Statement von Cornelia Gröhl, BVMed-Vorstandsvorsitzende, zur MEDICA-Eröffnungs-Pressekonferenz am 14. November 2002 in Düsseldorf

„Die Hersteller von Medizintechnologien brauchen Planungssicherheit und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen!“

„Die Hersteller von Medizintechnologien brauchen Planungssicherheit und innovationsfreundliche Rahmenbedingungen!“

Statement von Cornelia Gröhl
Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed), Berlin
Vice President und General Manager Johnson & Johnson Wound Management Europe sowie Geschäftsführer der Johnson & Johnson Holding GmbH, Deutschland
zur MEDICA-Eröffnungs-Pressekonferenz
am 14. November 2002 in Düsseldorf

Anrede,

die MEDICA 2002 rückt einmal im Jahr eine Branche in das öffentliche Interesse, die ansonsten immer noch im Schatten steht: Medizinprodukte bzw. Medizintechnologien.

1. Die Bedeutung von Medizinprodukten

Oftmals wird die große Bedeutung der Medizinprodukte für die deutsche Wirtschaft und die Gesundheit der Bevölkerung nicht ausreichend gewürdigt.

Dabei sind Medizinprodukte unentbehrlich für Gesundheit und bessere Lebensqualität.

  • Neue Behandlungsmethoden der Medizintechnologiebranche und neue Therapieansätze verkürzen die Genesungszeiten der Patienten und ermöglichen es ihnen daher, schneller wieder am gesellschaftlichen und Arbeitsleben teilzuhaben.
  • Moderne Medizintechnologien sind eine Investition in die Gesundheit und Leistungsfähigkeit und der Menschen und stellen auch einen Gewinn für die Volkswirtschaft insgesamt dar.
  • Innovative Medizintechnologien müssen allen Patienten, die sie benötigen, ohne Zeitverzögerung zur Verfügung gestellt werden.


Medizinprodukte und Medizintechnologien spielen eine wichtige Rolle in allen Bereichen des deutschen Gesundheitswesens: in der Prävention, der Diagnostik, der Therapie und der Rehabilitation.

Medizinprodukte begleiten uns durch alle Lebensphasen und helfen bei den unterschiedlichsten Krankheitsbildern. Einige Beispiele:

  • Die pränatale Diagnostik sorgt bereits vor der Geburt für ein frühzeitiges Erkennen von Gesundheitsschäden, die in immer mehr Fällen sogar behandelt werden können.
  • Moderne Medizintechnologien ermöglichen Frühchen, die noch vor wenigen Jahren gestorben wären, das Überleben.
  • Ob das einfache Pflaster auf der verletzten Haut oder der Verband auf dem aufgeschlagenen Knie: Medizinprodukte sind schon früh im Bewusstsein der Kinder.
  • Künstliche Gelenke für Schulter, Knie oder Hüfte vermeiden Schmerzen und helfen, Mobilität und Vitalität wieder zu erlangen.
  • Kardiologische Produkte, wie die neuen Herzschrittmacher-Generationen und implantierbare Defibrillatoren, retten Tausende von Leben und beugen Herzversagen vor.
  • Wirkstoff-beschichtete Drahtgeflechte (Stents) halten einstmals verstopfte Gefäße dauerhaft offen.
  • Neuartige Nervenstimulationsverfahren helfen bei Parkinson oder Epilepsie.
  • "Human-Tissue-Engineering"-Techniken werden z. B. bei Verbrennungen oder Knorpelschäden angewandt, um große Teile von geschädigtem Gewebe zu ersetzen.
  • Komplexe Homecare-Dienstleistungen und –Produkte ermöglichen ärztliche Therapie und Pflege im gewohnten häuslichen Umfeld mit der gleichen Qualität wie im Krankenhaus.


Innovative Medizintechnologien lassen die Behandlung von Krankheitsbildern zu, die vor 10 oder 20 Jahren nicht behandelt werden konnten. Die Folgen sind für alle sichtbar: Die Lebenserwartung steigt kontinuierlich an. Immer mehr Menschen werden bei immer besserer Gesundheit immer älter. Das alles zeigt: Medizinprodukte sind unentbehrlich in allen Lebensphasen und allen Versorgungsbereichen unseres Gesundheitswesens.

2. Marktdaten der Medizinprodukteindustrie

Positive Unternehmensergebnisse sind die Voraussetzung für die Innovationskraft der Medizintechnologie-Branche, für die Investitionen in Forschung und Entwicklung.

Wie ist die wirtschaftliche Lage der Unternehmen der Medizinproduktebranche? Zunächst einige Marktdaten.

Die Medizinprodukteindustrie ist ein bedeutender Wirtschafts- und Arbeitsmarktfaktor. Die Hersteller von Medizinprodukten beschäftigen in Deutschland über 100.000 Menschen.

Der Weltmarkt für Medizintechnologien beträgt 2001 rund 170 Mrd. Euro. Deutschland ist nach den USA und Japan der drittgrößte Markt der Welt im Bereich der Medizinprodukte.

