Arztpraxis

BVMed-Konferenz zum medizinischen Sachkostenbedarf in der vertragsärztlichen Vergütung: „Sachkostenpauschalen liegen im Trend“ / Unternehmen wollen in die Verfahren eingebunden werden

Der neue EBM ab 2005 und die Einführung von Regelleistungsvolumina, die das Kopfpauschalensystem ablösen, ab 2007 werden die ambulante vertragsärztliche Versorgung tiefgreifend verändern. Darin waren sich die Experten der BVMed-Sonderveranstaltung „Ambulante Versorgung - Der medizinische Sachkostenbedarf in der zukünftigen vertragsärztlichen Vergütungsstruktur“ am 16. Juni 2004 in Berlin einig. Unklar bleibt, wie die Vergütung der medizinischen Sachkosten – vom Verbandmittel und Nahtmaterial bis hin zum Herzkatheter oder den Dialysesachkosten – künftig geregelt wird. „Die Pauschalierung bei leistungsbezogenen Sachkosten liegt im Trend und wird durch die morbiditätsbezogenen Regelleistungsvolumina verstärkt“, so Martin Schneider vom VdAK. Die Lösung über Kostenpauschalen favorisiert auch KBV-Hauptgeschäftsführer Dr. Andreas Köhler.

BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt betonte die Bedeutung der Frage, wie künftig die Qualität der Versorgung mit Medizinprodukten im vertragsärztlichen Bereich sichergestellt werden solle. KBV-Chef Köhler und VdAK-Vertreter Schneider verwiesen dabei auf die „Arbeitsgemeinschaft Sachkosten“, die ein „Kompetenzzentrum“ für Sachkosten auf der Ebene der Selbstverwaltung sein solle, wenn die Sachkostenpauschalen kommen würden. In diesem Gremium sollten dann auch Innovationen evaluiert werden. Köhler: „Wir wollen Innovationen nicht verhindern. Aber es muss nicht alles eingesetzt werden. Wir wollen die Patientengelder auf richtige Innovationen richten.“ BVMed-Vorstandsmitglied Dr. Friedhelm Bartels forderte die Partner der Selbstverwaltung auf, in den Verfahren sicherzustellen, dass die Unternehmen der Medizintechnologie angehört und eingebunden werden.

Christian Leber vom Bundesgesundheitsministerium führte in die geplanten Änderungen der vertragsärztlichen Vergütung ein, die parallel zu den tiefgreifenden strukturellen Veränderungen durch das Gesundheitsreformgesetz (GMG) erfolge. Ein Hauptpunkt der Reform sei die Ablösung der Honorarbudgets durch Vereinbarungen über feste Leistungsmengen und Punktwerte. Der Behandlungsbedarf der Versicherten soll als primärer Vergütungsmaßstab etabliert werden, „damit das Geld der Leistung folgt“. Der dritte Kernpunkt ist die gemeinsame Entwicklung und Umsetzung durch die Selbstverwaltung. Der Zeitplan sei dabei sehr eng, da das System „bereits 2007 funktionieren soll“, so Leber. Mit der Reform wolle man einen effizienzsteigernden Vertrags- und Versorgungswettbewerb anstoßen, um die Sektorgrenzen zu überwinden und Monopole aufzubrechen. In der Vorphase der Reform müsse der Einheitliche Bewertungsmaßstab (EBM) zum Jahr 2005 und die Gesamtvergütung von der Krankenkasse an die KVen bis 2006 geregelt werden. Dem Bewertungsausschuss obliege das Verfahren zur Bestimmung der Morbiditätsstruktur, des Behandlungsbedarfs und zur Aufteilung auf Arztgruppen bis Mitte 2005. Die morbiditätsbezogenen Regelleistungsvolumina sollen im Jahr 2006 erprobt werden. Der medizinische Praxisbedarf werde vom Gesetzgeber „nicht explizit geregelt“. Hier sei ein weiter Gestaltungsspielraum für die Selbstverwaltung in den Gesamtverträgen und dem EBM vorhanden. Wichtig seien die Abgrenzung zur Einzelverordnung sowie die Aspekte Wirtschaftlichkeit, Qualität und Transparenz.

Den Stand der Verhandlungen mit den Krankenkassen zur Vergütung der Sachkosten stellte Dr. Andreas Köhler, Hauptgeschäftsführer der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), dar. Derzeit gebe es noch keinen Beschluss, wie die Sachkosten künftig erstattet werden. Die KBV wollte im Rahmen der EBM-Reform ein umfangreiches Sachkostenpaket in einem Kapitel 40 mit den Krankenkassen vereinbaren. Das „Gesamtpaket“ beinhalte

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die Aufnahme einer Regelung zur Abrechnung von Kosten in der vertragsärztlichen Praxis in den Bundesmantelvertrag,



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die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft mit den Kassen, die Kostenpauschalen überprüfen und dann auch Innovationen beurteilen würden,



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die Abgabe einer gemeinsamen Bundesempfehlung sowie



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die Definition der Inhalte eines Kapitels 40 (Kostenpauschalen), das die Kosten der jeweiligen Produkte einschließlich Beschaffung, Lagerung, Materialverwaltung, Abfallbeseitigung und Entsorgung enthalte.



