Medizinprodukteindustrie

Ergebnisse der BVMed-Herbstumfrage 2016

Die Medizintechnik-Branche ist sehr forschungsintensiv. Im Durchschnitt investieren die MedTech-Unternehmen rund 9 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die deutschen Medizinprodukte-Hersteller mit Produkten, die nicht älter als 3 Jahre sind. Die MedTech-Branche ist also sehr innovativ und hat sehr kurze Produktzyklen.

Die Branche ist zudem sehr mittelständisch geprägt. 95 Prozent der MedTech-Unternehmen beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter. Insgesamt bieten die Unternehmen der Medizintechnologie in Deutschland fast 200.000 Menschen eine Beschäftigung. Jeder Arbeitsplatz sichert dabei zusätzlich 0,75 Arbeitsplätze in anderen Bereichen.

Die Exportquote liegt derzeit bei 68 Prozent – Tendenz steigend. All dies sind Gründe, warum die MedTech-Branche seit einigen Jahren verstärkt im Blickpunkt des Forschungs- und des Wirtschaftsministeriums steht.

Wie ist die aktuelle Lage der Medizintechnik-Branche?

Der BVMed führte bei seinen Mitgliedsunternehmen im September 2016 eine umfassende Online-Befragung mit insgesamt 26 Fragen durch. Von den angeschriebenen 229 BVMed-Mitgliedsunternehmen haben sich 81 Unternehmen beteiligt, darunter vor allem die größeren Hersteller von Medizinprodukten aus Deutschland und den USA.

An der BVMed-Umfrage nahmen zu 84 Prozent Hersteller und Vertreiber von Medizinprodukten sowie zu 16 Prozent Handelsunternehmen und Leistungserbringer aus dem Homecare-Bereich teil.

Bei den von den Unternehmen vertretenen Produktbereichen handelt es sich überwiegend um Hilfsmittel (31 Prozent), Implantate (24 Prozent), OP-Produkte bzw. OP-Sets (23 Prozent), Verbandmittel (18 Prozent) und Dienstleistungen wie Homecare (16 Prozent).

Die Unternehmen, welche sich an der Umfrage beteiligten, haben ihren Hauptsitz zu 64 Prozent in Deutschland und zu 20 Prozent in den USA. Die restlichen Unternehmen kommen aus dem europäischen Ausland (14 Prozent) und aus Japan (2 Prozent).

Die wichtigsten Ergebnisse:
  1. Die Unternehmen der Medizintechnologie sind nach wie vor sehr erfolgreich im Export. Das Wachstum liegt hier bei rund 6 Prozent. Die Entwicklung im inländischen Markt ist dagegen mit einem Umsatzwachstum von 4 Prozent leicht rückläufig.
  2. Die zunehmenden regulatorischen Hemmnisse durch langsame Entscheidungsprozesse in Deutschland und zusätzliche Anforderungen durch die europäische Medizinprodukte-Verordnung sind vor allem für die kleinen und mittelständischen Unternehmen eine große Belastung. Der seit dem Jahr 2011 erhobene Innovationsklima-Index des BVMed ist leicht rückläufig. Bemängelt wird vor allem das niedrige Niveau der Erstattungspreise in Deutschland. Als besonders innovative Indikationsbereiche werten die BVMed-Unternehmen die Kardiologie, die Onkologie und die Neurologie.
  3. Von der Gesundheitspolitik wünschen sich die MedTech-Unternehmen vor allem eine bessere gegenseitige Anerkennung von Studien im Rahmen der Nutzenbewertung von Medizintechnologien und eine Beschleunigung der Innovationseinführung.
  4. Trotz der schwierigeren Inlandssituation sorgt die Medizintechnik in Deutschland nach wie vor für zusätzliche Jobs. 66 Prozent der Unternehmen haben mehr Arbeitsplätze geschaffen, nur 7 Prozent Arbeitsplätze abgebaut. Die Berufsaussichten für den Nachwuchs bewerten 92 Prozent der Unternehmen als gut. Gesucht werden vor allem Wirtschaftswissenschaftler, Ingenieure und Medizintechniker.
  5. Nur 41 Prozent der MedTech-Unternehmen sehen sich derzeit von der Digitalisierung betroffen. Die größten Veränderungen erwarten sie bei medizinischen Apps und den elektronischen Beschaffungsmaßnahmen (eProcurement).
Die Ergebnisse im Einzelnen:

Umsatzergebnis: Deutschland und weltweit

82 Prozent der befragten MedTech-Unternehmen rechnen in diesem Jahr im deutschen Markt mit einem besseren Umsatzergebnis als 2015. Nach Jahren abgeschwächter Umsatzentwicklungen wird damit der leicht positive Trend aus dem Vorjahr aufgrund von Mengensteigerungen und neuen Behandlungsmethoden fortgesetzt. Generell ist davon auszugehen, dass die Fallzahlen in der Medizintechnik durch die demografische Entwicklung und den medizintechnischen Fortschritt in den nächsten Jahren weiter zunehmen werden.

