Krankenhaushygiene

MedInform-Konferenz zu Krankenhausinfektionen: "Mehr Aufklärung, mehr Problembewusstsein, mehr Fachkräfte"

In Deutschland gibt es rund eine halbe Millionen Menschen, die von Krankenhausinfektionen betroffen sind. Davon enden rund 10.000 Fälle tödlich. Zur Vermeidung dieser so genannten "nosokomialen Infektionen "(NKI) gehört unter anderem ein besseres Wissen über die wichtigsten Infektionswege, die Schaffung entsprechender Strukturen und Fachpersonals in den Krankenhäusern und eine konsequente Umsetzung und Überwachung der erforderlichen Hygienemaßnahmen. Das war das Fazit der MedInform-Konferenz "Hohe Standards in der Krankenhaushygiene" am 23. November 2010 in Berlin. Die Botschaft der Experten: "Durch ein besseres Zusammenwirken der Beteiligten, insbesondere bei der Kommunikation hygienerelevanter Informationen, können Krankenhausinfektionen weiter eingeschränkt werden."

Nach Schätzungen von Prof. Dr. Petra Gastmeier und Dr. Christine Geffers vom Hygieneinstitut der Charité treten jährlich alleine rund 225.000 postoperative Wundinfektionen und 158.000 Harnwegsinfektionen auf. Defizite gibt es bei der Umsetzung der Regeln und Erkenntnisse. Hier könne durch eine verbesserte Kommunikation mehr erreicht werden. Joachim Rösel von der BVMed- Arbeitsgruppe "Nosokomiale Infektionen" stellte hierzu eine neue Webseite zur Vermeidung von Krankenhausinfektionen (www.krankenhausinfektionen.info) vor. Ein weiteres Defizit gibt es auf der Fachkräfteseite: die Ausbildung der Hygienefachkräfte müsste verbessert und die Zahl erhöht werden, so die Experten. Hier benötige man bundeseinheitliche Vorschriften, um die Hygienefachkräfte in ausreichender Zahl an der richtigen Stelle zu haben. Gleichzeit ist aber auch das Krankenhauspersonal gefordert: "Hygiene ist Standard der medizinischen Behandlung. Mangelnde Zeit darf für das Personal keine Ausrede sein", so Dr. Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Der europäische Experte Prof. Dr. Dr. Philippe Hartemann von der Universität Nancy stellte den französischen Weg vor: zentrale und straff organisierte Vorgaben und Kontrollen; Entschädigung der Patienten aus einem Fonds; Schließung von Kliniken, die gegen Vorschriften verstoßen.


Dr. Christine Geffers vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité, Berlin stellte einführend Fakten und Fallzahlen zu nosokomialen Infektionen (NKI) vor – also Infektionen, die im Krankenhaus erworben werden. Zu einer Infektion tragen drei Faktoren bei: die Immunität des Patienten, die sich bei einem Krankenhausaufenthalt verändert, die Pathogenität des Erregers sowie die Infektiosität des Erregers. "Nur" bei 15 Prozent aller Krankenhausinfektionen stammt der Infektionserreger von einem anderen Patienten. Im Umkehrschluss heißt das: bei 85 Prozent der nosokomialen Infektionen ist der Erreger endogenen Ursprungs. Denn: der menschliche Körper ist von mehr Bakterien besiedelt als es Menschen auf der Erde gibt. 15 Prozent der NKI entstehen in einer Intensivstation, obwohl sich dort nur 3,4 Prozent der Patienten befinden. Größte Gefahrenquelle ist dabei die maschinelle Beatmung. Am häufigsten sind folgende vier Infektionsarten: Harnweginfektionen, Infektionen der unteren Atemwege, primäre Sepsis sowie die postoperative Wundinfektion. Diese vier Arten haben einen Anteil von über 80 Prozent der NKI. Insgesamt sind in Deutschland rund eine halbe Million Menschen von Krankenhausinfektionen betroffen, darunter – so Hochrechnungen für das Jahr 2008 - 225.000 postoperative Wundinfektionen, 158.000 Harnweginfektionen und 27.000 primäre Sepsis.

