Gesundheitspolitik

BVMed-Herbstumfrage: 5,3 Prozent Umsatzwachstum in 2011 „Medizintechnik-Branche bleibt Wachstums- und Jobmotor“



MedTech-Unternehmen fordern auf dem BVMed-Medienseminar in Berlin Entbürokratisierung und Beschleunigung der Entscheidungsprozesse.

Die Unternehmen der Medizintechnologie verzeichnen 2011 ein Umsatzwachstum von 5,3 Prozent. Sie bleiben innovations- und wachstumsstark und schaffen weiter neue Arbeitsplätze. Das ist das Fazit der Herbstumfrage 2011 des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed), an der sich 117 Mitgliedsunternehmen beteiligt haben. Der BVMed stellte die Umfrageergebnisse auf seinem 12. Medienseminar zur aktuellen Lage der Medizintechnik in Deutschland am 2. November 2011 in Berlin vor.



„Die wirtschaftliche Entwicklung der Branche ist weiter relativ stabil. Knapp 80 Prozent der befragten MedTech-Unternehmen rechnen in diesem Jahr mit einem besseren Umsatzergebnis als 2010. Das ist überwiegend geprägt ducrh Exportzuwächse”, so BVMed-Geschäftsführer und Vorstandsmitglied Joachim M. Schmitt. Die Kostenseite der Medizinproduktehersteller entwickelt sich dagegen weniger erfreulich – vor allem verursacht durch weiter gestiegene Rohstoffpreise und stark steigendeTransportkosten. Außerdem geraten die Unternehmen zunehmend durch Außenstände unter Druck. „Die Gewinnsituation hat sich verschlechtert“, so Schmitt. Der Ausblick der Unternehmen auf das Jahr 2012 fällt dennoch vorsichtig optimistisch aus. 46 Prozent erwarten ein besseres Gewinnergebnis als in diesem Jahr. 15 Prozent erwarten zurückgehende Gewinne.

Der Gesamtumsatz der produzierenden Medizintechnikunternehmen lag in Deutschland nach Angaben der offiziellen Wirtschaftsstatistik im Jahr 2010 bei 20 Milliarden Euro.

Neue Arbeitsplätze und viele offene Stellen

Bei Betrachtung der Arbeitsmarktentwicklung bleibt die Medizintechnik-Branche ein Jobmotor. 50 Prozent der befragten Unternehmen haben gegenüber dem Vorjahr neue Arbeitsplätze geschaffen. Bei 35 Prozent blieb die Beschäftigtenzahl stabil. Nur elf Prozent haben gegenüber dem Vorjahr Personal abgebaut. Hochgerechnet auf die BVMed-Mitgliedsunternehmen haben die Verbandsmitglieder insgesamt rund 3.000 neue Arbeitsplätze gegenüber dem Vorjahr geschaffen.

Schmitt: „Damit leistet die MedTech-Branche nicht nur einen hervorragenden Beitrag zur Gesundheitswirtschaft, sondern ist auch ein Hoffnungsträger für den deutschen Arbeitsmarkt.“

Insgesamt beschäftigt die Branche in Deutschland über 175.000 Menschen. Im Durchschnitt investieren die forschenden MedTech-Unternehmen rund neun Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die deutschen Medizintechnikhersteller mit Produkten, die nicht älter als drei Jahre sind.

Standort Deutschland wird positiv bewertet

Der Standort Deutschland wird von den MedTech-Unternehmen nach wie vor überwiegend positiv beurteilt. 60 Prozent sehen ein hohes Versorgungsniveau der Patienten. Als große Stärken werden weiterhin genannt: eine gute Infrastruktur (58 Prozent), die schnelle Marktzulassung (47 Prozent), gut ausgebildete Ärzte (44 Prozent) sowie ein hoher Standard der klinischen Forschung (42 Prozent). Schwächen sehen die Unternehmen dagegen im Erstattungsbereich. 59 Prozent beklagen den zunehmenden Preisdruck durch Einkaufsgemeinschaften, 52 Prozent ein insgesamt zu niedriges Erstattungsniveau in Deutschland. Knapp 50 Prozent der Unternehmen kritisieren eine innovationsfeindliche Politik der Krankenkassen. Ein immer wichtigerer Aspekt wird der zunehmende Fachkräftemangel.

