Erstattung von Medizinprodukten

BVMed-Veranstaltung zu Innovationen in der Medizintechnologie: „Gute Chancen bis zur Marktreife, aber Probleme bei der Vermarktung in Deutschland“

25.04.2005 - 31/05

München/Berlin. Deutschland hat in den zukunftsträchtigen Innovationsfeldern der Medizintechnologie durch die große Zahl gut ausgebildeter Ärzte, Forscher und Ingenieure und durch den hohen Standard der klinischen Forschung beste Voraussetzungen, neue Produkte und Verfahren zur Marktreife zu führen. Erhebliche Defizite bestehen allerdings bei der Einführung von Innovationen in die Vergütungssysteme, so dass sie dann auch zeitnah beim Patienten ankommen. Darauf haben Experten der BVMed-Sonderveranstaltung „Innovationen in der Medizintechnologie - Wie geht's? Von der Idee über die Realisierung zur Vermarktung“ am 21. April 2005 in München hingewiesen.



„Deutschland hat durch die kürzeren Zulassungszeiten und die sehr gute und kostengünstigere klinische Forschung im Bereich der Medizintechnologien einen erheblichen Wettbewerbsvorteil gegenüber den USA. In Deutschland kostet es rund 8 bis 10 Millionen Euro, eine neue Idee zur Marktreife zu bringen. In den USA sind diese Kosten mit rund 80 Millionen Dollar wesentlich höher. Bei der Markteinführung neuer Produkte ist man aufgrund der Erstattungshemmnisse in Deutschland aber auf den US-Markt angewiesen“, sagte Thom Rasche, Finanzierungsexperte von Earlybird. Ähnlich fiel die Außensicht durch den Wissenschaftsexperten Dr. Martin Zauner aus Österreich aus. „Deutschland hat durch die Universitätskliniken und die zahlreichen Kompetenzzentren in der Medizintechnik ein großes Wissen, das aber viel besser umgesetzt werden muss“, sagte er auf der BVMed-Konferenz vor rund 120 Teilnehmern aus Industrie, Kliniken und Kassen. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Medizinjournalistin Renate Harrington.

Einen einführenden Einblick in die Innovationskraft der Medizintechnologiebranche gab BVMed-Geschäftsführer Joachim M. Schmitt. Die Medizintechnologie sei eine der innovativsten Branchen und stehe erst an der Schwelle zu einer medizintechnologischen Revolution mit einer Vielfalt neuer Technologien. Beispiele seien die regenerative Medizin bzw. Tissue Engineering, Zelltherapien, Nanomedizin, minimal-invasive chirurgische Technologien, hoch entwickelte biomedizinische Werkstoffe oder Telemedizin. Die größten Herausforderungen seien die Bewertung und Finanzierung von Innovationen. Problematisch seien hier die Verfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Der G-BA wolle im Krankenhausbereich strengere Regeln für die Einführung von Innovationen etablieren, während sich der BVMed für ein Festhalten am innovationsfreundlicheren Prinzip „Erlaubnis mit Verbotsvorbehalt“ ausspricht. Demnach werden neue medizinische Verfahren im Krankenhaus zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung vergütet, solange keine negative Entscheidung des G-BA vorliegt. Schmitt berichtete, dass Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt angekündigt habe, die für den Krankenhausbereich innovationsfeindliche Regelung der neuen G-BA-Verfahrensordnung nicht zu akzeptieren.

Im Erstattungsbereich sprach sich Schmitt für neue Finanzierungsmodelle mit mehr Wahlmöglichkeiten für die Patienten aus. Ein Beispiel dafür sei die so genannte „Delta-Finanzierung“, eine zeitlich befristete Differenzzahlung, bei der die Kosten des „Basisnutzens“ der Innovation von der GKV übernommen werden und der „Mehrnutzen“ optional vom Patienten bezahlt wird. Im Krankenhausbereich gebe es bereits die Möglichkeiten für Wahlleistungen, die über das „Ausreichende, Notwendige und Zweckmäßige“ hinausgehen (§ 17 Krankenhausentgeltgesetz). Allerdings sei dies bislang nur wenig bekannt.