Christoph Huesmann, Fachkrankenpfleger für Hygiene und Infektionsprävention aus Münster, berichtete aus Sicht des Praktikers über den "Hygiene-Alltag" im Krankenhaus. Zu den Aufgaben einer Hygienefachkraft gehört die Festlegung der Soll-Hygiene, die Information der Mitarbeiter, die Freigabe von Verfahrensanweisungen, die infektiologische Auswirkungen haben könnten, Begehungen und Arbeitsbeobachtungen beispielsweise im Rahmen der "Aktion saubere Hände", standardisierte Mitarbeiterbefragungen sowie Untersuchungen und Statistiken. Es gibt Bedarfsberechungen, wann eine Hygienefachkraft erforderlich ist. Das Problem sei aber, dass es extrem wenige Ausbildungsstätten für Hygienefachkräfte gebe. Der Berufsverband spricht sich deshalb für einen Bachelor-Studiengang zur Hygienefachkraft aus. Gesetze und Verordnungen für Krankenhaushygieniker gebe es genug, Defizite liegen in der Umsetzung in der Praxis. Hier sei die Händedesinfektion ein wichtiger Baustein, "aber man darf sich auch nicht alleine darauf konzentrieren", so Huesmann. Es gebe in der Praxis oft noch Probleme und Desinteresse, aber die Situation verbessere sich insgesamt erheblich.

Prof. Dr. Dr. Philippe Hartemann von der Universität Nancy in Frankreich, zweiter Vorsitzender des wissenschaftlichen SCENIHR-Ausschusses der EU-Kommission, beleuchtete die Aufbereitung von Medizinprodukten und die Krankenhaushygiene aus europäischer Sicht. Auf den ersten Blick mögen Kosteneinsparungen durch die Aufbereitung von Einmalprodukten beachtlich erscheinen. Die Hauptsorge sei aber die Sicherheit von Anwendern. In Frankreich ist die Wiederverwendung von Einmalprodukten seit 2001 gesetzlich verboten. Einige Länder – darunter Deutschland – erlauben dagegen die Aufbereitung von Einmalprodukten und haben Leitlinien entwickelt. Professor Hartemann regte als Kompromiss an, künftig drei Kategorien für Medizinprodukte einzuführen: Einmalprodukte, Mehrwegprodukte sowie Medizinprodukte, die für eine begrenzte Anzahl an Anwendungen wiederverwendbar sind.

Zur Bekämpfung von Krankenhausinfektionen habe Frankreich bereits seit 1992 ein nationales Programm zur Infektionskontrolle – mit fünf Zentren zur Koordination und jährlichen Behördenkosten in Höhe von drei Millionen Euro. In einem ersten Schritt wurden die entsprechenden Organisations- und Kontrollstrukturen geschaffen, übergeordnet aufgehängt im Gesundheitsministerium. Es gibt nationale Richtlinien und Empfehlungen, die von einem nationalen Lenkungsausschuss erarbeitet wurden, sowie Rankings nach Indikatoren und konkrete Zielvorgaben, deren Nichterreichung zu Budgetverlusten führt. Einzelne Kliniken, die gegen Vorschriften verstoßen, können im schlimmsten Fall geschlossen werden, so wie vor kurzem die Herzchirurgie in Metz. Patienten können nach einem einfachen 5-Punkte-System von "a" bis "e" Krankenhäuser miteinander vergleichen. Zu den Erfolgen zählt Hartemann, dass 98 Prozent der Krankenhäuser eine Krankenhaushygiene-Kommission und 90 Prozent ein entsprechendes Aktionsprogramm eingerichtet haben. Auch die epidemiologischen Ergebnisse seien gut, Krankenhausinfektionen seien klar auf dem Rückzug.

Über Erfahrungen aus der Überwachung der Krankenhaushygiene berichtete Dr. Rosmarie Poldrack vom Landesamt für Gesundheit und Soziales Mecklenburg-Vorpommern in Greifswald. Alle 37 Krankenhäuser, zwei Universitätskliniken und 61 Reha-Einrichtungen werden einheitlich überwacht. In einheitlichen Zeitabständen werden hygienisch-mikrobiologische Untersuchungen durchgeführt. Bei der Strukturqualität sind durch Personalkürzungen Lücken aufgetreten, die zukünftig beseitigt werden müssten. "Diese Lücken sind auch in der Prozessqualität zu spüren", so Dr. Poldrack. Durch die hygienisch-mikrobiologischen Untersuchungen konnten technische Mängel oder Defizite in der Desinfektionsleistung von Geräten und Handlungsfehler
des Personals aufgezeigt werden. Die letzte allgemeine Überwachung nach einheitlichen Überwachungsbögen fand 2009 statt. Dazu gehörte eine Nachkontrolle im Bereich der Endoskopie, die Überwachung der Umsetzung der Händehygiene, die Begehung mindestens einer Station und der Endoskopie sowie die hygienisch-mikrobiologischen Untersuchungen. Was ist der bessere Weg, um Fortschritte zu erzählen? "Nicht Drohungen, sondern der partnerschaftliche Weg, die Überzeugungsarbeit, auch wenn es der längere Weg ist", so Dr. Poldrack.