Das durchschnittliche Wachstum des Weltmarktes für Medizinprodukte beträgt 7 %. Dies entspricht auch dem Marktwachstum in den USA.

Das Wachstum des Marktes für Medizinprodukte und Medizintechnologien fällt in Deutschland mit rund 3,5 % sowohl im weltweiten wie im europäischen Bereich geringer aus. Dies ist nicht zuletzt auf die restriktive Budgetierungspolitik und den gestiegenen Druck auf die Preise durch die anhaltende Finanzkrise der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zurückzuführen.

Nach Schätzungen des BVMed beträgt der deutsche Gesamt-Inlandsmarkt rund 18 Mrd. Euro. Das ist weit mehr als der Umsatz des Deutschen Handwerks, der ca. 14 Mrd. Euro beträgt.

Die geschätzte Zahl für den Gesamt-Inlandsmarkt in Höhe von 18 Mrd. Euro wird „untermauert“ durch die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Gesundheitsberichterstattung 1992-2000.

Von den 18. Mrd. Euro Gesamtausgaben im Bereich der Medizinprodukte entfallen

  • 7 Mrd. Euro auf den stationären Bereich (Sachkosten im Krankenhausbereich) sowie
  • 11 Mrd. Euro auf den ambulanten Bereich (Hilfsmittel, sonstiger medizinischer Bedarf, aber ohne Zahnersatz).


3. Die aktuelle Lage der BVMed-Mitgliedsunternehmen

Die Konzentrationsprozesse in der Medizinprodukteindustrie sind noch nicht abgeschlossen.

Trotz der Umsatzsteigerung der BVMed-Mitgliedsunternehmen im ersten Halbjahr 2002 in Höhe von rund 5,5 Prozent, die überwiegend auf Mengensteigerungen beruhen, kommt bei der Ertragssituation bei den Unternehmen keine Euphorie auf. Gründe sind u .a. der anhaltende Preisdruck und die gestiegenen Rohstoffkosten.

Die Bereiche „Implantate“ bzw. „OP-Material“ sowie Produkte zur Inkontinenz- und Stomaversorgung entwickelten sich aufgrund der weiter steigenden Krankenhaus-Fallzahlen sowie der demographischen Entwicklung positiv. Der Bereich der medizinischen Produkte für die Intensiv- und Krankenpflege entwickelte sich durchschnittlich, während der Verbandmittelbereich stagniert bzw. in Teilbereichen sogar rückläufig ist.

Für das Jahr 2003 gehen wir von weiteren Absatzsteigerungen aus, allerdings bei weiter sinkenden Preisen.

Die Einführung der Fallpauschalen im Krankenhausbereich lässt erwarten, dass der Druck auf die Preise von Medizinprodukten weiter zunehmen wird.

Dies liegt zum einen an der fortbestehenden Deckelung der Ausgaben im Krankenhausbereich, zum anderen an den zu niedrigen Bewertungsrelationen bei materialkostenintensiven Prozeduren, beispielsweise bei Operationen am Herzen oder in der Endoprothetik.

Sollte die Budgetierungspolitik fortgesetzt werden, besteht die Gefahr, dass Unternehmen bislang unentgeltlich angebotene Dienstleistungen ausgliedern müssen.

4. Der Bedarf an Gesundheitsleistungen wird weiter steigen

Die Medizinprodukte- und Medizintechnologiebranche wird ein weltweiter Wachstumsmarkt bleiben. Ich nenne drei Gründe:

  1. Der medizinisch-technische Fortschritt.
  2. Die demografische Entwicklung. Es gibt in Deutschland immer mehr immer ältere Menschen.
  3. Der Gesundheitsbegriff ist in Richtung mehr Lebensqualität erweitert worden.
Das bedeutet: Der Bedarf an Gesundheitsleistungen wird weiter steigen. Damit stellt sich gleichzeitig die Frage nach der Finanzierung des Gesundheitssystems.

Die Probleme der Gesetzlichen Krankenversicherung sind bekannt und spitzen sich weiter zu:

  • Die GKV-Einnahmen stagnieren durch die hohe Arbeitslosigkeit, den hohen Rentneranteil und die „Verschiebebahnhöfe“ zu Lasten der GKV.
  • Die GKV-Ausgaben werden weiter steigen. Die Gründe habe ich gerade genannt.


Der Handlungsdruck zur Erneuerung, Verbesserung und Zukunftssicherung des deutschen Gesundheitssystems wächst. Kostendämpfungsmaßnahmen und Budgetierungen sind keine Zukunftslösung.

Klar ist: Der medizinisch-technische Fortschritt ist mit den endlichen Mitteln eines solidarischen Finanzierungssystems heutiger Art künftig nicht leistbar. Die Rationierung von Leistungen aufgrund einer Budgetpolitik kann aber kein Konzept der Zukunft sein.

Die Politik muss zu den gesetzlich Versicherten ehrlich sein: Wenn wir innerhalb eines solidarisch finanzierten Gesundheitssystems den medizinischen Fortschritt allen Patienten zur Verfügung stellen wollen, dann muss auch allen Beteiligten bewusst sein, dass entweder die Beiträge weiter steigen werden, oder alternative Finanzierungsformen gefunden werden müssen.