Dr. Frank Fabian, Branchenanalyst der Deutschen Industriebank in Düsseldorf, bezeichnete die Medizintechnik als wichtigen Motor für die Volkswirtschaft. Der deutsche Markt sei mit einem Ausgabenvolumen von rund 20 Milliarden Euro der drittgrößte der Welt. Eine Spitzenstellung nehme die Medizintechnologie vor allem bei den Investitionen in Forschung und Entwicklung mit rund 7 Prozent des Umsatzes ein. Die deutsche Medizintechnikindustrie sei überdurchschnittlich wachstumsstark, allerdings nicht im Inlandsmarkt. Herausforderungen für die Branche seien neben dem wachsenden Druck auf die Gesundheitssysteme die zunehmende Internationalisierung oder kürzere Produktlebenszyklen. Entscheidend sei, ob die Innovationskraft der Branche erhalten bleibe. Fabian: „Es gibt keine nachhaltig wettbewerbsfähige Medizintechnik ohne Innovationen.“

Einen Überblick über die Zukunftsfelder der Branche gab Dr. Martin Zauner, Leiter des Studiengangs Medizintechnik an der Fachhochschule Oberösterreich in Linz. Die Medizintechnik sei multi- und interdisziplinär. Deshalb sei es so wichtig, verschiedene Bereiche zusammenzuführen. Wissenschaftliche Schwerpunkte seien z. B. Nanosysteme, die molekulare Biologie, Zellkulturen und Genmarker, Nanobiosysteme und die Informatik. Die Basistechnologien müssen dann überführt werden in „intelligente Systeme, die nicht mehr klinikfokussiert sind, sondern es ermöglichen, medizintechnische Leistungen zum Patienten zu bringen“. Diese Systeme müssten dann mobiler und billiger sein. Innovationsfelder für die Medizintechnik sieht Zauner u. a. in der Biosensorik, um Chiptechnologien auf biologischer Basis nutzbar zu machen und dann elektronisch weiterzuverarbeiten. Weitere Bereiche seien „Rapid Prototyping“ als Vorstufe für technische Lebenshilfen wie der Prothetik, digitale Mikroskopie, medizinische Robotik durch Sprachsteuerung oder die Medizininformatik. Visionär seien der EKG-Schlafanzug und intelligente Bettensysteme oder implantierbare Diagnosechips und Dosiergeräte. Sein Fazit: „Die Medizintechnik hat ein hohes Innovationspotential durch personelle und thematische Zusammenführung wissenschaftlicher Disziplinen.“

Die Finanzierungsseite beleuchtete Thom Rasche, Venture-Partner von Earlybird. Er plädierte dafür, dass Venturekapital mehr als Chancen- anstatt als Risikokapital angesehen werden müsse. Weniger Kliniken und Betten, kürzere Liegezeiten und wachsende Fallzahlen seien nur durch „effiziente Produkte“ möglich. Dies stimuliere einen enormen Innovationsschub. Der Medizintechnikmarkt sei dabei ein globaler Markt. Die größten Wachstumsfelder seien derzeit die Kardiologie und Orthopädie. Die Chancen für Deutschland liegen in dem großen Ingenieurspotential und der hervorragenden klinischen Forschung. Innovative Verfahren und Produkte hätten dann eine Chance, wenn der Patient im Mittelpunkt stehe. Der therapeutische und diagnostische Effekt der Innovation für den Menschen müsse signifikant sein und eine schnelle Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess ermöglichen. Rasche: „Was dem Patienten hilft, ist auch erfolgreich!“ Beim Venture Capital (VC) gebe es ein wachsendes Interesse an der Medizintechnik. In Deutschland sei das „Technologie-Output“ dabei durchaus wettbewerbsfähig, es fehle aber an einer VC-Infrastruktur und an Unternehmensgründungen. Kernfrage für die Finanzierung sei: kann das Unternehmen international bestehen? Denn: „Ohne den US-Markt läuft in der Medizintechnologie nichts.“

Dr. Michael Hoffmann, Geschäftsführer der Hemoteq GmbH in Aachen, präsentierte ein Praxisbeispiel für eine Neugründung im Medizintechnologiebereich. Das Unternehmen, das sich im sechsten Geschäftsjahr befindet, ist spezialisiert auf biokompatible Oberflächenbeschichtung von Implantaten, um diese körpergeeigneter zu machen. Bei der Finanzierung der Idee, die aus der Forschung an der Universitätsklinik heraus entstanden sei, habe man bei den lokalen Banken keinen Erfolg gehabt. Man sei an der fehlenden Sicherheit gescheitert und habe die Unternehmensgründung 1999 schließlich über Venturekapital finanziert. Der Durchbruch kam 2002 mit dem Medikament-freisetzenden Stent. Seit einem Jahr sei man in der Produktion. Der klinische Einsatz erfolgte bereits in über 20.000 Fällen. Derzeit habe man mit 33 Mitarbeitern über ein Dutzend Kunden in Europa, USA und Asien. „Das Unternehmen ist seit einem halben Jahr profitabel“, so Hoffmann.

