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2003-03: Innovative Medizintechnologien sorgen für eine verbesserte Patientenversorgung und Wirtschaftlichkeit

Gastbeitrag für den Wirtschaftskurier, März 2003, Sonderthema Medizintechnik, von Joachim M. Schmitt, Geschäftsführer BVMed – Bundesverband Medizintechnologie

Es gibt kaum eine innovativere Branche als die Medizintechnologieindustrie. Der medizinisch-technische Fortschritt für den Patienten ist enorm. Mehr als 50 Prozent der Produkte sind weniger als drei Jahre alt. Medizintechnologien erhalten die Gesundheit, stellen Mobilität und Vitalität wieder her, retten Leben. Neue Schrittmachertechniken helfen dem Herzen auf die Sprünge. Implantierbare Defibrillatoren retten vor dem plötzlichen Herztod. Durch Augen- und Ohrimplantate gewinnt man die Sinneskräfte zurück. Künstliche Hüft-, Knie- oder Schultergelenke ermöglichen wieder ein schmerzfreies und mobiles Leben. Biotechnologien sorgen für Gewebe- oder gar Organersatz.

Die Medizintechnologiebranche ist ein weltweiter Wachstumsmarkt. Der medizinisch-technische Fortschritt, die demographische Entwicklung mit immer mehr älteren Menschen und der erweiterte Gesundheitsbegriff werden dafür sorgen, dass dies auch so bleiben wird. Der Bedarf an Gesundheitsleistungen wird weiter steigen.
Der Weltmarkt für Medizintechnologien betrug im Jahr 2001 rund 170 Mrd. Euro. Das durchschnittliche Wachstum des Weltmarktes für Medizinprodukte betrug 7 Prozent. Das deutsche Branchenwachstum lag zuletzt zwischen 4 und 5 Prozent. Deutschland ist mit einem Inlandsmarkt von rund 18 Mrd. Euro nach den USA und Japan der drittgrößte Markt für Medizinprodukte der Welt.

Dabei entfallen rund 7 Mrd. Euro auf den stationären Bereich (Sachkosten im Krankenhausbereich) sowie 11 Mrd. Euro auf den ambulanten Bereich (Hilfsmittel, sonstiger medizinischer Bedarf, ohne Zahnersatz). 18 Mrd. Euro Inlandsumsatz mit Medizinprodukten: Das ist weit mehr als der Umsatz des deutschen Handwerks, der bei ca. 14 Mrd. Euro liegt.

Medizinprodukte reichen dabei vom einfachen Pflaster bis zum künstlichen Organ, vom Fieberthermometer bis zum Kernspintomographen, von der Hörhilfe bis zum Herzschrittmacher. Sie unterscheiden sich von Arzneimitteln darin, dass sie keine pharmakologische Wirkung haben, sondern vorwiegend physikalisch wirken. Das alles zeigt: Die Medizinprodukteindustrie ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Die Hersteller von Medizinprodukten beschäftigen in Deutschland über 100.000 Menschen. Und die Bedeutung der Medizintechnologien in der deutschen Gesundheitsversorgung wird durch innovative Verfahren weiter zunehmen.

Die steigende Nachfrage nach Gesundheitsleistungen wirft zwangsläufig die Frage nach der Finanzierung unseres Gesundheitssystems auf. Dabei wird oftmals in der öffentlichen Diskussion unterstellt, dass innovative Verfahren und Therapien gleichbedeutend sind mit steigenden Kosten. Dies ist eine einseitige und in vielen Fällen unrichtige Sichtweise. Zahlreiche innovative Medizintechnologien leiten eine neue Gesundheitsökonomie mit verbesserter Qualität der Gesundheitsversorgung bei gleichzeitig niedrigeren Ausgaben ein. So führen beispielsweise minimalinvasive Verfahren zu einer Verringerung der Liegezeiten im Krankenhaus und damit zu einer wirtschaftlicheren und bessern Versorgung der Patienten, die ihre Leistungskraft schneller wieder erlangen.