Prof. Dr. Petra Gastmeier, Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité Berlin, behandelte den strukturellen Rahmen der NKI-Bekämpfung in Krankenhäusern und stellte die wichtigsten Präventionsmaßnahmen vor. Wichtig für die Maßnahmen zur Senkung des Infektionsrisikos sei eine gute Datengrundlage. Diese werde in Deutschland seit 1994 durch das Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) geschaffen. Erarbeitet wurden eine Referenzdatenbank, Orientierungsdaten sowie verschiedene Module, die es zulassen, Daten mit denen der anderen Krankenhäuser zu vergleichen (Mehr unter www.nrz-hygiene.de). Ziel sei es, von einem Problemerkennungssystem hin zu einem "Interventionsnetzwerk" zu kommen. Zu den vier Schlüsselempfehlungen gehören nach Gastmeier: 1. Hautdesinfektion vor Insertion und während Verbandswechsel; 2. "sterile barrier precautions" vor Insertion; 3. gutes „handling“ mit intravenösen Medikationen; 4. Händehygiene. Durch die "Aktion saubere Hände" sei ein deutlicher Anstieg des Händedesinfektion-Mittelverbrauchs feststellbar. Zu den Kosten bemerkte die Hygieneexpertin, dass ein Infektionsfall im Durchschnitt zu fünf bis sechs Tagen längeren Krankenhausaufenthalt führt. Das seien erhebliche Kosten, auf denen die Krankenhäuser seit der DRG-Einführung sitzen bleiben. Ihr Fazit: "Es gibt eine gute Evidenz der Präventionsmaßnahmen. Wir haben aber Probleme in der Umsetzung. Wir müssen diese Compliance-Barrieren überwinden, indem wir die Strukturen im Krankenhaus durch Fachpersonal schaffen, aber auch gute Daten zum Kostenrahmen erarbeiten - denn das erhöht die Compliance."

Wie können alle Beteiligten zu einer Verbesserung der Krankenhaushygiene beitragen? Joachim Rösel, Vertriebs- und Marketingleiter bei Pall Medical, stellte den Beitrag der Unternehmen vor, Bewusstsein zu stärken und Wissen zu vermehren. Die Arbeitsgruppe "Nosokomiale Infektionen" im Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) hat hierzu eine neue Internetseite zur Vermeidung von Krankenhausinfektionen gestartet. Unter www.krankenhausinfektionen.info erhalten Anwender und Gesundheitsexperten Hintergrundinformationen zu Infektionsarten und zu ihrer Prävention. Durch Visualisierung der wichtigsten Infektionswege - Gefäßkatheter-assoziierter Infektionen, Wund-, Atemwege- und Harnwegsinfektionen - soll der Dialog mit den Fachleuten über die Vermeidung von Krankenhausinfektionen angeregt werden. Ein besonderes Angebot ist das anschauliche Grafikmaterial für Präsentationen oder als Download im Rahmen von Schulungen. Die Inhalte wurden in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Petra Gastmeier und Dr. Christine Geffers vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité entwickelt. Rösel: „Die Initiative versteht sich auch als Plattform zur Sammlung und Diskussion von Lösungsmöglichkeiten und medizintechnologischen Verfahren der Infektionsvermeidung.“

In der abschließenden Podiumsdiskussion betonte Claudia Korf von der Barmer GEK, dass die Krankenkassen durch die höheren Kosten – pro Infektionsfall im Durchschnitt 5.000 Euro – sehr stark betroffen seien. Gestaltungsmöglichkeiten hätten die Krankenkassen beispielsweise durch Integrierte Versorgungsverträge. Als Beispiel nannte sie IV-Verträge zur Endoprothetik, die bestimmte Hygienevorgaben festschreiben, um Vertragspartner zu werden. Ihr Appell an die Krankenhäuser: "Investitionen in die Infektionsbekämpfung lohnen sich."

Das betonte auch Dr. Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und dem Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Vivantes-Kliniken Berlin. Bislang vernachlässigt wurden die Folgekosten, beispielsweise durch ambutierte Gliedmaßen oder Berufsunfähigkeit. Es gebe große Anstrengungen zur Verringerung der Zahl der Verkehrstoten. Das müsse auch im Bereich der Krankenhausinfektionen möglich sein. Es fehle in Deutschland generell an Hygienebewusstsein: "vom Chefarzt bis zur Krankenschwester", so Zastrow.

Moderiert wurde die Veranstaltung von dem Fachjournalisten und Publizisten Dr. Uwe Preusker.

Hinweis an die Medien: Druckfähiges Bildmaterial zur Veranstaltung kann im Internet heruntergeladen werden: www.bvmed.de (Bilderpool – Veranstaltungen)

Medienkontakt:
Manfred Beeres
Leiter Kommunikation/Pressesprecher
Tel: 030 246 255-20
E-Mail: beeres@bvmed.de
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