dass es bei bestimmten Tätigkeiten und Sportarten Einschränkungen geben kann“ sagte Marc D. Michel, Sprecher des Fachbereichs Endoprothetik Implantate (FBEI) des BVMed. „Erfolgreicher Gelenkersatz ist nicht nur von dem Produkt abhängig. Der Operateur, der Patient und letztlich natürlich das Implantat tragen gleichermaßen zum Behandlungserfolg bei“ führte Michel fort. Die Experten machten außerdem auf die Notwendigkeit für ausreichende Fort- und Weiterbildung der Ärzte in der Endoprothetik aufmerksam und forderten eine verpflichtende Teilnahme der Krankenhäuser am bestehenden Endoprothesenregister der Fachgesellschaft.
Durch eine gesetzliche Verankerung, erhielte das Register schneller die erforderlichen Teilnehmerquoten, so der Konsens der Experten.



Vor dem Hintergrund zahlreicher kritischer Medienberichte zu künstlichem Gelenkersatz aus den letzten Monaten stellte der BVMed seinen Sommergipfel dieses Jahr unter den Leitgedanken: „Künstliche Gelenke: Wie schlecht sind unsere Implantate tatsächlich?“ Hierzu wurden Experten, Bundestagsabgeordnete sowie Vertreter aus den Ministerien, Kassen und Medien eingeladen. Die Impulsreferate zur Diskussion kamen von Prof. Dr. med. Thorsten Gehrke, Endoklinik Hamburg (die Klinik mit den größten Fallzahlen in der Endoprothetik), Prim. Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Böhler, Allgemeines Krankenhaus der Stadt Linz und Vorstandsmitglied der Europäischen Gesellschaft für Orthopädie und Traumatologie (EFORT), Prof. Dr. Michael M. Morlock, TU Hamburg-Harburg und Sachverständiger für Biomechanik, Prof. Dr. med. Raimund Forst, Orthopädische Universitätsklinik im Waldkrankenhaus St. Marien Erlangen und Dipl.-Kfm. Marc D. Michel, Sprecher des Fachbereichs für Endoprothetik (FBEI) des BVMed.

Michel wies darauf hin, dass das Zulassungsverfahren für Endoprothesen in Deutschland nach dem Medizinproduktegesetz den strengsten Zulassungskriterien der höchsten Klasse III unterliegt. „Dazu gehört unter anderem eine Risikoanalyse und eine klinische Prüfung. Eine staatlich akkreditierte, privatrechtlich tätige und unabhängige Auditier- und Zertifizierungsstelle, beispielsweise TÜV oder DEKRA, prüft die Einhaltung der strengen Vorschriften. Außerdem muss die klinische Studie durch eine Ethikkommission und durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) genehmigt werden“, erklärte Marc D. Michel.

Die Implantation von künstlichen Gelenken zählt heute zu den Routineoperationen. Jährlich erhalten rund 400.000 Deutsche ein künstliches Gelenk. Im Jahr 2010 wurden in Deutschland rund 210.000 künstliche Hüftgelenke sowie 165.000 künstliche Kniegelenke implantiert. Hinzu kommen Schulter-, Ellenbogen- und Fingergelenke sowie Sprung- und Großzehengrundgelenke. Die steigende Lebenserwartung in den Industrienationen und die damit einhergehende zunehmende Häufigkeit des Gelenkverschleißes sorgen für einen wachsenden Bedarf an Hüft- und Kniegelenkersatz. „Gelenkersatz ist das Ende der Behandlungskette“, so Prof. Dr. Gehrke.
„Über 95 Prozent der Implantate haben eine Lebensdauer von mehr als 10 Jahren und die Komplikationsrate ist bei unter 2 Prozent sehr gering“, erklärte Gehrke. Ursachen für Komplikationen sind unterschiedlich. Die häufigsten Gründe sind die aseptische Lockerung (57,8 %) und Auskugeln des Gelenks (11,8 %). Der Implantatebruch ist mit nur 1,4 Prozent ein eher seltener Revisionsfaktor.

Es wurde deutlich, dass bei dem Großteil von Standardoperationen eine lange Haltbarkeit der Gelenke gegeben ist. Ein Teil, der in den Medien thematisierten Probleme bestimmter Produkte, liegt in der starken Erklärungs- und Schulungsbedürftigkeit der Anwender komplexer Produkte. Industrie und Ärzte waren sich darüber einig, dass bei neuen Produkten die Fort- und Weiterbildung weiter gestärkt werden muss. „Die Erfahrung und der Ausbildungszustand des Arztes sind die wichtigsten Faktoren für erfolgreichen Gelenkersatz“, erklärte der Sachverständige Prof. Dr. Morlock.

BVMed Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Joachim M. Schmitt erwähnte, dass im April 2011 das deutsche Endoprothesenregister vereinbart worden war und derzeit die Arbeit am Register laufe. Das Register ist eine Initiative der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) in Zusammenarbeit mit dem AOK-Bundesverband, dem Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) und dem BVMed. Realisiert wird es durch das BQS Institut für Qualität und Patientensicherheit (BQS-Institut).
Die eingeladenen Experten sahen eine verpflichtende Teilnahme der Krankenhäuser am Endoprothesenregister als wichtig an, um die Ergebnisqualität der endoprothetischen Versorgung anhand valider Daten zu messen, vergleichend zu bewerten und verbessern zu können. Die Zahlen über erfolgreichen Gelenkersatz sind so unterschiedlich, hier kann nur ein verpflichtendes Register helfen. „Ziel ist es, mit dem Register möglichst frühzeitig eventuelle Mängel oder Komplikationen aufzuspüren. Es ist wichtig zu wissen, wo genau das Problem liegt: Sind es die verwendeten Implantate, ist es das operative Vorgehen oder vielleicht patientenspezifische Merkmale, die eine erneute Operation notwendig machen? Das A und O für die Industrie ist die Erfassung der Revisionsgründe“, so Schmitt. „Ein Register führt zu einem Benchmark der Kliniken und der Industrie. Dadurch werden auf allen Seiten bessere Leistungen erbracht“, sagte Prof. Dr. Böhler. Aus der Politik kam der zusätzliche Hinweis, die Bundesregierung hätte die Versorgungsforschungsförderung wesentlich erhöht.

Die Expertenrunde forderte außerdem eine bessere Patientenaufklärung. „Die Erwartungshaltung der Patienten ist überdimensional hoch. Das Ziel des Patienten von heute ist nicht mehr die Schmerzfreiheit, sondern sein Leben genauso weiterzuführen wie zuvor“, so Prof. Dr. Gehrke. Vor 30 Jahren wären die Hauptoperationsgründe Schmerz und Behinderung gewesen, heute erhöhe die OP auch die Lebensqualität der Menschen, sagte Prof. Dr. Forst. „Ein Kunstgelenk ist ein guter Ersatz für das wahrhaftige Gelenk, aber es bleibt eben nur ein Ersatz“ ergänzte der Sprecher des Fachbereichs Endoprothetik Michel.

Abschließend verwies Marc D. Michel darauf, dass die Endoprothetik eines der erfolgreichsten medizinischen Verfahren überhaupt sei. „Die Wiederherstellung der Mobilität ist von großer Bedeutung. Die Lebensqualität von Menschen, die ein künstliches Gelenk haben, steigt und Schmerzen lassen nach“, so Michel.

Informationen zum Thema: http://www.bvmed.de/themen/neue_technologien/Endoprothetik/

Medienkontakt:
Manfred Beeres
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E-Mail: beeres(at)bvmed.de
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