Kein Gesundheitssystem der Welt – auch nicht das deutsche – kann mit begrenzten Mitteln unbegrenzte Leistungen versprechen.

Hauptziel der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens in Deutschland muss es nach Ansicht des BVMed sein, auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Ernste Krankheitsrisiken sollen auch künftig wirksam und solidarisch abgesichert werden.

Wir brauchen ein Gesundheitssystem, das

  • Anreize für die optimale Behandlung schafft,
  • den Einsatz innovativer, effizienter Medizintechnologien ohne Verzögerungen zulässt,
  • einen bestmöglichen Einsatz der existierenden Informationstechnologien für Patienten, Anwender sowie alle übrigen Gesundheitspartner gewährleistet,
  • die Eigenverantwortung der Patienten stärker einbindet und
  • alternative Finanzierungsmöglichkeiten eröffnet.


Wir benötigen neue strukturpolitische Rahmenbedingungen in der Gesundheitsbranche, die sich am medizinischen Bedarf der Bevölkerung und nicht an Budgetierungen orientieren. Dabei muss die Gesundheitsreform auf eine möglichst breite Basis gestellt werden, damit Planungssicherheit durch Kontinuität entsteht.

Der Vorschlag, die Gesundheitsreform in das Bündnis für Arbeit einzubinden oder eine „Hartz-Kommission für das Gesundheitswesen“ einzusetzen, wird deshalb von Industrie und Handel durchaus begrüßt.

5. Sieben-Punkte-Programm des BVMed für ein innovationsfreundliches Klima im deutschen Gesundheitswesen

Die MEDICA in Düsseldorf zeigt wieder eindrucksvoll: Es gibt kaum eine innovativere Branche als die Medizintechnologieindustrie. Der medizinisch-technische Fortschritt für den Patienten ist enorm. Mehr als 50 Prozent der Produkte sind weniger als drei Jahre alt.

Werden diese Innovationen auch künftig ohne Verzögerung zum Patienten gelangen? Diese Frage gilt es zu beantworten.

Derzeit bestehe die Gefahr - und in zahlreichen Einzelfällen bereits die Realität -, dass den Patienten neue Behandlungsmethoden vorenthalten werden. Zwei aktuelle Beispiele für Rationierungen sind:

  • Jedes Jahr sind in Deutschland etwa 60.000 neue Patienten von einer gefährlichen Herzrhythmusstörung betroffen. Die beste Therapie ist der implantierbare Defibrillator. Doch in der Praxis erhält nur ein Bruchteil der Patienten diese innovative Behandlung.
  • Ein weiteres Beispiel sind die Hirnschrittmacher zur Behandlung der Parkinsonschen Krankheit. Hier gehört Deutschland zu den Schlusslichtern in Europa. Nur etwa 5 Prozent der Parkinson-Patienten in Deutschland, die von dieser Therapie profitieren könnten, erhalten eine solche Tiefenhirnstimulation.


Der BVMed tritt deshalb dafür ein, dass die derzeitigen Innovationshemmnisse wie die intransparente Entscheidungspraxis der Bundesausschüsse über neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden, die sektorale Budgetierung oder die derzeit fehlenden Qualitätsstandards bei Behandlungen, beseitigt werden.

Der BVMed stellt folgende sieben Punkte vor, die dazu beitragen, ein innovationsfreundliches Klima im deutschen Gesundheitssystem zu schaffen:

  1. Industrie und Handel benötigen Planungssicherheit durch Kontinuität. Wir benötigen ein langfristiges Reformkonzept, das auf eine breite Basis gestellt ist.
  2. Bei der anstehenden Gesundheitsreform darf die Frage nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten nicht länger ausgeklammert werden.
  3. Die sektorale Budgetierung muss abgeschafft werden. Sie ist innovationshemmend und führt zur Rationierung von Gesundheitsleistungen.
  4. Das neue Fallpauschalensystem im Krankenhaus muss offen für Innovationen der Medizintechnologie bleiben.
  5. Die Bewertungsrelationen im DRG-Katalog für Fallpauschalen mit hohem Sachkostenanteil müssen deutlich aufgewertet werden.
  6. Die Aufnahme neuer Medizinprodukte und Behandlungsmethoden im ambulanten Bereich – Stichwort: EBM-Katalog und Hilfsmittelverzeichnis - muss deutlich entbürokratisiert und beschleunigt werden.
  7. Die Entscheidungspraxis der Bundesausschüsse über neue Untersuchungs- und Behandlungsmethoden muss transparenter und beschleunigt werden.
Warum ist ein innovationsfreundliches Klima so wichtig? Weil wir nur dann in Forschung und Entwicklung investieren und gemeinsam mit Ärzten und Wissenschaftlern innovative Behandlungsmethoden entwickeln können, die Leben retten, Gesundheit erhalten und die Lebensqualität verbessern.

Vielen Dank.

Link: Pressetext zur Rede

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