Bei den gesundheitspolitischen Forderungen steht das Thema „Entbürokratisierung und Beschleunigung der Entscheidungswege“ nach wie vor im Vordergrund (52 Prozent). Das geht vor allem in Richtung Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Ein Viertel der Unternehmen spricht sich für eine Reform der Selbstverwaltungsorgane aus. Weitere Forderungen der Unternehmen betreffen die Wahlfreiheit der Versicherten bei ihrem Hilfsmittel-Leistungserbringer (34 Prozent), die Einführung von Mehrkostenregelungen(32 Prozent) oder die Möglichkeit von Kostenerstattung im Einzelfall (31 Prozent).

Gemeinsamer Strategieprozess

Positiv bewertet der BVMed, dass die Bundesregierung einen ressortübergreifenden Strategieprozess Medizintechnik unter Einbeziehung von Wirtschafts-, Forschungs- und Gesundheitsministerium gestartet hat. Ziel ist es, einen Dialogprozess unter Mitwirkung aller Akteure zu organisieren, um Innovationsprozesse zu beschleunigen. „Diese übergreifende und koordinierte Zusammenarbeit der Ministerien muss weiter vorangetrieben werden. Denn das bietet die Chance, zu einer stärkeren gesamtwirtschaftlichen Betrachtung der Leistungen der Medizintechnologiebranche zu kommen“, so Schmitt. Denn: „Innovative Medizintechnologien können neben den Vorteilen für die Patienten auch für Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen im Gesundheitssystem sorgen.“

Ein Beleg dazu liefert die Studie „Innovationsimpulse der Gesundheitswirtschaft“ des Wirtschaftsministeriums vom Frühjahr 2011. Sie zeigt auf, dass durch Innovationen der Gesundheitswirtschaft und medizintechnischen Fortschritt in den letzten Jahren volkswirtschaftliche Einsparungen in Höhe von 22 Milliarden Euro erzielt wurden.

Versorgungsstrukturgesetz: zwei kritische Punkte

Zum aktuell diskutierten Versorgungsstrukturgesetz merkte BVMed-Geschäftsführer Schmitt zwei kritische Punkte an:

1. Das Versorgungsstrukturgesetz soll eigentlich den Zugang zu Innovationen verbessern. Der Gesetzentwurf konterkariert dies aber mit der vorgesehenen Erprobungsregelung für MedTech-Innovationen. Wir sehen die Gefahr, dass dadurch die Einführung von medizintechnischen Innovationen verlangsamt und verringert wird. Wir setzen uns für eine sachgerechte Nutzenbewertung ein, die nach Risikoklasse und Modifikationsgrad differenziert. Damit wäre bei Neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (NUBs) klar: Wo brauchen wir randomisierte kontrollierte Studien? Wo sind klinische Daten erforderlich? Wo sind andere Daten ausreichend?

2. Wir sehen die Gefahr, dass die Expertise der Industrie bei der Verfahrensordnung des G-BA trotz der neuen Regelung weiter außen vor bleibt. Wir setzen uns deshalb für eine Soll- statt Kann-Bestimmung im Gesetz ein. Unsere klare Botschaft: Die Beteiligung der Medizintechnologie an den G-BA-Prozessen ist ein „Muss“.

