Erstattung von Medizinprodukten

BVMed-Symposium zur Herzunterstützung in Magdeburg: „Kunstherztechnologien helfen Menschenleben retten“

22.10.2002 - 71/02

Magdeburg/Berlin. Fortschritte bei den Herz- und Kreislaufunterstützungssystemen bieten Patienten mit schweren Herzerkrankungen eine echte therapeutische Perspektive. Patienten, die ansonsten auf der Warteliste für ein Herztransplantat versterben würden, können mit solchen Medizintechnologien gerettet werden und mit fast gleichbleibender Lebensqualität auf ein Transplantat warten. Das teilten Herzchirurgen auf dem Kunstherz-Symposium des BVMed zur Zukunft der Herzunterstützung im Rahmen der Herbsttagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) in Magdeburg mit. Durch die ständige Weiterentwicklung der Herz- und Kreislaufunterstützungssysteme und deren klinischen Einsatz kann dabei künftig auch den Patienten geholfen werden, die aufgrund von schlechten Lebensaussichten kein Spenderherz erhalten können.


Nach Ansicht des BVMed müssten Krankenkassen, Kliniken und Ärzteschaft die Probleme der Kostenübernahme dieser Systeme im Interesse der Patienten schnellstmöglich klären. Zur Zeit gebe es weder eine adäquate Finanzierungsregelung innerhalb des Fallpauschalenkatalogs noch eine sachgerechte Erstattung der Versorgungsaufwendungen im nachstationären Bereich. Prof. Dr. Ernst Wolner aus Wien forderte die Politik auf in Anbetracht der begrenzten ökonomischen Ressourcen eine Entscheidung zu treffen, welche Patienten mit dieser Technologie zukünftig versorgt werden sollen. Prof. Dr. Friedhelm Beyersdorf von der Universität Freiburg appellierte an die kardiologischen Fachkollegen, die betroffenen Patienten schneller auf die Wartelisten zur Transplantation zu setzen, damit durch den Einsatz von Herzunterstützungssystemen während der Wartezeit die Chancen für die Patienten verbessert werden.

Der Vorsitzende des Symposiums, Prof. Dr. Wolfgang von Scheidt, Kardiologe und Chefarzt aus Augsburg, befürwortete eine Verbreitung der Erfahrungen mit diesen Technologien auch für seine kardiologische Facharztgruppe. Die Erfahrungen der Herzchirurgen beim Einsatz dieser Systeme können die Kardiologen dafür nutzen, bei angezeigten Indikationen eine engere Zusammenarbeit zu fördern, damit eine optimale Patientenversorgung bei diesen schweren Krankheitsbildern erreicht werden kann.

Prof. Dr. Ernst Wolner, Leiter der klinischen Abteilung der Universitätsklinik für Chirurgie in Wien, erläuterte, dass in den letzten zehn Jahren bei der Indikation des Akuteinsatzes der Erfahrungsgewinn zur Patientenselektion und Management erheblich gewachsen ist. Die angewandten Systeme sind technisch sicherer geworden und die Biokompatibilität konnte verbessert werden. Dies hatte zur Folge, dass die Pumpzeiten verlängert werden konnten. Die bisher erreichten Ergebnisse bzw. Überlebensraten bei dieser Indikation bezeichnete er außer bei der akuten Myokarditis, bei der die Überlebensrate von Patienten nach 3 Jahren eine Erfolgsquote von bis zu 60 % aufweisen, als eher schlecht. Aus ökonomischen Gesichtspunkten empfiehlt er primär den Einsatz von technisch einfachen Systemen. Nach einer Stabilisierung des Patienten sollten die  Systeme “Bridge to bridge“ bis zur Transplantation eingesetzt werden.

Prof. Dr. Friedhelm Beyersdorf, ärztlicher Direktor der Herz- und Gefäßchirurgie der Universitätsklinik Freiburg, betonte in seinem Vortrag auch die ökonomischen Aspekte dieser Technologien für die Kliniken. Die heutigen klinikindividuellen Vereinbarungen mit den Kassen lassen unter einem gedeckelten Klinikbudget wenig Spielraum für einen quantitativen  Einsatz von implantierbaren Herzunterstützungssystemen. Zwar werden im Einzelfall durch vereinbarte Sonderentgelte sowie den tagesgleichen Pflegesätzen diese Systeme für die Klinik erstattet, jedoch wird dies in Zukunft nicht mehr leistbar sein. Zur erfolgreichen Weiterentwicklung dieser Herzunterstützungssysteme müssen die notwendigen Vorraussetzungen geschaffen werden. Insbesondere muss eine Einigung unter den Fachkollegen angestrebt und die dazu notwendigen Ausbildungsrichtlinien vereinbart werden. Er forderte die Konzentration auf neue Therapiemöglichkeiten, die den langfristigen Einsatz und Ersatz für eine Transplantation ermöglichen können.

Dr. Johannes Müller, Oberarzt am Deutschen Herzzentrum Berlin, betonte besonders die Frage der Lebensqualität der Patienten mit Herzunterstützungssystemen. Die heute implantierbaren Systeme ermöglichen den Patienten in gewissem Umfang ein normales Leben bis zum Zeitpunkt der Transplantation. Durch tragbare Antriebseinheiten, die der Patient mit sich führt, wird es den Patienten ermöglicht, sich in seiner häuslichen Umgebung aufzuhalten. Zudem verhelfen diese Systeme, zum Beispiel bei der Indikation einer akuten Myokarditis, den Erholungsprozess des Herzens voranzutreiben. Dadurch kann das erholte Herz seine Funktion zum größten Teil wieder aufnehmen und der Patient benötigt keine Transplantation. Auch ist eine Entfernung des Systems möglich.

Prof. Dr. Reiner Körfer, ärztlicher Direktor des Herzzentrums in Bad Oeynhausen, berichtete über die Anwendung der vollimplantierbaren Systeme und den Langzeiteinsatz der Systeme bei Indikationen, die keine Transplantation zulassen. Die bisherigen Erfahrungen basieren auf klinischen Studien. Der Vorteil dieser Systeme im Vergleich zu teilimplantierbaren Systemen ist die Beseitigung der Infektionsgefahr durch die nicht mehr benötigten Schlauchverbindungen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Überlebensraten von mehr als zwei Jahren nach dem Einsatz dieser Systeme berechtigte Hoffnung aufkommen lassen,  über einen langen Zeitraum Patienten  mit Herzunterstützungssystemen zu versorgen und damit eine echte Alternative zur Transplantation zu bieten.

Der Bundesverband Medizintechnologie (BVMed) hatte im Frühjahr 2002 eine neue Projektgruppe "VAD/Kunstherz" für Hersteller von Kunstherzen und Herzunterstützungs-Systemen gegründet. Ziel der Gruppe ist das Bekanntmachen der neuen Therapiemöglichkeit bei den Fachärzten sowie die Information der Entscheidungsträger und der Öffentlichkeit, um eine Aufnahme der Systeme in das neue DRG-Klassifizierungssystem zu erreichen.


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