Aus den Umsatzangaben der BVMed-Unternehmen ergibt sich im deutschen Markt ein Umsatzwachstum von 4,0 Prozent. Im Vorjahr lag dieser Wert bei 4,3 Prozent. Das Umsatzwachstum bleibt damit in Deutschland auf einem guten, wenn auch leicht rückläufigen Niveau.

Die weltweite Umsatzentwicklung ist für die Unternehmen nach wie vor besser als die Entwicklung im Inlandsmarkt. 87 Prozent der befragten MedTech-Unternehmen rechnen weltweit mit einem besseren Umsatzergebnis als im Vorjahr. Aus den Umsatzangaben ergibt sich ein weltweites Wachstum der BVMed-Unternehmen um 5,9 Prozent. Im Vorjahr waren es noch 6,8 Prozent. Die international tätigen MedTech-Unternehmen wachsen damit im Ausland deutlich stärker als in Deutschland.



Die unterschiedliche Entwicklung spiegelt sich auch beim Ausblick auf das kommende Jahr 2017 wider. Für den deutschen Markt erwarten nur 26 Prozent eine bessere Geschäftslage. 20 Prozent erwarten schlechtere Geschäfte. Der Ausblick fällt damit deutlich schlechter als im Vorjahr aus. Etwas besser sieht es beim Blick auf die weltweite Geschäftslage aus: 51 Prozent der Unternehmen erwarten hier eine bessere Entwicklung.

Stärken und Schwächen des Standorts Deutschland

Als größte Stärke des Standorts Deutschland nennen die befragten MedTech-Unternehmen die im Land vorhandene Infrastruktur, beispielsweise die Verkehrswege. 84 Prozent bezeichnen diesen Aspekt als „sehr gut“ bzw. „gut“. Auch das hohe Versorgungsniveau der Patienten (72 Prozent) und gut ausgebildete Ärzte (65 Prozent) werden gut beurteilt. Es folgen die guten Bedingungen für die Außenwirtschaft bzw. Exporte (63 Prozent) und gut ausgebildete Wissenschaftler und Ingenieure (61 Prozent). Überwiegend neutral werden die Bedingungen für die Marktzulassung und der Standard der klinischen Forschung beurteilt.



Schwächen des Standorts Deutschland sehen die Unternehmen vor allem bei den Erstattungspreisen. 60 Prozent bezeichnen das Erstattungsniveau in Deutschland als „eher schlecht“ bzw. „sehr schlecht“. Das spiegelt die Tatsache wider, dass Deutschland beispielsweise durch die Mechanismen des G-DRG-Systems weltweit die niedrigsten Preise für Implantate hat. Nur 16 Prozent bezeichnen das Niveau der Erstattungspreise in Deutschland als „gut“. Als große Schwäche werden auch die Rahmenbedingungen beim Reimbursement, beispielsweise durch sehr langwierige Entscheidungsprozesse, beurteilt (44 Prozent). Eher kritisch wird zudem die Forschungsförderung in Deutschland gesehen.

Regulatorische Hemmnisse

Als größte Hemmnisse der aktuellen Rahmenbedingungen in Deutschland werden von den MedTech-Unternehmen der Preisdruck durch Einkaufsgemeinschaften und innovationsfeindliche Einstellungen von Krankenkassen bezeichnet. 76 bzw. 74 Prozent beurteilen diese Hemmnisse als „sehr wichtig“ bzw. „eher wichtig“.



Als Belastung werden von der mittelständisch geprägten MedTech-Branche auch die Anforderungen aus der neuen europäischen Medizinprodukte-Verordnung empfunden. Dazu gehören die Pflicht zu umfassenden klinischen Daten (65 Prozent), zusätzliche Anforderungen durch das UDI-System und die EUDAMED-Datenbank (49 Prozent), das neue Scrutiny-Verfahren für Medizinprodukte höherer Klassen (47 Prozent) sowie unangekündigte Audits durch Benannte Stellen (40 Prozent).

Zu den weiteren Hemmnissen aus nationalen Regelungen gehören die Absenkung sachkostenintensiver DRG-Fallpauschalen (63 Prozent), die neue MedTech-Nutzenbewertung nach § 137h SGB V (55 Prozent), längere Zulassungszeiten durch Ressourcendefizite bei den Benannten Stellen (53 Prozent) sowie zu langsame Entscheidungen durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (53 Prozent).

Gesundheitspolitische Forderungen

Bei den gesundheitspolitischen Forderungen wünschen sich die MedTech-Unternehmen vor allem eine bessere gegenseitige Anerkennung von Studien im Rahmen der Nutzenbewertung von Medizintechnologien. 81 Prozent der Unternehmen bezeichnen diesen Aspekt als „sehr wichtig“ bzw. „eher wichtig“. Weit oben auf der gesundheitspolitischen Agenda stehen weiterhin die Beschleunigung der Innovationseinführung (77 Prozent) und die Forderung nach einer stärkeren Einbindung der Industrie in die G-BA-Prozesse (70 Prozent).