Das politische Fazit: „Es gibt viele gute Ansätze der Innovationsförderung, aber es fehlt weiterhin an einer sinnvollen Vernetzung. Zwischen der Forschungsförderung und dem Marktzugang klafft eine breite Lücke. Unser Ziel bleibt, dass der Zugang der Patienten zu medizintechnischen Innovationen schnell und flexibel ermöglicht wird.“

Schwerpunktthema „Medizintechnologien der Zukunft“

Schwerpunktthema des BVMed-Medienseminars waren „Medizintechnologien der Zukunft“. Hierzu gabe es drei „Zukunftsblicke“:

> Intelligente Implantate: Dr. Hans-Jürgen Wildau, Biotronik
> OP der Zukunft: Dr. Dieter Engel, Maquet
> Herz- und Gefäßerkrankungen: Peter E. Albrecht, Boston Scientific

Dr. Hans-Jürgen Wildau, Vice President Health Services bei Biotronik, führte in die künftige Welt der “intelligenten Implantate“ ein. In der Medizintechnik nehmen Implantate einen immer größeren Stellenwert ein. Sie unterstützen die Funktion der Sinnesorgane, dienen als künstliches Ersatzteil, helfen akute und chronische Krankheiten zu behandeln, haben sogar lebensschützende Funktionen und werden bei ganzen neuen Diagnostikmethoden eingesetzt. Die Erwartungen an die Miniaturisierung und Langzeitstabilität steigen mit jeder neuen Produktgeneration. Und auch die „Dienstleistung“ des Implantates muss immer intelligenter werden, um die Behandlungserfolge und damit die Lebensqualität der Patienten zu steigern. Das BMBF hat zur Erforschung dieser vielfältigen Anforderungen einen Förderschwerpunkt "Intelligente Implantate" ins Leben gerufen und anhand von zwölf konkreten Aufgabenstellungen insgesamt über 40 Unternehmen und Forschungseinrichtungen in die Förderung eingeschlossen. Wildau, der Vorsitzender des Beirates der Forschungsverbünde im BMBF-Projekt ist, gab einen Überblick über die Projekte und vertiefte ein Beispiel aus der Herzschrittmachertherapie.

Dr. Dieter Engel, Vice President Research & Development bei Maquet Surgical Workplace in Rastatt schilderte den “OP der Zukunft“. Die Ausgangslage: Die Zahl an chirurgischen Eingriffen wächst seit Jahren um etwa vier Prozent pro Jahr, getrieben durch den demographischen Wandel und die höhere Erwartungshaltung des Einzelnen. Dem entgegen bleibt die Zahl der Chirurgen beinahe konstant und die Budgets steigen nicht im gleichen Maße wie die Prozedurzahl. Die Verantwortlichen im OP bewegen sich daher in einem kontinuierlichen Ressourcenkonflikt. „Medizintechnische Innovationen können helfen, diesen Konflikt zu beherrschen oder mindestens zu lindern. Sie tragen bei zur besseren Nutzung der verfügbaren Ressourcen, einem besseren Ergebnis der chirurgischen Behandlung und zu einer weniger belastenden Arbeitsweise des Personals“, so Engel. Forschungen betreffen die großen Trends des digitalen Informationsmanagements und der robotergestützten Chirurgie. Die Innovationen werden nach Ansicht Engels zu einem großen Teil von den Chirurgen selbst erdacht und optimiert, da nur sie die erforderliche Nähe zum Operationsablauf haben. „Dabei müssen sie eng mit der Industrie zusammenarbeiten, die die notwendigen technischen und finanziellen Voraussetzungen hat, aber ihrerseits den Arzt als Ideengeber und Partner braucht.“ Deutschland ist für die Zusammenarbeit vergleichsweise gut geeignet durch seine Kombination aus hochrangiger chirurgischer Forschung und einer breiten industriellen Basis.

Alle Informationen zum BVMed-Medienseminar unter:
www.bvmed.de/bvmed-medienseminar-2011

Medienkontakt:
Manfred Beeres
Leiter Kommunikation/Pressesprecher
Tel: +49 30 246 255-20
E-Mail: beeres(at)bvmed.de
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