Neue Modelle zu Vermarktung von Innovationen in der Medizintechnik stellte Stefan Widensohler, Geschäftsführender Gesellschafter der KRAUTH-Gruppe in Hamburg vor. Eine große Herausforderung für die Unternehmen sei derzeit die große Unsicherheit auf der Kundenseite, beispielsweise auf Klinikseite durch die DRGs und die Budgetunsicherheit. Es bestehe die Gefahr, dass Innovationen künftig „einen Bogen um Deutschland machen, weil die Vergütung im Markt nicht stimmt.“ Oder die Innovation komme verspätet bzw. setze sich nur langsam durch. Ein Beispiel sei der Medikament-freisetzende Stent. Damit Innovationen schneller ihren Weg nach Deutschland finden, forderte Widensohler staatliche Deregulierung – „Überregulierung ist der Tod jeder Innovation“ -, mehr Wettbewerb der Leistungserbringer untereinander sowie kreative Vermarktungskonzepte. Beispiele seien das Heranbilden von „Centers of Excellence“, aktives Patienten-Marketing sowie das Einbinden der Innovationen in bestehende fallbezogene Abrechnungskonzepte. Im Ergebnis sei dadurch eine Kalkulation eines Fixpreises pro zu behandelndem Patient im Rahmen eines Budgetvertrages des Dienstleisters mit der Klinik möglich. Widensohlers Fazit: „Wir müssen neue Wege gehen, beispielsweise über partnerschaftliche Budgetverträge. ‚Medizintechnik morgen’ heißt Partnerschaft.“

Sandra Mlodzian von der bayerischen Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK) berichtete über Möglichkeiten der Krankenkassen, Innovationen im deutschen Gesundheitswesen zu etablieren. Als Beispiel nannte sie die Modellvorhaben der TK, die folgende Ziele hätten: Verbesserung der Qualität der Versorgung; Steigerung der Effizienz der Versorgung; Erprobung neuer Leistungen, die nicht Gegenstand der GKV sind; Orientierung an den Bedürfnissen und am Bedarf der Versicherten. Forschung dürfe allerdings nicht Gegenstand von Modellvorhaben sein, sondern nur bereits klinisch erprobte Verfahren. Ein Beispiel sei das Modellvorhaben zur Vermeidung von Koronar-Restenosen (Stent-Projekt). Mlodzian: „Innovative Verfahren, die dem Patienten nützen, dürfen in Deutschland nicht am Geld scheitern. Das wäre inhuman und auch kurzfristig.“ Auch die Kassenvertreterin sprach sich dafür aus, neue Wege gemeinsam mit den Ärzten, den Kliniken und der Industrie zu gehen.

Neue Versorgungsformen stellte Erwin Bader von der Leistungsmanagement-Abteilung der AOK Bayern vor. Insbesondere bei den Integrierten Versorgungsmodellen sieht er „interessante Möglichkeiten für innovative Medizintechnologien“. Interessante Bereiche seien die Orthopädie bzw. Endoprothetik, Herzchirurgie, künstliche Ernährung mit einem 24-Stunden-Notdienst und Schulungen, chronische Wunden mit einem Wundmanager-Konzept sowie Homecare-Konzepte zur Vermeidung stationärer Aufenthalte. Nach Ansicht Baders werde sich das Gesundheitssystem weg von kollektivvertraglichen Regelungen hin zu einzelvertraglichen Lösungen entwickeln. „Bei den neuen Versorgungsformen können die Vertragspartner dies schon mal üben.“

Hinweis an die Medien:
Digitale Bilder zur Veranstaltung können im Internet unter www.bvmed.de (Bilder - Veranstaltungen) abgerufen werden. 300-dpi-Bilder können bei der BVMed-Pressestelle (Mail an beeres@bvmed.de) angefordert werden.


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