Einheitliche europäische Nutzenbewertungsverfahren wünschen sich 67 Prozent. Außerdem sollten Versorgungsforschungsdaten transparenter gemacht und stärker genutzt werden (63 Prozent). Die Einführung von Mehrkostenregelungen im Medizinproduktebereich unterstützen 61 Prozent der Unternehmen. Jeweils 60 Prozent wünschen sich Verhandlungsverträge statt Ausschreibungen im Hilfsmittelbereich sowie die Wahlfreiheit des Hilfsmittel-Leistungserbringers für den Patienten (jeweils 60 Prozent).

Innovationsklima

Auf einer Skala von 0 (sehr schlecht) bis 10 (sehr gut) bewerten die Unternehmen das Innovationsklima für Medizintechnik in Deutschland im Durchschnitt mit 4,8. Der Index 2016 ist damit gegenüber dem Vorjahr (4,9) leicht rückläufig. In den Jahren 2012 und 2013 lag er noch bei 6,2 Punkten.



Als innovativsten Forschungsbereich schätzen die Unternehmen – wie im Vorjahr – die Kardiologie ein. 48 Prozent der Befragten nennen diesen Versorgungsbereich. Es folgen Onkologie (41 Prozent), Neurologie (29 Prozent), Diagnostik (23 Prozent), Chirurgie (18 Prozent), Diabetologie (16 Prozent) und Orthopädie (11 Prozent).



Digitalisierung

41 Prozent der MedTech-Unternehmen gaben an, dass ihre Produkte und Dienstleistungen sehr stark bzw. stark von der Digitalisierung betroffen sind. Die Hälfte der Unternehmen bezeichnet sich als „kaum betroffen“.

Die größten Veränderungen erwarten die Unternehmen dabei in den Bereichen medizinischer Apps (39 Prozent), der elektronischen Beschaffungsmaßnahmen (eProcurement, 39 Prozent) sowie im Bereich Produktion/Industrie 4.0 (38 Prozent). Weitere wichtige Digitalisierungsthemen der MedTech-Branche sind elektronische Rechnungen in den Geschäftsprozessen (29 Prozent), telemedizinische Anwendungen (25 Prozent), 3D-Prototyping (21 Prozent) sowie Big-Data-Anwendungen und kognitive Systeme (20 Prozent).



Arbeitsplätze

Trotz der schwieriger werdenden Inlandssituation sorgt die Medizintechnik in Deutschland nach wie vor für zusätzliche Jobs. 66 Prozent der Unternehmen haben im Vergleich zum Vorjahr in 2016 mehr Arbeitsplätze geschaffen, nur 7 Prozent haben Arbeitsplätze abgebaut. Das sind deutlich bessere Werte als bei der letzten Herbstumfrage (51 Prozent mehr Arbeitsplätze; 11 Prozent weniger Arbeitsplätze).

Die Berufsaussichten für Fachkräfte in der MedTech-Branche bewerten 92 Prozent der Unternehmen unverändert gut bzw. besser. Gesucht werden vor allem Wirtschaftswissenschaftler (32 Prozent), Ingenieure (30 Prozent) und Medizintechniker (27 Prozent). Auch Informatiker (17 Prozent) und Mediziner (15 Prozent) werden mit ihren Qualifikationen in der MedTech-Branche nachgefragt.

85 Prozent der Unternehmen geben an, offene Stellen zu haben. Das ist gegenüber dem Vorjahr (83 Prozent) nochmals eine Steigerung. An der Spitze der offenen Stellen stehen Vertriebsmitarbeiter (57 Prozent), gefolgt vom Key Account Management (35 Prozent), Marketing und Kommunikation (30 Prozent), Forschung und Entwicklung (23 Prozent) sowie Regulatory Affairs (22 Prozent).

80 Prozent der Unternehmen haben dabei Probleme, die offenen Stellen zu besetzen (Vorjahr: 67 Prozent). Das betrifft vor allem den Vertrieb (35 Prozent), Führungskräfte im gehobenen Management (25 Prozent), das Key Account Management (25 Prozent), Regulatory Affairs (20 Prozent) und den Bereich der Klinischen Studien (17 Prozent).

Ausblick

Medizintechnologien werden stetig weiterentwickelt – unter aktiver Mitwirkung der Anwender, der Ärzte und Pflegekräfte. Die Innovationszyklen sind sehr kurz – im Gegensatz zum Arzneimittelbereich. Schrittinnovationen sind typisch für die Welt der Medizintechnologien.

Um die Innovationskraft der MedTech-Branche zu erhalten müssen wir unsere Erstattungs- und Bewertungssysteme an die Dynamik der Technologien anpassen, damit die Patienten auch in Zukunft ohne Verzögerungen am medizinischen Fortschritt teilhaben können.
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