Nach 74 Verhandlungsrunden sei der AOK-Bundesverband im März 2004 aus dem Gesamtpaket ausgestiegen. Zwei Wege seien nun denkbar, so Köhler. Zum einen werde derzeit mit den Kassen ein „Kapitel U“ zum EBM verhandelt, das den Sachkostenbedarf in die Punktwerte hineinrechne. Zum anderen sei bei einzelnen Kassenarten weiter das Interesse vorhanden, das Gesamtpaket umzusetzen, so dass diese Verhandlungen im Juni 2004 fortgesetzt werden. Köhler: „Derzeit ist völlig offen, was am 1. Januar 2005 kommt, das Gesamtpaket, eine AOK-Lösung oder das Gesamtpaket mit den Ersatzkassen und BKKen, aber ohne die AOKen.“ Zur Sicherstellung von Transparenz und Kostencontrolling verfolge die KBV das Ziel der Vereinheitlichung von Kostenpauschalen. Der Vertragsärzte oder Gruppen von Vertragsärzten können dann Preise verhandeln. Dies schaffe Transparenz, erschließe Wirtschaftlichkeitspotentiale und entkriminalisiere die Vertragsärzteschaft durch die Schaffung von Pauschalen.

Martin Schneider, Referatsleiter beim Verband der Angestellten Krankenkassen/Arbeiter-Ersatzkassen-Verband (VdAK/AEV), stellte Trends für die Vergütung der Sachkosten aus Kassensicht dar. Derzeit gebe es aufgrund der Vielschichtigkeit der Vergütungsstrukturen „keine validen Zahlen zum Bereich der Sachkosten“. Hier werde sich der Trend zur arzt- und/oder leistungsbezogenen Pauschalierung verstärken. Ziel der Kassen sei es, die Abrechnungs- und Kostentransparenz zu verbessern und ein gemeinsames Beschaffungsmanagement auf GKV-Ebene zu etablieren. Grundsatz der neuen „Vergütungssysteme“ sei: „soviel Pauschalierung wie möglich“. Pauschalen müssten dabei unter dem Grundsatz der Wirtschaftlichkeit festgelegt werden und spezifische Marktsituationen berücksichtigen, so Schneider. Die Evaluierung von Qualität und Wirtschaftlichkeit müsste ein Expertengremium aus Kassen und Ärzteverbände vornehmen. In einer solchen „Arbeitsgemeinschaft Sachkosten“ der Selbstverwaltung müsse die Qualität der Versorgung sichergestellt werden. Bei den Beschaffungswegen des medizinischen Sachkostenbedarfs sieht Schneider die Tendenz zu „direkten“ Vertriebswegen sowie E-Commerce. Jedes Glied der Handelskette müsse kritisch überprüft werden, da die Beschaffungswege unter höherem ökonomischem Druck stehen.

Die Sicherstellung der medizinischen Versorgung durch den Vertragsarzt thematisierte Dr. Andreas Rüggeberg, Präsident der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände (GFB). Das GMG, der neue EBM, aber auch das veränderte Berufsrecht und der stärkere Wettbewerb sorgen für dramatisch veränderte Bedingungen für die Ärzte. „Diese neuen Wettbewerbsoptionen in allen Richtungen verlangen vom Arzt unternehmerisches Denken.“ Diagnostik und Therapie, Patientenbetreuung, Wirtschaftlichkeit und Gewinnsituation müssten optimiert werden. Im Zusammenspiel mit den Krankenhäusern sei die Übernahme des ambulanten Spektrums durch freiberufliche Subunternehmer sowie die Einbeziehung der Klinikärzte in die Praxen der Niedergelassenen sinnvoll. Wie sehen die künftigen Strukturen aus? Einzelpraxen werden „nur mit Mühe überleben“. Die Zukunft liege in wirtschaftlichen Zusammenschlüssen, so Rüggeberg: „Es fragt sich nur, wer mit wem und unter wessen Regie?“

Hinweis an die Medien: Digitale Bilder zur Veranstaltung können im Internet unter www.bvmed.de (Bilder - Veranstaltungen) abgerufen werden. Hochauflösende 300 dpi-Bilder können bei der BVMed-Pressestelle telefonisch (Tel. 030 – 246 255-20) oder per E-Mail (beeres@bvmed.de) bestellt werden.
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