Einige Beispiele für die Wirtschaftlichkeit innovativer Medizintechnologien:

BVMEDEA1. Durch den konsequenten Einsatz von modernen, feuchten Wundversorgungsmethoden könnten über eine Mrd. Euro gegenüber der herkömmlichen trockenen Wundbehandlung eingespart werden. Moderne Wundversorgungsprodukte führen zu einer Beschleunigung des Wundheilungsprozesses der vier Millionen Betroffenen, zu einer Verringerung der Wundinfektionen sowie zu einer geringeren Zahl an Verbandwechsel im Versorgungszeitraum.BVMEDEEBVMEDEA2. Patienten mit schwersten chronischen Schmerzen steht mit Medikamentenpumpen und Rückenmarkstimulationssystemen eine langfristig kostengünstigere Behandlungsmöglichkeit als bisher zur Verfügung. Nach einer Untersuchung der Universität Freiburg sind die ärztlichen Behandlungskosten von 40 Schmerzpatienten mit implantierter Medikamentenpumpe über einen Zeitraum von vier Jahren pro Patient um 81 Prozent, die Arzneikosten sogar um 86 Prozent gesunken. BVMEDEEBVMEDEA3. Die Sterblichkeit bei Herzkrankheiten ist in den letzten beiden Jahrzehnten Dank moderner Medizintechnologien um 40 % gefallen. Gleichzeitig hat die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus stark abgenommen, die Behandlungszeiten sind viel kürzer und die Rekonvaleszenzzeiten sind erheblich zurück gegangen.BVMEDEEBVMEDEA4. Angioplastische und andere minimalinvasive Herzoperationen haben die Notwendigkeit risikoreicher, teurerer Bypassoperationen reduziert. Eine Angioplastie-Operation kostet rund ein Drittel des Preises für eine Operation am offenen Herzen. Die Patienten können das Krankenhaus nach einem anstatt nach fünf bis sechs Tagen verlassen. Die Genesung dauert nur eine Woche anstatt vier bis sechs Wochen nach einer Bypass-Operation.BVMEDEEBVMEDEA5. Fortschritte bei Medizintechnologien spielen eine wesentliche Rolle beim Rückgang von Invalidität und tragen damit zur Vermeidung von Pflegekosten bei. Als Ergebnis neuer Technologien wie z. B. faltbare Intraokularlinsen können jetzt mehr Menschen mit Katarakten effektiver behandelt werden, bei weniger Komplikationen und niedrigeren Kosten. Kataraktpatienten verbrachten früher einen ganzen Tag ruhiggestellt im Krankenhaus und mehrere Tage zur Erholung zu Hause. Heutzutage kann dies ambulant behandelt werden. Als Ergebnis sind die Gesundheitsausgaben pro Patient deutlich gefallen.BVMEDEE

Deutschland braucht deshalb innovationsfreundliche Rahmenbedingungen, damit neue Behandlungsmethoden und Produkte entwickelt werden können. Innovationen in der Medizintechnologie müssen stärker gefördert und schneller in die Leistungskataloge der Krankenkassen aufgenommen werden.

Ziel muss es nach Ansicht des Bundesverbands Medizintechnologien (BVMed) sein, medizintechnische Innovationen allen Patienten, die sie benötigen, ohne Verzögerung zur Verfügung zu stellen. Durch die anstehende Gesundheitsreform muss auch in Zukunft eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung der Bevölkerung gewährleistet werden. Ernste Krankheitsrisiken sollen auch künftig wirksam und solidarisch abgesichert werden. Alle Beteiligten im Gesundheitswesen müssen sich zusammentun, um ein modernes Gesundheitssystem zu schaffen, das Anreize für die optimale Behandlung schafft, den Einsatz innovativer, effizienter Medizintechnologien ohne Verzögerungen zulässt und einen bestmöglichen Einsatz der existierenden Informationstechnologien für Patienten, Anwender sowie alle übrigen Gesundheitspartner gewährleistet.

Zum Autor:
Joachim M. Schmitt ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) und Geschäftsführer von MedInform – dem Seminar- und Informations-Service Medizintechnologie mit Sitz in Berlin.
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