Forschung & Entwicklung

BVMed startet Reportage-Serie: "Blick hinter die Kulissen der MedTech-Produktentwicklung"

Teil 1: Otto Bock-Entwicklungschef Dr. Hans Dietl

Der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) hat eine fünfteilige Reportageserie zur Medizinprodukteentwicklung "von der Idee bis zum Patienten" gestartet. Porträtiert werden Verantwortliche aus verschiedenen BVMed-Unternehmen aus den Bereichen Forschung & Entwicklung, Klinische Studien, Zulassung, Qualitätssicherung und Marktbeobachtung. "Mit dem Blick hinter die Kulissen der MedTech-Produktentwicklung wollen wir die Motivation der Menschen in der Branche und die vielfältigen Anstrengungen der Unternehmen für eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung aufzeigen", so BVMed-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Joachim M. Schmitt. Im ersten Teil der Serie, die in Kooperation mit dem Medizintechnikportal medtech-zwo.de realisiert wurde, geht es um Dr. Hans Dietl, Entwicklungschef bei Otto Bock HealthCare. Die Artikel sind abrufbar unter www.bvmed.de/reportagen.

Schon seit Jahrzehnten arbeitet Dr. Hans Dietl daran, dass Prothesen dem natürlichen Vorbild immer näher kommen. Als Geschäftsführer für Forschung und Entwicklung bei der Otto Bock HealthCare ist er dafür verantwortlich, neue Technologien dort einzusetzen, wo sie Produkte besser und sicherer machen. Das Unternehmen steht beispielhaft für die hohe Innovationskraft der vielen familiengeführten Medizintechnik-Unternehmen in Deutschland.

Wegen der vergleichsweise geringen Fallzahlen war und ist die Prothetik noch stärker als andere Medizintechnik-Sparten sehr handwerklich geprägt. "Als ich vor 28 Jahren im Unternehmen anfing, war ich der erste akademische Entwicklungsingenieur", erinnert sich Dietl, der schon als 13-Jähriger ein Schweißgerät in den Händen hielt und in seiner eigenen Werkstatt zuhause immer noch selbst an neuen Ideen tüftelt. Eine seiner ersten Entwicklungen bei Otto Bock – eine Prothese für Kinderhände – ist noch heute in der Produktausstellung in der Eingangshalle der Deutschlandzentrale neben anderen Meilensteinen der Firmengeschichte zu sehen.

Dietl kam ins Unternehmen, als die ersten sogenannten myo-elektrischen Systeme für die obere Extremität, die Verbindungen zwischen Elektronik und Nerven herstellen, zur Standardversorgung wurden. "Elektroden auf der Haut messen hier die elektrischen Impulse, die der Armmuskel erzeugt, wenn er angespannt wird. Diese Impulse werden über die Elektronik an die Motoren weitergeleitet und bewegen die Finger", erläutert Dietl. Diese Art von integrierter Mechatronik, aber auch die Entwicklung von elektronisch gesteuerten Beinprothesen, hat Dietl bei Otto Bock maßgeblich vorangetrieben.

Schon in der Forschungsphase stehen Qualität und Patientensicherheit ganz oben auf der Agenda. Bereits Prototypen müssen ihre Zuverlässigkeit und Sicherheit in Belastungs- und Überlastungstests beweisen. Neue Prothesenfüße absolvieren im Gangsimulator nicht nur rund drei Millionen Schritte – soviel wie ein Mensch durchschnittlich in fünf Jahren schafft –, sondern sollten auch Temperaturen von minus 15 bis plus 65 Grad sowie einer Körpermasse von bis zu 130 Kilogramm standhalten.

Bis aus einer Idee ein echtes Produkt wird, vergehen viele Monate, manchmal Jahre. Nicht zuletzt aufgrund der Kosten, die meist bis in die Millionen Euro gehen, werden Neuentwicklungen intern stets hinterfragt. Der Innovationsprozess ist in drei Phasen strukturiert: Idee, Forschung und Entwicklung. "Wir wollen von Anfang an eine hohe klinische Evidenz. Wenn ich später in die Zulassung und Erstattung will, muss ich hier die Nase vorn haben", betont der Forschungschef. Seit acht Jahren leistet sich Otto Bock eine eigene Clinical Research Abteilung, die an die F&E-Abteilungen angedockt ist. Sie konzipiert das Design von mono- und multizentrischen Studien und führt sie mit externen Partnern durch. Auch Produkte, für die klinische Studien nicht verpflichtend sind, werden hier unter die Lupe genommen. Bis zu 20 Studien laufen mitunter parallel.

Angesichts des immensen technischen Fortschritts, in der Digitalisierung oder bei Materialien, sind inzwischen auch neue Blickwinkel gefragt. Mit dem Open Innovation Space, den Otto Bock im Mai 2015 in Berlin eröffnet hat, soll das gelingen. Jeder – ob von außen oder aus dem Unternehmen – kann sich in der offenen Werkstatt ausprobieren. "Es ist ein Versuch, den internen, regulierten Kreativitätsprozess aufzubrechen", sagt Dietl und freut sich schon auf den ersten Termin, den er selbst im Open Innovation Space am 3D-Drucker verbringen kann.

Alle Artikel und Materialien zur BVMed-Reportageserie "Von der Idee zum Patienten" sind abrufbar unter www.bvmed.de/reportagen.
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